Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1892)
- Date
- 1892-04-15
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Gleich geh' ich >!>inein." „Nur still," sagte Niederhuber, „es brennt nicht; überschlaf es eine Nacht, Brigitte; es wird morgen auch noch ein Tag sein." (Fortsetzung folgt.) Zwei Berliner Synagogen-Chorleiler. Die in Leipzig unter Redaktion von Karl Kipke erscheinende Längerhalle" bringt in ihren Nummern 5, 6 und 7 einen Aufsatz aber Berliner Kirchenchordirigenten der Gegenwart, in dem auch die Dirigenten der großen Synagoge und der Resormgemeinde, die Herren Professoren L. Lewandowski und E. Breslaur, Berücksichtigung finden. ' Dieselbe» werden folgendermaßen geschildert: „Wir können diese Heerschau über die Berliner Kirchenchordirigenten nicht beschließen, ohne zweier »usgezeichneter und über die «Grenzen ihres Vaterlandes hochgeschätzten Tonkünstler Erwähnung zn ihn», welche sich um das Emporblühen und Gedeihen des Synagogenchors namhafte Verdienste erwarben: der Professoren L. Lewandowski und Emil Breslaur; Ersterer, welcher bereits seit 52 Jahren —1840 - als Ehordirigent der Berliner großen Synagoge thätig ist und als Bahnbrecher des religiösen Kultus bezeichnet werden kann, ist der eigentliche Schöpfer des Synagogenchors in Deutschland. Geboren am 3. April 1821 in Wreschen — Provinz Posen — kam er mit l3 Jahren nach Berlin, um sich dort der Musik zu widmen. Bier Semester hindurch studirte er bei dem berühmten Theoretiker B. A. Marx, und wurde dann — der erste Jude, der sich dieser Vergünstigung zn erfreuen hatte — Eleve der Akademie der Künste. Rungenhagen, Bach und Grell hatte er das Meiste zu verdanken. Begabt mit einer schönen Sopranstimme, schon frühzeitig durch sein Kompositionstalent hervorragend, erhielt er 1840 von der Berliner lüdischen Gemeinde den Auftrag, für die große Synagoge einen Kirchenchor zu schaffen, und er löste diese seine Aufgabe mit glänzendem Geschick. — Eine besonders rührige Thätigkeit entfaltete er seit 1866, als die große schöne Synagoge in Berlin mit Orgel eröffnet wurde; für diese sowohl wie auch für diejenigen in zahlreichen anderen deutschen Städten schuf er herrliche Kompositionen für Chor und Orgel. Die musikalische Fruchtbarkeit Letvandoioskis ist eine außerordentliche; er schrieb über 1200 Piecen, und zwar: geistliche Gesänge, Symphonien, Streichquartette, Trios, Kompositionen für gemischten und Männerchor, Kinderlieber u. s. w., und bearbeitete mit großer Kenntniß und feinfühligem Verständnis; althebräische Gesänge für Chor- und Orgelbegleitung, die seinen beiden Hauptwerken, welche sämmtliche Gesänge für den jüdischen Sabbath- und Festgottesdienst enthalten, einverleibt sind. Diese Werke heißen: .Kol Rina UTfilla“ (2 Bände) und „Thodah W’Simra“. Es ist ihm aufs Beste gelungen, den Charakter und die Eigenart der alten melodischen Weisen der Juden durch die Harmonisirung festznhalten und zu veredeln. Lewandowski ist auch der Begründer des Krankenunierstützungsvereins für Berliner Musiker, dessen Vorsitzender er 14 Jahre war, und des Vereins zur Unterstützung israelitischer Kantoren, deren Wittwen und Waise» in Deutschland. Nachdem er zum Kgl. Musikdirektor ernannt worden war, erhielt er am 27. Dezember 1890, anläßlich der 50jährigen Jubiläumsfeier seiner amtlichen Thätigkeit, das Prädikat „Kgl. Professor", wobei ihm zahlreiche Adressen, u. A. von den Kantoren Oesterreich- Ungarns, überreicht