Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1892)
- Date
- 1892-04-22
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227949--48771-3269425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
194 Umkehr. Von Fritz Stier-Somlo. Professor Wagner Hot sitz vom Antisemitismus losgesagt. Behutsam und ruckweise zwar, wie es einem Kenner des „Voltes" geziemt, aber schließlich doch mit deutlichen Worten. Die Masse ist nur ein Wald von Unwissenden, der den Ton. den der Aufwieglerin ihn hineinruft, mechanisch widerhallt. Deshalb ist hohe Gefahrvorhanden, wenn ein Mann, der zur Geistesaristotratie gehört, sich den Schürern des Hasses zugesellt. Und darum ist die Umkehr des Professors Wagner von höheren! Werth. Es wird wohl Stiunnen geben, die ihm diese That nicht zur Ehre anrechnen. Ich meine damit nicht nur die Antisemiten, bei denen sich ein Mißfallen gar leicht erklärt. Auch bei Anderen wird der leise Gedanke auftauchen, daß es die Klugheit ist, die dem erfahrenen Herrn den Rückzug gebietet. Ist es denn nicht rathsam, bei dein staatsgefährlichen Treiben der Antisemiten jede Verantwortlichkeit abzulehnen? So lauge die Judenhetze blos graue Theorie gewesen, schien sie sich als Zeitvertreib ganz schön auszunehmen. Wenn aber die Brandfackel des Hasses mit ihrem grellen Schein am festgefügten Staatsgebäude leckt, da scheint es wohl besser, sich aus dein Staub zu machen, als zu sehen, wie die Balken sich beugen und tosend über den Gerechten und Ungerechten zusammenbrechen. Ferner ist es interessant, daß es ein Lehrer der Finanzwissenschaft ist, der die Juden insofern in Schutz nimmt, als er anerkennt, daß sie nicht mehr Schuld tragen an den sozialen Wirrnissen, als die Nichtjuden. Schacher, Gewinnsucht ohne idealen Sinn, Wucher sind es, die dem Juden vorgeworfen werden; Uebervortheilung des Andern, schuldhafter Bankerott sind es, durch die wieder und wieder ohne Argumente und nur auf einzelne Falle sich beziehend, Tageshelden die Beenge reizen. Der weite Ueberblick, der einein Finanzpolitiker über diese Gebiete ermöglicht wird, berechtigt diesen 51t. einem richtigen Urtheil. Prof. Wagner hat aber gesagt, daß die Juden an jenen Nebeln durchaus nicht allein schuld sind. Hatte er die Statistik, in der er so groß ist, diesmal zu Rathe gezogen, so würde er auch wissen, daß im Verhältnis; zum großen Prozentsatz der Kaufleute rnrter den Juden die erwähnten, zu beklagenden Delikte nicht öfter Vorkommen als bei den Ariern. Ulrich hat Herr Wagner erklärt, „mit ihm seien die meisten Professoren und Gelehrten der ''Ansicht, daß der Antisemitismus nicht Recht habe und eine ungeheure Uebertreibung sei". Ich glaube, der Ausdruck ist zu gelinde, den der Herr Professor braucht. Soll es nicht vielmehr heißen, daß die Vertreter der deutschen Wissenschaft den widersinnigen Fanatismus des Menschenhasses verabscheuen? Ja, es würde die Erwähnung seiner Kollegen seitens des Herrn Wagner gar keinen Sinn haben, wenn jene nicht Antisemitengegner wären. Denn Herr Wagner wollte als Entschuldigung für seine Umkehr die Professoren und Gelehrten als Autoritäten anführen. Seine Entschuldigung ist um so gerechtfertigter, je feindlicher die Männer, auf die er sich bezieht, dun Antisemitismus gegenüber sich verhalten. Wir konstatiren diese Thatsachen blos, ohne zu frohlocken ob des unzweifelhaften Rückganges der Fluth, die sich im Verkehrs- und gesellschaftlichen Leben hemmend und verwüstend gegen eine gesunde Entwickelung aufgestaut hatte. Wir , wissen es — denn das zeigt uns die Geschichte jeder Minorität, — daß die Minderzahl stets ein Balken im Auge mancher Glieder der Mehrheit ist, lveil diese