Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1892)
- Date
- 1892-04-22
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seele des Bruders eine große, unid)tu\c Wandlung vollzogen. Buch er halte mimlid) Houzas yiuf, welcher dem allen Niederhuber zu der Aenßerung, daß der Honza mit ihm es nicht schlecht meine, Veranlassung geliehen, durch das ein wenig geöffnete Fenster hindurch vernommen, und er ward mächtig non demselben ergriffen. Ein Licht ging ihn; ans. das ihm leuchtete und den Weg wies, heraus ans seiner Finsternis; und Bedrängnis;: und in der leidenschaftlichen Erregung, in der er eben die Worte gerufen hatte: „Marie, ich kann nicht, ich kann Dich nicht verlassen!" rief er jetzt: „Rein, Marie, ich werde Dich nicht verlassen! ich seh den Weg, der uns zusammeufnhrt mib uns verbindet für die Ewigkeit! ich seh ihn und ich werd' ihn gehen!" „Die arme Finkel!" Wen;; sie das gewußt hätte! Vieles ging ihr durch den Kopf, an so was aber konnte sie nicht denken, daß ihr Bruder damit umgehe, sich von seiner Religion, von seiner Familie — denn eins hing mit dem andern zusammen - eines Mädchens wegen loszusagen! Der Tag brach an. Jossef war noch immer nicht zu Hause. Nun begannen die beiden Eltern sich gegenseitig mit vorwurfsvollen Blicken anzusehen, und den vorwurfsvollen Blicken folgten bald vorwurfsvolle Reden. Die Mutter meinte, der Vater sei gegen den Sohn zu heftig gewesen, der Vater hingegen meinte gerade dasselbe von ihr. Man hätte ihm nicht müssen so scharf zu Leibe gehen, man Hütte bedenken müffen, daß er ja kein Kind sei, das man zu einer Sache zwingen kann, und wenn er rum einmal durchaus nicht null, so will er nicht, und es sei Unrecht, ihm eine Braut, für die er keine Neigung hat, durchaus und mit Gewalt aufdringen zu wollen, und Finkele habe eigentlich ganz Recht, und wem; man es überlegt, so sieht inan es gleich, das; sie Recht hat mit dein, was sie schon gestern gesagt hat, daß Jossef lind Mir! Asrieles nicht für einanber passen. Von dieser Ueberzeugung waren sie jetzt Beide durchdrungen, von der Ueberzeugung, das; dem Sohn Unrecht widerfahren sei, nur wollte weder Vater noch Mutter das Unrecht begangen haben, sondern Jeder schob es auf die Seite des Andern. Finkel konnte das nun länger nicht mehr ertragen. Der Bruder war davor: gelaufen und sie wußten nicht, wohin; jetzt noch überdies Zank und Streit zu Harffe, Uneinigkeit zwischen Vater und Mutter, es that ihr zu wehe, dies mit anzusehen und anzuhören. Deshalb sagte sie entschieden: „Mutter-Leben, red' nichts mehr, und Du Vater- Leben, sei stak, und thllt Euch gegenseitig nicht das Leben verbittern. Was wollt Ihr haben? was ist denn geschehn? Weil Jossef einmal über stacht nicht daheim ist? Und was ist? paketel! Verloren wird er sich haben? ein kleines Kind ist er? Gestern Nacht ist er aus der Wieg' herausgefallen? Setzt Euch lieber nieder und thut frühstücken. Und Jossefen werd' ich bringen. Ich tueiV ihn suchen gehn und ich werd ihn finde;;." Ob Finkel in den; Augenblicke, da sie diesen Entschluß faßte gewußt hat, wo sie hinzugehen habe, u;n den Bruder zu finden? ja und nein. Gesagt hat ihr's Niemand, aber ihr Gefühl, ihr müdchenhafter Instinkt war Leiter und Wegweiser genug. In der „Gasse" ist Jossef nicht, in der „Gasse", wo er bei seinen Eltern daheim war, kann er nicht über Nacht geblieben sein in einem fremden Hause, ohne zu den Eltern heimzukehren. So viel Zartsinn koünte sie dem Bruder zutranen, daß er seine Eltern nicht in so gröblicher Weise verletzen rverde. War er über Nacht außer den; Hause, so war er auch außerhalb der „Gasse", ja, außer den; Orte. Wo er hingegangen, das war hiermit freilich noch nicht aufgeklärt, allein dem