Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1892)
- Date
- 1892-04-22
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227949--48780-3269434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
203 reden eines Andern, sondern aus eigenem Antrieb den Entschluß, Christ zu werden, gefaßt hatte; denn warum — sagte er sich im Stillen, als er die Sache überdachte — das, was wir auf Zureden eines Andern thnn, bereuen wir oft gar sehr. Man nmß sich selber zu was entschließen! Das, was man aus freiem Antrieb thut, das heißt männlich gehandelt, und so was bereut man auch nicht! Jossef und Marie schwammen in einem Meer von Wonne. Sie hatten nun ein Leben vor sich voll Entzückungen. Das Bewußtsein, einander für's ganze Leben hinaus anzugehören, durchströmte sie mit lauter Seligkeit und sie empfanden in jedem Augenblick den Vorgeschmack des Glücks aller kommenden Tage. Görg war mit der Sache freilich nicht sehr einverstanden, denn daß Joffes sich taufen lassen und Christ werden wolle, war für tl)u noch nicht Grund genug, demselben die schöne Marie zu gönnen. Er fühlte sich nun einmal zurückgesetzt und den Jungen aus der „Gasse" sich vorgezogen. Sein Haß gegen den begünstigten Nebenbuhler stieg, anstatt abzuuehmeu; denn wenn er sich früher getröstet hatte, daß der „Ochsen-Junge" — wie er ihn nannte — die Marie ja doch am Ende nicht heirathen könne, weil er ein Jude sei, — so fiel jetzt mit der Taufe des Juden dieser Trost weg, und so ließ er denn seinen Groll gegen Honza aus, mit dem er am Ende des Dorfes zusannnentraf. Finkel, die mit den Ochsen ihres Vaters eben ankam, traf noch rechtzeitig ein, um einige Worte der beiden Männer, die int heftigen Widerspruche einander da gegenüberstanden, vernehmen zu können. „Und ich sag's noch einmal und noch hundertmal" — rief Görg — „es ist und bleibt eine Lumperei. Und wenn er sich auch taufen laßt mit allem Weihwasser, das in der Kirch ist, so ist er doch nur ein getaufter Jud und ich bin ein Christ." „Wenn er sich taufen läßt, so ist er so gut Christ wie Du" — antwortete Honza. „Und wenn auch" — rief Görg — „er darf die Marie doch nicht kriegen!" „Wer wird's ihm wehren?" — fragte Honza ruhig. „Ich!" — rief Görg — „ich werd' dem Duckmäuser einen Herrn zeigen! Wenn ihnl der Niederhuber die Marie auch giebt, er wird sich nicht lange mit ihr freuen; ich werd' ihn schon wo zu finden wissen." „Untersteh Dich, ihn anzurühren," — sagte Honza darauf bestimmt uitb fest. Finkel hatte genug gehört, um zu wissen, was mit ihrem Bruder vorgeht; denn das konnte ihr nicht entgangen sein, von wem hier stoischen den Beiden die Rede war. Sie uulßt es glauben, und glaubt es doch wieder nicht. Sie hatte es deutlich vernommen, ihr Ohr hatte sie nicht getäuscht, aber ihr Herz wollte nichts davon wissen und bäumte sich dagegen auf. Wie? Jossef, ihr Bruder, der Sohn der frommen Jittesch, sollte seine Familie und seine Religion verleugnen und verrathen? er sollte Christ werden eines Mädchens willen, er, der gute Sohn, den Eltern die bitterste Kränkung zufügen, von der sie im Leben getroffen werden konnten? Nein, nein — es kann nicht sein! Ihr Herz empörte sich gegen den unseligen Gedanken, und sie eilte hin zu ihm, ihm ins Auge zu blickeil und darin zu lesen, daß Alles, was sie da gehört, nichts als leerer Schall gewesen sei; sich an seine Brust zu werfen und ihn nicht wieder los zu lassen aus den schwesterlichen Armen, bis sie ihn heinl gebracht, heim zu den Eltern — den verlorenen Sohn. — Armes Mädchen! wie sehr dein Herz sich dagegen empört, und es ist doch so und es war kein leerer Schall, was dein Ohr