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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-22 · Heft 17 (22.4.1892) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 17 (22.4.1892)
Date
1892-04-22
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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196 \,lllciDiiuyij bic Remuuerationsverhältniße sind noch sehr trübe. Die Gemeinden (mit Ausnahme der Reforinteinpel in Bradford und Manchester, die bekanntlich hervorragende, wissenschaftlich gebildete Rabbiner haben) empfinden noch nicht recht das Bedürfnis;, einen wissenschaftlich gebildeten Geistlichen an ihrer Spitze zu haben und einen solchen auch standesgemäß zu renmneriren. Sehr viele von diesen Stellen bringen so wenig ein, daß der Geistliche sich nicht einmal verheirathen kann, wenn er nicht mit seinem Weib und mindern am Hnngertuche nagen will. Biel Gutes konnte der Oberrabbiner in London erwirken, wenn er jene Provinzialgeistliche als Rabbiner anerkennen würde. Gr wäre dann wirtlich ein Oberrabiner; während er bisher diesen Titel nach der Analogie luriis n um, lurondo führte. Rabbiner im guten altbekannten Sinne sollten ja nicht aufkommen, sondern höchstens sogenannte minislers, den früheren (Ihazanim entsprechend, die auch zuweilen einen Bortrag liefern! tonnten. Das war bisher, ja ist noch heute so auch in London der Fall, wenigstens in den Synagogen, die unter des Oberrabiners Aegide sich gestellt haben.- - Aber es weht doch jetzt einesrischere, freiere Luft, und Geistliche, wie Singer, Gollanez und Fan in London, Emmanuel in Birmingham, Salomon in Manchester, (Steen in Sunderland und Philipps in Glasgow haben sich durch ihre eigene .SUaft eine solche Stellung und solches Ansehen erworben, daß sie sich nicht mehr länger vor ihrem Ohiefzn bucken und zu verkriechen brauchen. Auch die Gemeinden wollen einen verbesserten Gottesdienst haben und wünschen, daß so viele unzeitgemäße Gebete der Bibellettüre in der Landessprache und der Predigt Platz machen. Es soll demnächst eine Art Synode abgehalten und der Ehies-Rabbi von feinem non po.^iuini^-Slandpunkte etwas abgedrängt werden. Ob es ihnen gelingen wird, das ist die Frage, da die vielen polnischen Juden in London und in einigen Provinzialstädten sich kein Jota aus ihrem Sidur nehmen lassen wollen und dem Oberrabbi ohnehin schon so viele Hindernisse in dem Weg legen, daß er manche schlaflose Stunde hak. So ist eben der mn Berein im offenen Aufstande gegen ihn begriffen. Der Berein rekrutirt sich meistens aus polnischen Juden, hat sich nun förmlich konstituirk, seinen eigenen Oberrabbiner angestellt, der verschiedenen 8clinchlim sein placel ertheilt. Man warf nämlich Tr. Adler vor, daß seine Sclioelilim nicht Tur genug zu Werke gehen :c. und so gegenseitig unzufrieden, spielte mau die alle, alte Geschichte des Din auf. Der Oberrabbiner darf zwar leinen Bann mehr verkünden, aber man vertheilte in seinem Rauten Zettel, worauf die Stauten der TlneliaziKe Hadat- Schlächter als verpönt rrETC verzeichnet waren. Ja, man stellte Wächter in der Röhe jener polttischen Schlächterläden auf, um das sleischkansende Pttblikum vom Kaufen abzuhalten. Zn dieser mittelalterlichen Repressalie leiht sogar der Chacham der portugiesischen Gemeinde seine helfende Hand, der doch liberaler denkeit mußte, da er aus Erfahrung wissen sollte, wie schmachvoll Unterdrückung ist. Beide Parteieit haben Gutachtelt von polnischett Koryphäen eingezogen, um gegett einattder die Waffen zu führen. Doch genug hiervon, sapienli sal. -Wir wollen hoffen, daß, tvemt lvir Ihnen das ttächske Mal Bericht erstatten, Alles wieder in die Bahn des Friedens und der Eintracht, der Duldsamkeit und der brüderlichen Liebe eingelenkt hat. I.. N Eine „unbeachtetr" TalmudsteUe. Von Prof. I). Hermann L. Strackl) Es giebt wohl