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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-22 · Heft 17 (22.4.1892) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 17 (22.4.1892)
Date
1892-04-22
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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195 bekommen. Schon der Umstand, daß er sich auf die Moldau > beschränkt, die territorial um so viel kleiner ist als die Walachei, und j diese ganz aus bem Spiele läßt, zeugt dafür, daß es nicht so schlimm um die Invasion ist. Aber auch die Moldau hat von den vielen Distrikten kaum drei bis vier, in denen die Juden den dritten Theil der Bevölkerung, und ich betone, nur der städtischen Bevölkerung ausmachen. Alls dem flachen Lande befinden sich keine Juden, und die wenigen, die sich dort aufhielten, wurden bekanntlich vor einigen Jahren mit Verlust von Haus und Hof durch die Hetzer von Nationalökonomen n la Aurelian vertrieben. Auch wie es an den Grenzen aussieht, übertreibt Aurelian nicht nur, sondern er debütirt geradezu mit Unwahrheiten. In keinem Lande ist der Paßzwang ein so strenger und peinlicher wie in Rumänien. Wenn selbst ein im Lande geborener uitb daselbst lebender Jude, ja Christ, beispielsweise Deutscher, in dessen Namen man einen Judennamen vermuthet, einen Reisepaß zu erneuern hat, um nach Rumänien zurückzukehrm, , so wird ihm derselbe kategorisch verweigert, geschweige benn, wenn ein mit fremden! Passe versehener Freunder an die Grenze konnnt. Kein Einlaß für Juden! lautet die Parole. Und nun gar der Gensdarmenkordon an der russisch-galizischen Grenze. — Nein, Herr- Aurelian! Sie sind kein Mann der Wissenschaft, Sie sind ein Chauvinist und Schwätzer! Doch sehen wir eimnal die statistischen Daten. Wir beginnen mit den Ehen. — Jan Jahre 1889 wurden in der Moldan 3656 Chen geschlossen, von denen 2366 christliche und 1233 jüdische waren, oder in Prozenten ausgedrückt 70 Prozent christliche und 30 Prozent jüdische. „Mithin," bemerkt der wahrheitsgetreue Herr Aurelian, „mehr als die Hälfte jüdische Ehen." — i Seit wann sind 30 Prozent mehr als die Hälfte? Hat denn Herr j Aurelian keine Elementarschulen besucht? Aber wenn es auch der; Fall wäre, so würde uns dies absolut nicht wundern. Im Gegentheil, wir sind erstaunt, daß im Verhältniß Zur Zahl der rumänischen i Cölibatäre und derjenigen, die erst bei vierzig oder fünfzig Jahren; heirathen, eine so gewaltige Mehrheit von christlichen Ehebündnissen stattgefunden hat. Oder hätte sich Herr Aurelian in seinem Eifer vergriffen? — Kommen wir zu den Geburten. Im Jahre 1890 wurden in der Moldau 11,569 Kinder geboren, von denen 5564 griechisch-orthodoxer und 5359 jüdischer Konfession waren, oder in Prozenten ausgedrückt 48 Prozent orthodoxe und 46 Prozent jüdische. „Also," folgert Herr Aurelian, „nahezu die Hälfte der Geburten jüdischer Konfession." So betrübend diese Thatsache — vorn Standpunkte der Relativität aus betrachtet — für jeden Menschenfreund sein möge, sie beweist wieder einmal, wohin die Maitressenwirthschaft und das Cölibat einerseits, die modernen Kulturmittelchen, nach französischer Manier die Produktion zu verhindern, anderseits führen, und wieder ist sodann aber ist zu berücksichtigen, daß Aurelian die Christen anderer Konfession unter der Rubrik „die Fremden" (also Katholiken, Protestanten, Unirte, Lipovener, Skopzen und Zigeuner, die allein 250,000 Seelen zählen) den Juden Zuzählt. Ferner sind die statistischen Daten in Rumänien so mangelhaft, daß ihnen kein Mensch absolut trauen dürfte. Und schließlich ist es eine Ungeheuere lichkeit, wenn Aurelian das trostlose (!) Finale hiuzufügt, daß die orthodoxe (also immer von der griechisch-katholischen Einwohnerschaft ist die Rede) Bevölkerung um 87 Prozent (?!) zurückgeht, währenddem die jiidische sich um 184 Prozent (??!) vermehrt. Ich hebe diesen Passus ausdrücklich hervor, um einfür allemal festzustellen, wie