getroffen. Arme Schwester gehe hin und sieh ihll an, sieh den Bruder, ob du ihn noch wieder zu erkennen vermagst! Bruder und Schwester saßen neben einander in der säuberlich eingerichteten Wohnstube des alten Niederhuber. Sie waren allein beisammen und ullgestört von jedem lalischenden Ohr. Honza und Brigitte hatten dieses Alleinsein der betben Geschwister zwar nicht gern gesehen, denn sie konnten sich es wohl denken, daß die Schwester gekommen sei, den Bruder zu holen, und sie fürchteten, daß es ihrer Macht über ihn gelingen möchte, ihn voll seinem Vorsatze abzubr'nlgell. Der alte Niederhuber jedoch war der Meinung, man müsse das Alleinsein der Geschwister in keinem Falle stören, sondern es zu befördern suchen. Die Schwester soll ihre Macht unb ihren Einfluß auf den Bruder geltend lnacheil, es sei ihm dies sogar erwünscht. Es werde dadurch nur eine Probe abgelegt, die für die Zukunft seines Kindes voll heilsamer Folge sei. Ist Jossefs Elltschluß so schwach und steht er auf so schwankem Grunde, daß die Schwester durch lhre Ueberreduilg ihn davoll zlirückzllführen im Stande ist, dann war still gallzer Vorsatz auch nur eine angenblickliche Aufwallung, gefaßt in leidenschaftlicher Erregtheit, und llicht errlst gemeint, lllld es sei besser, er konnne jetzt lloeh zllr Besillllllllg, ehe der wichtige Schritt gethan ist, als daß er später ben gethanen Schritt bereue unb sich und seinen! Weibe das Leben vergälle. Kehrt er zurück, dann habe Marie an ihm nichts verloren, und es sei besser, daß sie ihn nie besitze, als daß sie seinen Verlust später beweine. Bleibe er aber standhaft, beharre er fest auf seinem Vorsatze trotz der lleberrednng der Schwester, dann habe er damit den Beweis geliefert, daß sein Vorsatz ernst gemeint sei, daß er stillen Entschluß ansznführen den festell Willen habe, und daß auch die Kraft in ihm wohne, für alle Zukunft anf sich selber zu stehen unb sich von allen verderblichen Einflüsterungen widerstalldsfähig unb männlich abznw nden. Und Marie, welche zwischeli Honza unb Brigitte auf der einen unb dem Vater auf der andern Seite in der Mitte stand, theilte die Besorgiliß der Ersteren, und mußte der ehrlichen und verständigen Anseinandersetzung des Vaters Recht geben. Auch hätte sich ihr lveibliches Gefühl und ihre edle Gesinnungsweise dagegell gesträubt, die zarten Familienbande zwischell Bruder lllld Schwester mit plumper Hand anzlltasten oder gar mit roher Hand zu zerreißell. So sitzen beim Bruder und Schwester in der Wohnstllbe des alten Niederhuber allein neben einander. (Fortsetzung folgt.) U Moses Mendelssohn und die Fronen. Bon Tr. Adolph Ko Hut. Bon dem ebenso interessanten als lehrreichen Bricfivechsel, den der edle Weltwelse mit der geistig bedeutenden Fron v. d. Recke pflegte, mögen als Probe des schriftlichen Verkehrs zwischen Beiden nur die beiden nachstehende» Zuschriften hier iviedergegeoen lverden. 1. „Theuerstc Elise! Ueberbrrnger Dieses, inein Sohn Joses, hat den Auftrag von meiner ganzen Familie, Sie ihrer ungetheiltcn Hochachtung und Freundschaft zu versichern; und es gefiiilt mir, das; er, seiner anscheinenden Krankheit ungeachtet, zu bescheiden ist, sich einer Person, die er so hochzuschützcn gelernt hat, ohne Entpfehlnng zu naher», „Sie hat Dich doch gesehen, lieber Sohn! und ihr ist nichts umuillkommen," sprach ich, „das ans unserem Hanse kommt." — „Büch hat sie lange wieder vergessen," antwortete er; „und überhaupt macht mich nichts so schüchtern als die Hochachtung". — Er hat allerdings Recht, der gute Junge; und Niemand empfindet das besser aii Berlin, den 1. September 1785. Moses Mendelssohn."