Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1892)
- Date
- 1892-04-22
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Synagoge, in welcher die Neumondstage der nächsten Woche in deutscher Sprache verkündet werden, die Tage mit den üblichen Namen bezeichnet werden; denn mit Ausnahme des Mittwoch werden alle mit dem Namen der Götter bezeichnet, welchen sie geweiht waren. Auf das Unstatthafte dieser Bezeichnung wird bereits in der Mechilta Jisro 7 (vergl. auch Men. hamaor Chibud Schabit) aufmerksam gemacht. Hier in Frankfurt in der Hauptsynagoge heißt es daher ganz korrekt, daß der Neumondstag auf den ersten, zweiten u. s. w. Wochentag falle. Ist es nun zwar erklärlich, das; derartige Redensarten und Bezeichnungen, da sie trotz ihres heidnischen Ursprunges in dem Leben, in Wort und Schrift sich eingebürgert haben, auch auf das kultuelle Gebiet sich zuweilen verirren, so erscheint es uns dagegen im höchsten Grade auffallend, wenn wir in unserer festtäglichen Liturgie in den letzten Jahrhunderten einem Gebet begegnen, das unter der Firma einer ganz besonderen Heiligkeit in unsere herkömmlichen Festgebetbücher eingedrungen ist und bis auf den heutigen Tag sich darin erhalten hat. Um uns die Möglichkeit eines solchen Eindringens erklären zu können, schicken wir folgende Bemerkungen voraus. Die bloße U ebung der einzelnen Ceremottialvorschristett erschien Vielen allzu trocken und mechanisch, als ein bloßes opus operatum, das Geist und Gemüth nicht zu erwärmen vermag, vielmehr in der Regel ganz kalt läßt.! Diese Stimmung benutzten namentlich die Kabbalisten. Sie verfaßten I darum für die verschiedenen ceremoniellen Hebungen Gebete, in welchen die Bedeutung der betreffenden Ritualien hervorgehoben wurde. Gegen eine solche Neuerung wäre gewiß nicht nur keine Einwendung zu erheben, sondern sie wäre vielmehr als eine ein wirklich religiöses! Bedürfniß befriedigende Einrichtung freudig zu begrüßen. Aber die Kab-! balisten benutzten diese Gelegenheit, um für ihre Anschauungen Propaganda zu machen. Alle diese Gebete wurden von ihnen mit ihren theosophistischen und theurgischen Anschauungen in Verbindung gesetzt, um in solcher Weise ihre mystischen Lehren in den Gebetskultus einzuschwürzen. Bei dem Respekt, den die Kabbala auch bei den weniger vorurtheilsvollen Rabbinern genoß, wagte man es kaum, diesen Ausschreitungen entgegenzutreten, die ja gerade wegen ihres mystischen Charakters bei dem Volke eine höhere Weihe erlangten. Man vergleiche nur die betreffenden Gebete, die bei dem Anlegen der Tephilin und des Talis eingeführt wurden, und insbesondere die beim Eintritt in die Sucka, wo das eigentliche Gebet ganz in den Hintergrund gedrängt und von kabbalistischen Phantasiebildern vollständig durchtränkt ist, sowie bei dem Abklopfen der Bachweidebüschelchen, wo der letzte Tag des Laubhüttenfestes mit beispielloser Kühnheit ohne weiteres als eine Ergänzung, als der eigentliche Abschluß des Versöhnungsfestes bezeichnet wird, und man wird es erklärlich finden, wie die Wenigen, die ihre Vernunft von den phantastisch-kabbalistischen Gebilden nicht umnebeln ließen, empört sein mußten über die in unfern Gebetkultus immer mehr eindriugeuden wahnwitzigen Formeln. Das Gebet, das ich hier im Auge habe, hat die Bestimmung, bei dem Priestersegen gesprochen zu werden. Es wird darin um Erhörung des Gebetes gebeten um willen des heiligen in den Worten des Segensspruches angeblich hervortretendeu, aus 22 Buchstaben bestehenden Gottesnamens. Dieser heilige Name ist enthalten in den folgenden, 22 Buchstaben zählenden Worten, die man aber beileibe j nicht aussprecheu — eine ganz überflüssige Mahnung, da sie in Wirklichkeit unaussprechlich sind — sondern nur in Gedanken sich vorstellen; darf: 27DL Dflp3*t In dem Gebet selbst werden zum Theil ganz ungehörige, auf diese