mau in Rumänien Statistik treibt. Nachdem der frühere Kultusminister in seiner scheinbar sehr eingehenden Analyse zu dem trostlosen Resultate, daß in der Moldau die jüdische Volksbewegung nahezu die Hälfte der orthodoxen erreicht, heißt es zum Schluß, daß sie um 184 Prozent sich vermehrt. Wahrhaftig Falstaffs Vergeßlichkeit im Anpreisen der Zahlen ist bei Weitem nicht so hervorstechend wie diejenige des gelehrten (!) Nationalökonoinen. Aber s wenn jene harmloser Natur ist, so zeugt diese von intentiöser Böswilligkeit, die Chauvinisten zu neuem Heroismus gegen die jüdische Bevölkerung anzufeuern. Zum Schlüsse sei noch bemerkt, daß Aurelian von der Landbevölkerung Rumäniens, die das Gros des eigentlichen Romanismus ausinacht, noch gar nicht gesprochen hat. - Diese steht bei denn Herrn in zweiter Kategorie, auf die er noch zurückzukommen verspricht. Das orthodoxe Rumänenthum, von dem er bisher gesprochen, sind großeutheils Griechen und Bulgaren — ilnd die bilden nach Aurelian die rumänische Nation. Arme Statistik. 9 Aus Aord-Gngland. Es ist schon eine ziemlich lange Zeit, daß wir kein Lebenszeichen von hier an Sie geschickt haben, als ob wir den Winterschlaf geruht hätten. Entwickelung und Fortschritt sind indessen nicht stillgestanden, sondern haben sich kleine Resultate errungen. Das Judenthum, das vor vielleicht einein Jahrzehnt sehr im Argen lag, konnnt auch hier! jetzt zu einem fröhlichen Gedeihen. Früher kannte man kein weiteres! Interesse in den jüdischen Gemeinden als das, ob auch der Schochet i noch ein kleines Lüdchen nebenbei Hütte, um sich sein Dasein kärglich zu fristen. Der sogenannte Oberrabbiner, der in London thronte, übte seine Oberherrlichkeit dadurch aus, daß er zuweilen sich über die Fähigkeit des Schächters Bericht erstatten ließ. Wehe aber, wenn irgend ein Gemeindemiiglied nicht mehr mit dein „Reverend" (denn hier zu Lande nennt sich jeder Schochet so, ob mit Wissen des Oberrabbiuers, ist nicht gewiß) zufrieden war. Alsbald, oft ohne weitere Untersuchung, wurde der Bannstrahl in der Person eines zweiten es die moralische Lebensweise, die nach patriarchalischer Sitte früh eiugegangene Ehe, die Liebe zum Weibe und das Halten zur Familie die die jüdische Nation nicht aussterbeu läßt, und dieselben Momente sprechen auch dann mit, wenn die Statistik in beredten Ziffern uachweist, daß im Jahre 1890 von 10,447 Todesfällen 5564 christlicher und 5359 jüdischer Konfession waren. Soweit in der Moldau. Gehen wir nun zur Walachei über Herr Aurelian verfährt hier absolut synthetisch. Währenddem die christliche Bevölkerung der walachischeu Städte im Jahre 1890 um 2219 gewachsen ist, hat sich die der jüdischen um 954 vermehrt. Mit anderen Worten: Selbst in der Walachei erreicht das Wachsthum der israelitischeu Bevölkerung das der christlichen. Herr Aurelian sieht, wie gesagt, liberal! Gespenster und in jedem Hasen erneu Elephanten. Bekanntlich ist 951 in keinem Lande der Welt die Hälfte von 3173, ehrwürdigen Schächters gesandt, lmd der erste konnte sehen, wie er ■ sich ferner* sein Brod verdiente. -- Der Gottesdienst war in noch viel schlimmerein Zllstande. Lautes Durcheinanderschreien der Gebete, die keinem verständlich waren unb die Stunden lang währten, Waran der Tagesordnung. Bon einer Predigt war keine Rede, konnte auch gar nicht die Rede sein, da keine (Geistlichen in diesen Gemeinden waren, die überhaupt eine Rede halten konnten; das hat sich nun G. s. D. vielfach zum Besseren gewandt. Man stellt jetzt junge Leute, die im Jews' College in London ihre theologische Erziehung erhalten haben, als Geistliche und Prediger au, die neben dem Schochet ihr Wirkuugsfeld in der Religionsschule und in der I Synagoge haben. — Glasgow, Edinburg, Sunderland, New-Castle,! Liverpool, Manchester, Hüll, Leeds, Sheffield und Bradford s haben jetzt wenigstens einen theologisch gebildeten Geistlichen.

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