Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1892)
- Date
- 1892-04-29
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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206 des Innern ihnen eine 'Audienz für den nächsten Tag bewilligt habe. Sie glaubten jedoch diese Einladung ablehnen zu können und hielten es nicht für nöthig, nach St. Petersburg zurück zu kehren und ihre Gesuche zu erneuern. Die von den Mitgliedern während ihrer Untersuchung bereiste Gegend befindet sich zwischen Moskau und demjenigen Theil des Landeswelches bekannt ist als „Niederlassungsrayon" der russischen Juden. Die Zustände in Moskau sind das Resultat derselben Politik, welche die Mai-Gesetze geschaffen hat. Eine große Zahl jüdischer Kaufleute, geschickter Handwerker und Arbeiter beiderlei Geschlechts halte in Moskau festen Wohnsitz genommen, weil ihnen die kaiserlichen Edikte auch Freiheit außerhalb des „Niederlassungs-Gebietes" bewilligt hatten. Die Mai" Gesetze betrafen sie nicht direkt, aber die Erneuerung derselben wurde als das Vorspiel einer schärferen Handhabung dieser Gesetze betrachtet, bestimmt, sie in die Klasse der Juden zurück zu versetzen, welche gezwungen sind, sich in dem ihnen angewiesenen Rayon niederzulassen. Mittel, um diese Austreibung in großem Maßstabe zu beginnen, wurden leicht gefunden. Erst machte man Schwierigkeiten bei der Erneuerung der für die Handwerker bestimmten Zeugnisse, welche die Korporationen mit jüdischen Mitgliedern ausstellen mußten, ohne daß man jedesmal bei der Ausübung oder bei der Zusammensetzung der Statuten eingreifen konnte. Man fand einen Vorwand, um jene Zeugnisse für ungiltig zu erklären, indem man die Werkstätten aufsuchte, wo jüdische Handwerker beschäftigt waren. Es wurde eine Zeit gewählt, wo jene Leute abwesend waren, um Arbeiten abzuliefern oder neue zu holen, oder wenn man genau wußte, daß sie sich entfernt hatten, um ihre religiösen Pflichten zu er" füllen. Es wurde ein Bericht abgefaßt, welcher besagte, daß jene Personen nicht in den betreffenden Werkstätten arbeiten, und daß sie in betrügerischer 'Absicht als Korporations-Mitglieder eingetragen seien. Andere Anklagen wurden in einer gesuchten und sicherlich and) ungerechten Anwendung des Gesetzes gefunden, die darin bestand, daß sie einem Handwerker nur die von seiner Hand angefertigten Erzeugnisse zu verkaufen erlaubte. Man vertrieb Uhrmacher, weil sie Uhrschlüssel verkauft hatten, die nicht von ihnen selbst angefertigt waren, inan verweigerte Schneidern das Recht des Aufenthalts unter dem heuchlerischen Vorwände, daß die von ihnen gebrauchten Knöpfe, das Erzeugniß einer anderen Korporation als der ihrigen seien. Der Wunsch, die praktische Ausführung der erschlichenen, aber keineswegs dekretirten Gesetze zu erläutern, giebt den Mitgliedern der Kommission Veranlassung zu einem kurzen, sarkastischen Kormnentar. Sie berichten, daß die Ausführung der Dekrete einen derartig zufriedenstellender: Erfolg bei der bestehenden Macht erzielte, daß daraus das Juli-Edikt entstand, welches der Vertreibung der Inden einen gesetzlichen Stempel verlieh. Infolge dieses Gesetzes mußten Kaufleute von bestem Rufe mit gefestigter, sozialer,Stellung ihre Karriere opfern und wurden vaterlandslos. Mar: vertrieb Bankdirektoren und Kassirer mit ebenso wenig Unrständen, wie Ladendiener oder 'Arbeiter. Selbst die Korporations-Vorsteher wurden wie einfache Wegelagerer behandelt, rmd der einzige Trost, der ihnen blieb, bestand darin, daß das ihnen zugefügte Unrecht ein wenig größer war als das der Gemeirrschaft, der sie ihr Lebelang angehört hatten. Es haben sich außerdern in Moskau einzelne Fülle von Grausamkeiten zugetragen, deren Glaubwürdigkeit man bezweifeln möchte, wenn sie nicht durch die Mitglieder der Kommission aufs Nachdrücklichste bestätigt wären. Man verweigerte Schwerkranken die Aufnahme in die Hospitäler, selbst bei einen: von den: Chef-Arzt und dessen Assistenten bescheinigten Falle von Wasserscheu .Der einzige Grund war der, daß die Kranken Juden waren. Die Mißhandlung von unverheiratheten Frauen zeichnete sich auf einem andern Gebiete aus. Die Kommissäre zogen in einen: Falle, wo es sich um eine Wäschehändlerin handelte, direkte Erkundigungen ein, und es stellte sich heraus, daß dieses arme Weib versucht hatte, ihrem Leben durch Ertränken ein E::de zu machen, weil ihr, um der Ausweisung zu entgehen, nur noch übrig blieb, die gelbe Karte der polizeilich bescheinigten Prostituirten zu verlangen. Trotz der Zweifel des Herrn Arnold White und anderer Leute fanden sie die Wahrheit dieser Thatsachen bestätigt. Das Resultat ihrer Prüfung in diesem Falle, sowie in Fällen ähnlicher Natur war, daß nach ihrer Ansicht den jungen, jüdischen Frauen nur zwei Wege offen stehen, entweder den orthodoxen Glauben anzunehmen, oder die Reihen