Auge einer Schwester entgeht es nicht leicht, wenn der Bruder ein Mädchen schön findet; hatte Jossef seine Schwester in Bezug auf seine Herzensangelegenheiten auch nicht ins Vertrauen gezogen, hatte er ihr auch nicht die Tiefe seiner Neigung für die schöne Tochter des Fleischhauers erschlossen, so war ihr doch niauches hingeworfene Wort, inanche absichtslos gemachte 'Andeutung Fingerzeig genug, u;u sich an die Torfschönheit mit mehr als gewöhnlicher Theilnahiue zu erinnern und wenn es ihr vollends auch nicht in den Sinn kan;, an eine ernste Absicht ihres Bruders in Bezug auf die blonde Marie zu denken, so war es ihr doch mehr als bloße Vernnlthung, daß er nach den; gestrigen unangenehmen Vorfälle in; elterlichen Hause für den ersten Augenblick bei ihr sich trösten werde. So machte sie sich denn auf und ging hinaus in das Dorf, wo sie den Bruder zu finden hoffen durfte. Es war ein schöner Herbstmorgeu. Der Nebel, der über die Landschaft hin ausgebreitet lag, hatte sich zerstreut und die Sonne schien glänzend von; Hinnnel hernieder; aber sie that nicht weh, sie drückte die Wandernde nicht, sie goß wohlthuende Würine auf sie hernieder und belebte ihren Muth und ihre Hoffnung. Ist der Bruder nur da, wo sie ihn zu treffen glaubte, daun bedarf es ja nur einer gütlichen Zurede, nur eines Wortes, und der Sohn kehrt wieder zurück in das Haus der Eltern, und Alles ist wieder gut. Ten fernen Horizont begrenzten bläulich gefärbte Bergesreihen auf der einen und goldig beschienene Waldungen auf der andern Seite. Sie sah nach rechts und links, der Anblick der Landschaft that ihr wohl und der frische Hauch des Morgens erquickte sie. Die Vermuthung, daß sie den Bruder an; Ende doch nicht in den; Dorfe finden werde, das; er bereits weit weg, weit hinter jenen Bergen und diesen Waldungen sein möchte, stieg wohl hie und da in ihr auf, allein sie verscheuchte solch bange Ahnungen mit Gewalt, schalt sich selbst ein kindisches Mädchen und schritt nur;;;it;;;;; jo größerer Zuversicht weiter und weiter. Das arme Mädchen ahnte nicht, das; sich zwischen den; Bruder und den; elterlichen Hanse in demDtugenblicke stärkere und unübersteigbare Schranken aufgerichtet hatten als Waldungen und Bergesreihen. Wie hätte sie an solche Schranken auch nur denken sollen! Eine alte Zigeunerin kam ihr entgegen und hielt sie auf. Sie wollte ihr Karten aufschlagen und ihr die Zukunft Voraussagen. Das Mädchen wollte sich nicht darauf einlassen und eilte weiter. Erzürnt rief ihr die alte Zigeunerin nach: „Eil nicht so, närrische Judenmagd! Tn holst ihn doch nicht ein! Hat er Dich einmal verlassen, so konnnt er Dir nicht zurück!" Die Worte des alten Weibes schnitten den; Mädchen ins Herz, sie blieb stehen und wendete sich um. Dte Zigeunerin stand ebenfalls still. Das Mädchen näherte sich den; Zigeunerweibe und nah;;; einen Groschen ans der Tasche und reichte ihr die Gabe. „Was weißt Dn von ihn;?" —- fragte Finkel. „Darüber werden Dir meine Karten Auskunft geben!" - -sagte die Zigeunerin und fing an die Karten zu mischen. Sie verrichtete dies mit großer Kunstfertigkeit und mit allerlei geheimnißvollen Bewegungen und unverständlichen Worten und brach endlich, indeiu sie mit dem Zeigefinger auf eine Karte hinwies, in die Worte aus: „Ar;nes Kind!" „Wen such ich?" -- fragte Finkel und blickte sie strenge an. „Einen, den Du sehr gern hast," -war die Antwort. „Und was will ich vor; ihr;;?" „Das; er zu Dir zurück konnnt." „Will ich ihn heirathen?" —- fragte das Mädchen listig und heftete ihre Augen noch strenger auf das Zigeunerweib; diese aber antwortete: „Arn;es Kind! Du wärst ja schon froh, wenn er nur nicht einer Andern nachläuft!" „Und;vas ist es mit der andern?"