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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-15 · Heft 16 (15.4.1892) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 16 (15.4.1892)
Date
1892-04-15
Page
Seite 187 (sequence 7)
Language
German
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187 FEUILLETON ■«*- Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte.! (Fortsetzung.)! Er schritt weiter und weiter. Die Schritte hallten unter seinen ' Füßen. Weit und breit auf dem Felde kein lebendes Wesen zu sehen.! es ist einsam schauerlich: sein Weg führt ihn an einem kleinen Gei hölz vorüber, in dessen Schatten er mit Marien gar manchmal sich j ergangen. Ihm scheint's von weitem, als ob er eine Gestalt erblickt j hätte, die bei seinem Vorwärtsschreiten sich in das Dunkel des Waldj chens zurückzog. Fast schien es ihm, als hätte er die Gestalt erkennen! sollen: Honza, der Fleischhauergeselle; oder sollte er sich getäuscht! habe»? Aber was sollte Honza jetzt hier? jetzt in später Abendstunde!! Was hatte er hier vor, und warum versteckte er sich, der unheimliche j Mensch, in dem dunklen Gehölze? Kalt lief es unserem einsamen Wanderer über den Rücken hinj unter bei den Gedanken, die mit Blitzesschnelle seinen Geist durchflogen! Daß Honza sein Freund nicht sei, das wußte er deutlich genug; Honza war nicht der Mensch, seinen Groll über den zudringlichen Juden zu verbergen. Sollte er es auf den Eindringling abgesehen haben? sollteer ihm hier an günstiger Stelle auflauern? Wie j konnte er gerade jetzt darauf verfallen, eine solche Absicht ins Werk zu! setzen? Konnte er denn wissen, daß Jossef gerade heute Abend des > Weges daherkommen werde? Nein — sagte er sich, nachdem er eine Weile stehen geblieben! — der Verdacht ist kindisch, und er setzte seinen Weg weiter fort. Er i ging und kam unbehelligt vor dem Wäldchen vorüber. Er athmete! leichter und freier, aber er cs im Rücken hatte; obwohl der Verdacht! ihm kindisch geschienen, war er doch nicht ohne Furcht an der gefährj lichen Stelle, wo er einen Feind seiner harrend vermuthete, vorübergegangen. Jetzt erst, nachdem sich seine Furcht als eine unbegründete erwiesen hatte, fing er an zu überlegen, wie es jetzt sein möchte, wenn Honza ihm hier wirklich aufgelauert hätte. Einer von uns wäre gewiß nicht mehr am Leben — dachte er — und wahrscheinlich wäre der eine ich! Denn ohne Waffen, wie ich da bin, hätte ich gegen ihn, der sicher nicht unbewaffnet gelauert hätte, nicht aufkommen i können. Und was wär' es gewesen, wen» ich jetzt nicht mehr wäre? j Aller Schmerz wäre zu Ende, alle Qual und alle Pein wär' ans; j mein Herz hätte Ruh, und ich wäre jetzt schon drüben in jener Welt,! wo die Macht des Menschen nicht hinreicht! Und fast that es ihm . jetzt leid, daß er sich in seiner entsetzlichen Vermuthnng getäuscht hatte, daß er noch am Leben, noch gezwungen war, diese unermeßlichen Oualen mit sich herumzuschleppen. Indem er diesem grüblerischen Sinnen nachhing, siel im Wäldchen hinter ihm ein Schuß, der die Luft mit seinem Knall i heftig erschütterte und ihn aus seinen Träumereien erweckte. Was war das? also war es doch Jemand, der mit Mordgedanken dahineini gegangen! War es ein Mensch, der selber Hand an sich gelegt? ein . Mensch, dein das Leben zur Last war, so wie mir? und er hat den : Muth gehabt, mit einem einzigen Ruck der ganzen Sache ein Ende j zn machen? den Muth? warum Hab ich ihn nicht auch? soll ich warten, bis der Zufall mir den Mörder entgegenschickt? wenn ich das Leben j nicht ertragen kann, warum ertrag ich's? — Was man von mir! sagen wird? — Und was werden sie in der „Gaffe" sagen, wenn sie j hören werden, ich bin davongegangen? Soll mich das Gerede der j Leute zurückhalten, wenn ich mir Ruhe verschaffen kann, Ruhe