der Prostituirten zu vermehren. Ein Abstecher nach Wilna liefert einen neuen Beweis der russischen Methode, wie man dort mit Frauen umgeht. Es handelt sich um den Fall einer Frau Dimenstein, die u:it ihrem Gatten und ih ren beiden Kindern in der Hauptstadt der Provinz wohnte. Ihr Gatte war Handwerker, und zwar Kürschner, und besaß die gesetzlich vorgeschriebene Aufenthalts-Erlaubniß. Zweimal wurde er von der Polizei ausgesucht; beim ersten Mal war er grade im Begriff, seine Arbeit abzuliefern, beim zweiten Male war er nicht zu Hause, weil er wieder Arbeit abzuliefern hatte. Man beschuldigte ihn, daß er kein Handwerker sei und daß er sich ohne Arbeit befände. Er erhielt den Befehl, im Laufe des Monats die Stadt zu verlassen, obgleich ihm urehrere Christen bescheinigt hatten, daß er ein Handwerk ausübe und sogar für sie gearbeitet hätte. Er versuchte einen Aufschub des Befehls zu erlangen, weil seine Frau in allernächster Zeit der Entbindung entgegensah. Dieser Ausschub wurde ihm nicht bewilligt und er beabsichtigte nach Leipzig zu reisen, wo er einen neuen Wohnsitz zu nehu:en gedachte, in der Hoffnung, daß seine Frau ihm nach der Entbindung dorthin folgen werde. Aber auch seine Frau erhielt nicht die Erlaubniß, länger als er zu verweilen, und mußte nnt ihm zusammen die Stadt verlassen. Da die Entbindung jede Stunde zu erwarten war, nah::: sie eine Hebeamme mit, und schon am nächsten Tage stellten sich Geburtswehen ein. Man erlaubte ihr bei der nächsten Station, wo sie zwei Stunden später einem Kinde das Leben gab, ihren Fahrschein umzutauschen. Hier durfte sie sich einige Stunden aufhalten und wurde dann wieder nach ihrem alten Wohnsitz nnt der Eisenbahn befördert. Die Kommissäre schilderten Frau Dimenstein als eine Frau mit feinen Manieren und gewählten: Geschmack, sie zeigte ihnen mit Freuden nnd Stolz die Photographie ihres Gatten, welche die Züge eines intelligenten Mannes von anziehendem Aeußeren verrieth. Unter Anderen: berichtete sie, daß der Zugführer ihr erzählt hätte, ihr Fall stehe nicht einzig da, erst kürzlich habe eine gleichfalls ausgewiesene Jüdin auch in: Eisenbahuzuge ihre Niederkunft abgehalten. Ein anderer viel tragischerer Fall ist die kurze Erzählung einer Frau Epstein, die in dem „Gebiet" vor den Thoren Moskaus wohnte, zur Zeit, als die Polizei dort Heimsuchungen anstellte. Mitten in der Nacht wurde sie von ihren: Gatten und Kindern getrennt und flüchtete auf einen christlichen Kirchhof, wo ihre Mutter sie an: nächsten Morgen fand. Sie war voll ständig ohne Bewußtsein, :u:d das Kind, das sie in der Nacht zur Well gebracht hatte, fand man tobt zu ihren Füßen. Eine andere mit Hartnäckigkeit abgeleugnete Grausamkeit hatte ebenfalls die Aufmerksamkeit der Kommissäre erregt, es betraf dies die aus Etappen-Wege erfolgte Deportation der vertriebenen Juden, denen mau wie gewöhnlichen Verbrechern Handfesseln angelegt hatte. Die Mitglieder der Konnnission gaben in ihrem Bericht den Wortlaut der betreffenden Befehle wieder, und zwar bestand in einzelnen Fällen das Verbrechen der Opfer nur darin, daß sie sich geweigert hatten, sich taufen zu lassen. Sie erzählen in kurzen Worten die einzelnen der von ihnen in Moskau beobachteten Fälle und schließen mit der Wiedergabe der Eindrücke, welche sie in dem Saale des dortigen Hilfskomitees empfangen haben. Sie sahen hier, wie die armen Unterdrückten sich in Massen zusammendrängten, um den schrecklichen Nachforschungen der Polizei oder der ihnen bevorstehenden noch schrecklicheren Reise auf Etappen-Wege zu entgehen, wenn sie bei ihrer Festnahme nicht genügende Mittel besaßen. Fast Alle waren Handwerker, Leute, die einen kleinen Handel betriebenchatten, denen man Geschicklichkeit und Wohlanständigkeit ansah, und alle erzählten dieselbe Geschichte. Der Schneider, dessen Kundschaft das Land verlassen mußte, der Metzger, den die Auswanderung an den Bettelstab gebracht hatte, Greise, Frauen und Kinder, die sich Almosen erbettelten, um den sie um gebenden Greuelthaten zu entrinnen, ganz gleichgiltig, nach welchem Orte sie fliehen konnten. Die Wohnhäuser waren zerstört, die Geschäfte lahm gelegt, und die Zurückgebliebene:: konnten nur mit ihrer Unschuld Protest erheben, da ihr einziges Verbrechen :var, Juden zu sein. Alle bekundeten das sehnlichste Verlangen nach Arbeit und Gründung einer neuen Existenz. Es war ihnen gleichgiltig, ob dies in Amerika, in Brasilien, in Afrika oder in Argentinien stattsinden konnte, sie hatten nur den einzigen Wunsch, ihren Peinigern zu entrinnen. Das Gefühl dieser Leute, wie es wohl in der Brust jedes russischen Juden wohnt, drückte ein intelligenter Auswanderer dem Rabbiner von Kowno gegenüber folgender maßen aus: „Ich reise nach Amerikc, weil dort für mich noch etwas zu erhoffen ist. Hier stehen mir nur Grausamkeiten bevor. Meine