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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-22 · Heft 17 (22.4.1892) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 17 (22.4.1892)
Date
1892-04-22
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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„Hat die ihn einmal gefangen, so wird sie Dir ihn nicht zurückgeben." „lind hat er mich auch gern?" „Die andere hat er lieber." „lieber als mich?" „Lieber als Dich, lieber als wie seine Schwester, lieber als wie seinen Bater, als wie seine Mutter." „Du lügst!" - ries das Mädchen. „Armes Kind!" —sprach die Zigeunerin — „las; ihn laufen; er lvird es einmal bereuen! zu spät!" „Nein! nein!" — ries Unkel — „es ist noch nicht zu spät; ich mus; ihn heim bringen; ich muß, ich muh! ich hab's meinen Eltern versprochen!" - und so liest sie die Zigeunerin stehen und eilte weiter. Kaum war sie einige Schritte gegangen, da hörte sie ihren | Namen rufen, und als sie sich umwendete, rief Michel Dorfgeher,! der eben des Weges hinter ihr herkam: „Fintel, was läufst Du so?! mau kann Dir ja gar nicht Nachkommen! Was hast Du da mit der! Zigeunerin vorgehabt?" j Der Torsgeher war während dieser Fragen an das Mädchen, j das auf ihn wartete, herangekommen, und sie setzten nun den Weg j selbander fort. Bündige Auskunft konnte ihm Finkel auf feine! Fragen nicht ertheilen. Warum sie so sehr eile, konnte sie nicht! sagen, beim sie schämte sich zu gestehen, daß sie den Bruder suche, sie schämte sich zu gestehen, dast er die Nacht nicht nach Hanse gekommeu sei. Deshalb suchte sie mit allerlei Zwischenfragen und Zwischenreden, die sie an dies und jenes anknüpfte, seinem forschenden Auge auszuweichen. Indem sie dieses that, ward es ihr aber klar, dast sie ja auch im Torfe auf ähnliche Fragen zu antworten haben werbe, und namentlich dem Niederhuber, dein Fleischhauer, sollte ihr Bruder nicht bei ihm sein, ihm werde sie ja doch sagen müssen, weshalb sie eigentlich zu ihm herauskomme. So dachte sie denn an etwas Anderes, als an das, wovon sie mit dem Dorfgeher eben sprach und zeigte hierdurch ein auffällig zerstreutes Wesen. Sie kamen an dem Walde vorbei, der ihrem Bruder gestern Abend Veranlassung zu so düstern Gedanken gegeben; an dem Teich vorüber, aus dein ihm gestern das Quaken der Frösche entgegenscholl, an dem Kirchhof vorbei, der ihn die groste, gewaltige Unruhe seines Herzens nur uni so tiefer empfinden liest. Der Wald hatte jetzt nichts Düsteres, nichts Unheimliches; er lud vielmehr ein, sich in seinen Schatten 511 begeben und vor der höher aufsteigenden Sonne Schutz zu suchen. Im Teich war es jetzt still, denn die Nachtmusikauten lassen sich am Tage nicht hören, und der Kirchhof, dessen Kreuze und Steine im Glanze des Mondenscheins ein magisches Aussehen haben, erweckt ganz andere Gedanken und Empfindungen, wenn diese statt vom Monde, von der Sonne beglänzt werden und wenn das geschäftige Tagestreiben der Landleute die Ruhe, die endlich jedes Meuschenherz da findet, vergessen lüstt. So ging die Schwester denn allerdings in ganz anderer Stimmung an diesen! Ort vorbei, als der Bruder am "Abend vorher; aber frei war ihr Gemüth darum doch nicht, beklommen und beängstigt fühlte sie sich nicht minder als er, und mu so beklommener und beängstigter, je näher sie dem Ziele ihrer Wanderung kam, je näher der Augenblick heranrückte, wo ein Wort, ein Blick es ihr sagen tonnte, ob sie den Bruder findet oder nicht. Indem sie nun so weiter ging, traf sie einen Trieb Ochsen, der ihrem Vater gehörte; sie erkannte zwar nicht die Ochsen als ihres Vaters Eigenthum, wohl aber erkannte sie den Ochsenlreiber, der bei ihrem Bater in Diensten stand. Und wie das Bewusttsein des Besitzes iuuner den Muth stärkt und belebt, so fühlte j auch sie beim Anblick der ihrem Vater gehörigen