es nicht verwinden kann, daß sich nicht Alles ihr anschließt. Wir wissen, daß uns nur praktische und rastlose Bethätignng unserer religiösen Ethik die Möglichkeit unseres Bestehens gewährt. Dieweil wir eine hohe Mission haben, zagen wir nicht und fürchten uns nicht. Das Fest der Freiheit, das wir eben gefeiert, stärkt uns nur in der Hoffnung auf den Sieg des Lichts, in unserem Streben nach Wahrheit. U Briefe aus Numänien. Von Neufchotz de Jassy. Bukarest, 10. April. So oft sich ein Nationalökonom zur Aufgabe stellt, die steigende oder rückgehende Volksbewegung in Rumänien nachzuweisen, wird die jüdische Nation ans rein subjektiven Gründen natürlich, also aus Animosität, in Mitleidenschaft gezogen. Man berücksichtigt weder die Nothwendigkeit hygienischer Mittel, noch die Scheu der Bauern vor ärztlicher Hilfe, noch die Unzuverlässigkeit und den Mangel medizinischer Kräfte; man sagt kurz und bündig: Die Inden nehmen immer mehr zu, die Rumänen immer mehr ab, ergo sind die Juden nicht nur eine Gefahr vom ökonomischen Standpunkte allein, sondern dadurch daß sie sich vermehren, tragen sie zum Rückgang der Rumänen bei. Die Phrase ist zwar weder logisch noch wahr, ja nicht einmal sophistisch schlagend, aber sie zündet in den Strohköpfen der Chauvinisten und bald heißt es allgemein, es müsse ein Mittel gegen das Wachsthum der Inden gefunden werden. Bon demselben Standpunkte geht nun auch der bedeutendste Nationalökonom Rumäniens aus, der frühere Minister für Kultus und Unterricht, P. S. Aurelian. Nachdem er über die Volksbewegung im Allgemeinen spricht und den Nachweis führt, daß Rumänien im Vergleich zu Frankreich viel mehr Geburten als Todesfälle aufzuweisen hat, wirft er die Frage auf: Wächst nun die rumänische Bevölkerung im Berhältniß zur jüdischen in dem Maße, daß wir der Zukunft ruhig entgegensetzen können? Tie Antwort muß nothwendig eine negative sein. Nicht etwa weil es die statistischen Daten beweisen, und wenn sie es auch bewiesen, so müßten entschieden Mittel gesucht werden, das Anssterben der rumänischen durch das Bojarenthum unterdrückten und zu Tode gequälten Bauern zu verhüten, sondern weil man in Rumänien seit einer Reihe von Jahren gewöhnt ist, jeden von oben begangenen Unfug und alles Mißliche der Situation den Juden in die Schuhe zu schieben. Man vergißt die Bauernrevolten des Jahres 1888, die das Ministerium Bratiano gestürzt; man thut, als übersehe man die noch existirenden Unruhen, die den Staat zwingen, die Güterparzellen an die Nothleidenden abzutreten; man übergeht die Maitresseuwirthschaft und die Ausschweifungen des ün ckö siede, und man statuirt mit Emphaie und absichtlichem Nachdruck, daß die Vermehrung der Juden die Verminderung der christlichen Bevölkerung in sich schließe, eine Deduktion, die vergebens nach den Prämissen forschen läßt. Doch lassen wir einen Augenblick Herrn Aurelian selbst sprechen: „Die oben aufgeworfene Frage hat lnich sowohl, wie sehr viele Andere seit nahezu zwanzig Jahren beschäftigt; seit der Zeit nämlich, als ich feststellte, daß zumeist in der Moldau das Mißverhältniß zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung ein so bedrohliches sei, daß wir früher oder später eine förmliche Judenüberschwemmung (sie) zu erwarten haben. Und nun gar heute, wo die Grenzen unseres Landes den Invasionen der fremden Elemente, besonders russischer und gali.zischer Juden, offen stehen, ist die frühere Befürchtung eine um so ernstere." Wenn Herr Aurelian als Mann der Wissenschaft rein objektiv vorginge, so würde er nicht nur nicht die Thatsachen so ausbauschen, er würde sogar vor den gemachten Angaben einen ordentlichen Schreck