mit j einem Stoß?! Er kam mit diesen selbstquälerischen Gedanken dem Teiche immer I näher und näher, und das Quaken der Frösche und Unken, anfänglich nur als leises Summen und Brummen vernehmbar, wurde immer stärker und stärker. Sinnend blieb er stehen. Wie sie schreien, die Frösche! Schreien sie vor Schmerz oder vor Freude? Wie viel glücklicher sind die Thiere als die Menschen! Hat man schon von einem Thier gehört, das sich selber das Leben nehmen will? Solche Gedanken kann doch nur ein Mensch haben. Und hat denn ein Thier auf dieser Erde keine Schmerzen zu erdulden? Wenn es hungrig ist und findet keine Nahrung, ist das kein Schmerz? und doch trügt es ihn. — Er schritt weiter und weiter und setzte diese Ueberlegung in Gedanken fort. Und nur der Mensch, der Mensch mit seiner Unruhe im Herzen. — Der Mond goß sein silbernes Licht hernieder und beglänzte die Kreuze und Grabsteine des Dorfkirchhofes, dem sich unser Wanderer eben näherte. Mit seiner großen Unruhe im Herzen! flüsterte er fast halblaut vor sich hin, als sein Blick nach einer Biegung des Weges plötzlich auf die vom Monde beleuchteten Grabsteine und Kreuze siel, und wie wenn es ihm Jemand auf seine Frage an das Geschick als Antwort gesagt hätte und er dazu hätte seine Zustimmung geben sollen, so sagte er fast mechanisch: „Ja, hier ist Ruhe, hier ist Ruhe; unter diesen Grabsteinen hört die große Unruhe des Herzens auf! Dieser Ort ist die einzige wahre Erlösung von allem Erdenjammer, aber der Mensch muß warten, bis er daher gerufen wird. So lange er aber auf der Erde wandelt, muß er seine große Unruhe ii» Herzen mit sich herumtragen, und wenn es ihm zerspringen sollte. In dieser elegischen Stimmung ging er an der Kirchhofsmauer vorüber und näherte sich dem Dorfe. Es waren nur noch wenige hundert Schritte, die ihn von der Stelle trennten, wo er seine Marie zu finden hoffen konnte. Wie sollte er ihr sich heute nähern? Wie ihr mittheileu, was ihn noch heute zu ihr gefiihrt. Das laute Pochen seines Herzens kündigte es ihm an, daß er sich bereits in der Geliebten Nähe befinde; noch wenige Schritte, und — „Jesus, Maria und Josef! Da habt's den da! so spät beider Nacht, was giebt's denn!" rief es ihm bereits von der Steinbank entgegen, wo der alte Niederhuber, mit Marie und Brigitten des schönen Abends zn genießen, im Gespräch mit einander saßen. Die Stimme, die ihi» den überraschenden Willkomm entgegenrief, gehörte der alten Brigitte an. „Nun ja! Maria und Josset? was soll's denn iveiter geben? Den Jesus laßt nur ar>s dem Spiele, Mutter Brigitte" antwortete es hinter dein Rücke» des Angekommenen. Rasch wendete dieser sich um, und Honza, der unheimliche Fleischhauergeselle, den er vorhin beim Wäldchen gesehen zu haben glaubte, stand da in seiner ganzen Länge, tvie festgewurzelt in dem Boden. Das düstere Feuer, das in seinen Augen loderte, stimmte trefflich zu dem beißend-sarkastischen Tone, mit dem er Brigitten die Antivort aus ihre Frage über den Rücken des Gefragten hinüber zugerufen hatte. Honza, den der schöne Abend hinausgelockt ins Freie, hatte von ferne bereits den in sich versunkenen seltsamen Wanderer erblickt. Begierig zn wiffen, was derselbe zur Abendzeit da vorhabe, hatte der Geselle sich ins Wäldchen zurückgezogen; hieraus um dem nächtlichen, Wanderer einen kleinen Schrecken in die Glieder zu jagen, das Gewehr, das er bei sich hatte, abgeschossen und endlich sich leise, fast auf den Fußzehen aufgemacht, um dem nach dem Dorfe zu Schreitenden in geringer Entfernung nachzuschleichen. Hatte die Frage Brigittens unangenehm berührt, so hatte ihn die von Honza darauf gegebene Antwort erschreckt — er fuhr zusammen da er des unheimlichen Menschen, der kurz vorher, ohne daß er es

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