Thiere, die oa! , ruhig aufs Dorf hinaus gingen, ihren Muth wachsen, sie fühlte, j dast sie um Antworten auf etwaige Fragen nicht verlegen sein lverde, j sie kam — in Geschäftsangelegenheiten, sie kam zu dem Fleischhauer, mit j den Ochsen ihres Vaters; der Vater hatte diesmal sie anstatt des | Bruders gesendet. Warum? Das geht Niemand an; weil er es just! so gewollt. Wer hat ihm denn etwas vorzuschreiben? Konnte Wolf als Ochsenhändler mit seinen eigenen Ochsen nicht schicken, wen er eben wollte? — Und mit diesen Betrachtungen, die sie im Stillen bei sich anstellte, nahm sie dem Ochsentreiber, um sich in ihre Sendung ja ganz hineinzuleben, sogar den Stecken aus der Hand und ging rufend und antreibend mit diesem hinter den Thieren her. Der Dorfgeher, dem ih: zerstreutes Wesen umhin schon aufgefallen war, konnte sich jetzt wieder über das resolute Mädchen, welches ihre gewöhnliche Starke und Festigkeit ganz wieder zurückgewonnen zu haben schien, erst recht nicht genug verwundern. Während des Mädchen den Weg von ihrer „Gasse" ins Dorf heraus zurücklegte, hatte sich hier so manches Wichtige begeben, wovon die Nachricht im Dorfe bereits von Mund zu Munde ging. Görg hatte in aller Frühe, wie er es sich in der Nacht vorher vorgenommen, beim alten Niederhuber um die Hand der Tochter angehalten und war niit seiner Werbung zurückgewiesen worden. Um ihn nicht zu beleidigen, hatte der Fleischhauer die Ablehnung in eine Form gekleidet, die nur geeignet war, das leidenschaftlich erregte Gemüth des reichen Bauernsohnes gegen den aus der „Gasse" noch mehr zu verbittern. Niederhuber hatte ihm nämlich gesagt, dast er mit seiner Werbung zu spät konune, denn die Hand seiner Tochter sei bereits vergeben. „Vergeben und seit wann?" — rief Görg, da er die überraschende Antwort erhielt. „Vergeben seit einer Stunde." „Und an wen? doch nicht an den Judenjungen?" „Jossef lvird Christ werden, er lvird sich taufen lassen!" Und dem war wirklich so; der alte Niederhuber hatte ihm nicht mehr gesagt, als er selber wusste. Die alte Brigitte war ganz erstaunt, dast es ihrer Dazwischenkunft in der Sache gar nicht bedurfte. Sie hatte sich schon so gut darauf vorbereitet gehabt, was sie dem Jossef Alles zu sagen habe, wie sie mit ihm reden und wie sie endlich das Kind beim rechten Namen nennen und mit der Sache herausrücken lverde; sie hatte sich schon im vorhinein auf den Triumph gefreut, 'wenn sie mit dem Jungen hintreten lverde vor den alten Meister und ihm sagen werde: Da habt Ihr ihn, Meister Niederhuber; dieser da will Eure Marie haben, und wistt Ihr, was er thun wird, er lvird Christ werden, Christ sein, wie Ihr seid. — Auf das Alles hatte sich die alte Brigitte schon herzlich gefreut, und das Alles war jetzt nicht mehr nöthig; denn Jossef war ihr zuvorgekommen und hatte aus eigenem Antrieb gethan, wozu sie ihn bewegen gewollt, und gerade da sie sich dazu anschickte, mit ihm zu sprechen und ihre wohlgesetzte Reoe zu halten, erfuhr sie die merkwürdige Neuigkeit aus Niederhubers eigenem Munde, daß Jossef bereits um Marien angehalten, dast er entschlossen fei, sich taufen zu i lassen, und dast die Verlobung der beiden jungen Leute auch gleich! nach der Taufe stattfinden lverde. Hatte die alte Brigitte das! blonde Mägdlein nicht gar so lieb gehabt, sie würde sich darüber geärgert haben, dast das Alles so rasch abgemacht worden, ohne daß man ihre Hilfe dabei in Anspruch nahm; sie lvar dem Mädchen aber gar gut, die alte Brigitte, und so freute sie sich herzlich über die vollbrachte Thatsache, wenn sie auch an dem Zustandekonnnen derselben nicht jenen Antheil hatte nehmen können, den sie für sich so gern in Anspruch genommen hätte. Der alle Niederhuber hingegen freute sich, daß sein zukiinftiger Schwiegersohn nicht durch Zu-

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