kein Litteraturprodukt, über welches so viel abgeurtheilt wird mtd Zugleich so viel Unwissenheit herrscht, wie über den Talmud. Er gilt sehr, sehr weiten Kreisen für ein ausschließlich den Jttden Zugängliches Geheim buch, aus dessen finsteren, schauerlichen Tiefem nur Eisenmenger, sowie der eben vom österreichischen Kaiser zunt Kanonikus gentachte Professor Rohling mtd eittige „getaufte Juden" „Enthüllungen" gemacht hätten. Diese Kreise darf ich wohl auf meine 1887 in Leipzig bei I. E. Hinrichs erschienene „Einleitung in den Talmud" Hinweisen; in diesem Buche finbcn sie für 1 Ml. 20 Pf. genaue Auskunft über die Entstehung des Talmuds, oder, wie man besser sagen würde, der beiden Talntnde, eine genaue Angabe des Inhalts der ganzen Mischna tutd ein sehr ausführliches Litteraturverzeichniß (S. <78 f. die llebersetzungeit ins Lateinische, Deutsche, Englische, Französische, S. 69 -70 die Erläuternngsschriften). - Die meisten Ausgabelt des Talmuds, im stärksten Maße die Baseler, 1578—8!, und die ihr folgenden, sind durch Eensur, meist durch christliche, theilweisc auch dttrch jüdische Eensttr, verstittuntell. Gattz verkehrt aber ist es, ztt nteinen, daß die atttichristlichen Stellett oder etwaige genteingefährliche Aeußerttttgett dadurch der Kenntnis; der Ehristen vollkommen entzogen wären. Fast alle ttoch erhaltenen Talmud-Handschriften sind in großen öffentlichen Bibliotheken aufbewahrt; ebendort finbcn sieh uneensirte Talmnd-Ausgabett (die viel, freilich zu viel gerühmte Amsterdamer Ausgabe, 1011 ff., steht dicht bei meinem Arbeitspull), nnb die „Eensurlücken" sittd in ntehrerett Sottderdruckett ztlsantntettgestellt (s. Einleit. S. 58), von benen ich vier besitze. Was der Talmtid von Jestt tutd den Aposteln sagt, das hat auf meine Anregung H e i tt r. L a i b l e zusannnengestellt uub besprochen: „Jestts Christus im Talntud" (Berlin 1891, H. Rettlher 122 S.); der von G. Tal nt an besorgte Anhang zu dieser Schrift giebt den originalen Wortlaut aller Stellen. Kurz, ich glaube behattpten zu können: für sachktutdige Ehristen ist der Taltttttd längst tticht ntehr ein Bttch mit sieben Siegeln; der Talmud ettthält für sie keine Geheimnisse. Wie ben Lesern des Evaug.-Kirchl. Anzeigers bekannt (s.!89l, Scr. 81, 88), habe ich in der Schrift „Der Blutaberglaube bei Ehristen uub Inden" (München 1891, E. H. Beck, 00 S.; 1 Mk.) die Behauptung, daß die Jndett Ehriskenblttk oder überhaupt Menschenblni zu ritttellett Zweckett brattchen, erschöpfend widerlegt. Da die Rassett-Antisemitett wirkliche Gegettgrüttde anzuführen weder verutochten, ttoch vermögett, haben sie es mit bem Todtschweigett versucht. Stach Wuttsch ist ihnen das nicht geglückt. Run kommt ihnen Ang. Rohling mit einer angeblich „unbeachteten" Talutudstelle ztt Hilfe (vergl. schon die mir erst vor wenigen Tagen bekannt gewordene „Antisemitische Korrespondenz" SA 171 vom 22. November 189l). Bott Leipzig wird eben jetzt ein Flugblatt verbreitet mit der lieberschrift: „Eitte Talutudstelle über rituelles Schächten (Flugblatt für Kenner)." Der Zusatz „Vertraulich" soll den Eindruck des Geheimniß vollen erhöhen, ist aber selbstverständlich uiebl ernst getneint, wie sich unter Anderem aus der Unterschrift des Blattes „Verlag von Theodor Fritsch" ergiebt. — Die gemeinte Talutudstelle ist mir seit vielen Jahren (wenigstetts seit 1885) bekannt; ich habe sie aber in meiner Schrift rächt angeführt, weil ich es nicht für möglich hielt, daß irgend Jemand der and) nur eilte Sette im Talmud gelesen hat, auf beit Gedanken ,) Dieser interessante Aussatz ist imit Fvrtlassnng der für deu spezisischcu Zweck bestinmtteu Einleitung und de-5 Schlusses) deru „Evangelisch-kirchlichen 'Anzeiger van Berlin", einem positiv-christlichen Blatte, eitluouuneit. Die Siedaktion.

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