Worte nnspielende Ausdrücke zur Anwendung gebracht (vergl. Dfl-flp3K u. s. tu.). Dieses Gebet , fand um so leichter Eingang, weil darin Bitten ausgesprochen werden, | welche die vitalsten Interessen der Menschen zum Gegenstand haben:! Nahrung, eigene und der Angehörigen Gesundheit und Leben.! Betrachtet man nun die angeführten Worte etwas genauer, so i erkennt man bald, daß der Verfaffer dieses Gebetes ein frivoler Spottz vogel ist, der den Kabbalisten einen Schabernack gespielt hat. Denn die sümmtlichen Worte sind nichts Anderes als etwas verstellte griechische Götternamen, die, wie der Verfasser voraussetzte, den Rabbinern seiner Zeit unbekannt waren. Der letztgenannte Dionys sollte dem Kenner der griechischen Götterlehre die Bedeutung der drei anderen Worte verrathenA) Danach sind hier genannt: Anax der | Höchste — Zeus. Hephaistos---Vulkan, Phosphorus --- Lichtbringer Phöbus Sonnengott und Dionysos =- Bacchus. - So wurde unter kabbalistischer Firma ein heidnisches Gebet in unsere Liturgie eingeschmuggelt. Das kabbalistisch obscöne Gebet, das während des von dem Vorbeter vorgetragenen Mußaf-Gebetes als Privatandacht gebetet werden soll und freilich blos von den Auserwählten unter den Stabilen recitirt wird, hat offenbar wegen seines seltsamen Inhaltes in den gewöhnlichen Festgebetbüchern keinen Eingang gefunden. Wir nehmen daher feine weitere Notiz davon. Eine andere Vermengung uichtjüdischer mit jüdischen Anschauungen erscheint uns bei der Herstellung der sog. Mesusa. Dieselbe besteht bekanntlich in einem, gewöhnlich in einer Kapsel eiugeschlossenen, Pergameutstücke, das mit den zwei Abschnitten 5 M. 6, 4—10 und 11, 13—22, in welcher die Lehre von der Einzigkeit Gottes unb der göttlichen Vergeltung des Guten und des Bösen enthaltet: ist, beschrieben und an den Thürpfosten bes Wohnhauses befestigt ist. Da man diese Vorrichtung schon frühzeitig als eitle Art Talisuum zum Schutze des Hatlses und seiner Bewohner betrachtete, so begnügte man sich nicht mit den beiden bezeichneten Thoraabschnitten, sondern fügte auch noch die Namen von Engeltl, Bibelsprüchen u. dgl. bei. In Folge der scharfen Verurtheilung, die Maimonides über diesen abergläubischen, die Thoravorschrift fälschenden und zu einem amulet- I artigen Schutzmittel herabwürdigenden Mißbrauch ausgesprochen hatte,! unterblieb später dieser Mißbrauch. Dagegen erhob Maimonides gegen den allgemeinen Gebrauch, auf der Rückseite den Gottesnamen 1*7127 anzubringen, keinen weiteren Einwand. Bei den Nichtsephardim ist jedoch ein anderer und bis auf den heutigen Tag üblicher Gebrauch aufgekommen, daß man auf der Rückseite die Formel! 1,12 VTD niederschreibt, die in dieser mystischen Weise die j Worte mm mm dadurch wiedergeben, daß für jeden Buchstaben des Originals der in dem Alphabet darauf folgende gesetzt! ist. Hier haben wir es offenbar mit der Dreieinigkeitslehre zu thun. j Weil hier nämlich der Natne Gottes dreimal genannt ist und dann! das*7N8 folgt, so sucht man hieraus die Drei-Einheit Gottes herzuj leiten. Ob nun diese in den letzten Jahrhunderten bei den deutsch- : polnischen Sopherim (Thoraschreibern) in Gebrauch gekommene Inschrift > von einem Kryptoanhünger des Christenthums oder aus dem Kreise! der der Trinitätslehre ja sehr nahestehenden, Kabbalisten herstammt, wissen wir nicht. Das aber wissen wir, daß diese Lehre eine nichtjüdische und daher auch an unserm Thürpfosten keinen Platz finben sollte. Beiläufig mag hier bemerkt werden, daß bei dem Blasen des Schosiu am Netljahrsfeste in den in den Festtagsgebetbüchern aufgenommeneu kabbalistischen Gebetet: Engel mit den wunderlichsten Namen in Bewegung gesetzt werden. Unter diesen befindet sich auch (mau l) Nach der sprichwörtlich gewordenen, dem Buche Hiob entnommenen Redensart: *]jm Etwas Aehnliches auch Miselma (Aboda sara II, 5.)