wurden. Es mag noch erwähnt werden, daß die Gattin Lewandowskis, geborene Helene Wertheimer, eine Schülerin des berühmten Bordogni, einst eine sehr gefeierte Sängerin war, während sein Schwiegersohn, der scharfsinnige Kantische Philosoph, Professor Dr. Herma» Cohen in Marburg ist. Emil Breslaur, der Chordirektor an der Berliner Reform- Synagoge, ist als Tonkünstler, Klavierpädagoge und Musikschriftsteller schon seit Jahrzehnten eine der interessantesten und geschätztesten Charakterköpfe der Berliner Musikkreise. Zahlreiche Orden und Auszeichnungen von Souveränen und seine Ernennung zum Professor beweisen, daß seine Verdienste auch allerhöchsten Orts anerkannt wurden. Geboren am 29. Mai 1836 zn Cottbus, besuchte er das Gymnasium seiner Vaterstadt, beschäftigte sich nach seinem Abgang von der Schule hauptsächlich mit dem Studium der neueren Sprachen, den hebräischen Wissenschaften, der Litteratur und Musik, und wurde nach Ablegung des Lehrerexamens im Seminar zu Neuzelle zum Religionslehrer und Prediger der jüdischen Gemeinde seiner Vaterstadt erwählt. Ostern 1863 trat er als Schüler in dasSternsche Konservatorium zu Berlin, studirte bis 1867 Klavier bei Jean Vogt und H. Ehrlich, Orgel bei Schwantzer, Komposition bei Kolbe, Weitzmann, Flodoard Geyer und Kiel und Partiturspiel und Direktion bei Julius Stern. Vom Oktober 1868 bis Oktober 1879 war er Lehrer der Theorie, des Klavierspiels und der Methodik des Klavierunterrichts an der „Neuen Akademie der Tonkunst" des Professors Knllak thätig und zugleich an der Tagespresse als Musikkritiker sich betheiligend. Am 1. Januar 1878 erschien die erste Nummer der von ihm herausgegebenen musikalischen Zeitschrift: „Der Klavierlehrer". Nach lljähriger Thätigkeit verließ er seine Stellung bei Knllak und eröffnete am 1. November 1879 das Berliner Seminar zur Ausbildung von Klavierlehrern und -Lehrerinnen, das er später zu einem Konservatorium ertveiterte. Am 19. Februar 1879 begründete er den „Verein der Musiklehrer und -Lehrerinnen" zu Berlin und später den „Verband deutscher Musiklehrer-Nereine" zur Unterstützung in Krankheitsfällen und zur Förderung der idealen Interessen des Musiklehrerstandes. Bon seinen zahlreichen und allgemein anerkannten musikpädagogischen Wecken nennen wir nur: „Technische Grundlagen des Klavierspiels", „Technische Hebungen für den Elementarklavierunterricht", „Notenschreibschule", „Methodik des Klavierunterrichts", „Klavierschule", Klavierwerke, geistliche und weltliche Lieder und Chöre, Bearbeitungen verschiedener Etüden und anderer instruktiver Werke von Czerny, Lemoine, Diabelli und Mozart. Seit Ostern 1883 ist Breslaur, wie schon erwähnt, Chordirigent an der Berliner Reform-Synagoge und als solcher Nachfolger seines Lehrers Professor Stern. Dieser hatte bereits in den letzten Jahren seines Lebens kränklichkeitshalber sein Amt durch Stellvertreter versehen lassen müssen. Die Leistungen des Chors ließen deshalb gar manches zu wünschen übrig: doch den Bemühungen Professor Cmil Breslaurs, der sich durch die höchste Tugend — um mit Alexander von Humboldt zu reden — die Energie, auszeichnet, gelang es, den Chor in musikalischer Beziehung auf das alte Niveau seiner Leistungsfähigkeit znrnckzuführen, ja, noch mehr, ihn zu einer Innigkeit und Wärme des Vortrags heranzubilden, deren erhebende Wirkung auf die Gemeinde allseitige Anerkennung findet. Ein anderes Verdienst Breslaurs besteht darin, daß er bei der Neu-