Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1892)
- Date
- 1892-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Begrülidet von Kabbrner Du- EuÄrvig p h Nipp so n-Sonn. Verlags-Expedition: Berlin. Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgeni. Zeitung des IudenthumS", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Mosfc, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Das Recht des Stärkern. — Umkehr. Von Zrit; Stier-Somlo. — Briese aus Rumänien. Von Neu sch vH de Jassp. — Aus ''Nord-Euglaud. — Eine unbeachtete TatmnM'lelle. Bon Bros. I). Hermann strack. — (shilaim. Bvu Rabbiner S. Sühkind. -- Feuilleton: Heimweh. Erzählung von Cd ila rd Kulte (Forts.). — Moses Aiendelssobn und die Frauen. Voll Tr. Adolph Ko bat lSehlnh). — Litterarische Mitttieilunaen. Der Gemetnvcvotc. 5korrespondenren und B^achrtchten: Berlin Schriinm, Dresden, Fürth, Ans Württemberg, Frankfurt a. M.. Wien, Linz, Paris, St. Petersburg. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. Aas Recht des Stärkrrn. Berlin, 17. April. Hätten unsere Gegner einen freien Blick für die Erscheinungen der Zeit, wären sie den Lehren zugänglich, welche die Geschichte und das Bölkerleben verkünden, so böte sich ihnen gerade in diesem Augenblicke eine Fülle von Thatsachen dar, die die alte Wahrheit eindringlich predigen, daß genail dieselben Vorwürfe, die man hier gegen die Inden erhebt, anderwärts gegen die Bekenner der Religionen erhoben lverden, denen sic selbst angehören und in deren Namen sie znm Theil ihre Angriffe gegen uns richten. Nur drei besonders charakteristische Thatsachen nröchten wir für heute arls der Fülle des uns vorliegenden Materials heransgreisen, die den klaren Beweis liefern, wie gefährlich es ist, die Phrase von dem Recht des Stärkern ans dein naturwissenschaftlichen Sprachschatz ins Bölkerleben Zn übertragen. Wir beginnen mit Spanien, weil ja dort überhaupt keine Inden lebeil. Da ist in diesen Tagen eine kleine und sehr interessante Broschüre erschienen: „Der Klerikalismns, ein Feind des Volkswohls und kein Freund der Religion" (Leitmeril; 1S<)2). Der Verfasser schildert die trostlosen Zustände in Spanien mit genauer Sachtenntniß. Dem Prinzip getreu, uns nie in die Angelegenheiten fremder Konfessionen einzumischen, unterlassen lrnr es auch diesmal, die Schäden zu besprechen, von welchen der anonyme Verfasser spricht und zu!oelchen er in Spanien den Wucher, den Niedergang der Landwirts)- schuft, der Gewerbe, die Verarniung des „kleinen Mannes" zählt. Wohl aber dürfen wir hier, da es uns angeht, die Worte der Vorrede ziliren, in der Karl Pröll, der rühmlichst bekannte Publizist, u. A. Folgendes sagt: „Drittens loird nnm ans den TaAegnngen des Verfassers die Erkenntnis schöpfen können, daß nicht die Juden an der üblen Lage schuld sind, in welcher sich heute der „kleine Mann" befindet. Denn dieselben unbefriedigenden Verhältnisse herrschell in jubenfreien Ländern. Der „soziale Antisemitismus" beruht deshalb auf denselben Trugschlüssen, wie der „national schillernde". Von Spanien gehen wir nach Rußland. Der Weg ist ja gar nicht so weit, seit Rußland selbst dein Beispiel Spaniens gefolgt ist. Scharfe Gesetzesbestinnnungen hat mem jüngst im Moskowiterreich gegen die Erwerbung von Grundbesitz durch die Deutschen erlassen. Und die Begründung bafür? Weil die Deutschen angeblich den moskowitischen Adel und Grundbesitz ruinirten, weil sie „schon ganze Gouvernements in Rußland an sich gerissen hätten!" Wohin soll das führend rufen die panslavistischen Blätter ans und verlangen jetzt die strengsten Maßregeln gegen diese Deutschen. Es ist das genau derselbe Gedankengang, den unsere Antisemiten verfolgen. Und von Rußland geht es nach M a d a g a s k a r. Auch dieser Sprung ist ja nicht allzuweit. Aus den neuesten Berichten, die die Post von der großen Insel im indischen Ozean bringt, geht ein sehr interessantes Detail hervor. In Madagaskar sucht!nan nämlich jetzt die guten Eingeborenen gegen die Franzosen dadurch ausznhetzen, daß man allgemein die Fabel verbreitet, die französischen Eindringlinge s eh l a ch te t c n f a r b i g e t l e i n e K i n d e r, mit ihre Herzen als Heilmittel gegen verschiedene Krankheiten zu gebrauchen. Die l Franzosen sind natürlich empört über „die Tücke dieser Barbaren".! Darum kümmern sich aber die guten Madagassen nicht, und die ' französischen Kolonisten haben unter diesen aufreizenden Berlenms düngen gegenwärtig viel zu leiden. Sollen wir auch die Moral aus i dieser Geschichte ziehend Für unsere Madagassen wäre es ja doch j vergeblich, für alle anderen Menschen aber mehr als unnöthig!! Wem es jedoch ein Trost ist, auch im Leide Genossen zu haben, dem mögen diese Beispiele immerhin diesen schwachen Trost gewähren. Bon einem höheren Standpunkte aus betrachtet, bieten sie! uns aber das interessante Schauspiel, daß dieselben Erscheimmgen : im Bölkerleben stets wiederkehren, daß das Leben der Menschheit überall und zu allen Zeiten dieselben Klagen und Sorgen, dieselben Fehler und Leiden hervorbringt, wie verschieden auch die Bedingungen sind, unter welchen Böller und Menschen sich entwickeln, kämpfen, siegen oder leiden. Etwas von dem Humor und der Wehmnth des alten Ehad gadjo, jenes seltsamen Volksliedes über das Recht des Stärkeren, das wir an den verflossenen Sederabenden gesungen, liegt in dieser geschichtlichen Betrachtung. Ja, das Lied selbst ist ein völkerpsychologisches Zeugnis; flir jene Geschichtsivahrheit. Es ist darin soviel die Rede vom Schächten, und sicher wäre auch dies harmlose Lied zu blutigen Zwecken von unseren Gegnern ansgebentet worden, wenn nicht zum Glück schon vorher der litterarhistcrische Beweis erbracht worden wäre, daß es eigentlich nur die Kopie eines guten alten deutschen Volksliedes sei! Aber freilich, hier wie dort wird dieselbe Moral gepredigt und gesungen, jene Moral, ans deren Erkenntnis; heraus der weise Hillel sein großes Sittengesetz sorinulirl hat: „Was Du nicht willst, das Dir geschehe, daß füge auch keinen! Andern zu!"