Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1892)
- Date
- 1892-04-15
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Erfahrung eines Einzelnen, auch die über alle Zweifel erhabene Statistik zeugt mit ihren Zahlen dafür, daß die Juden mit blonden Haaren und blauen Augen: also mit den charakteristischen Merkmalen des G erin anent hums, einen erheblichen Prozentsatz unter den Juden Deutschlands ausmachen. Als nämlich im Jahre 1876 unter Rudolf Virchows Leitung diesbezügliche statistische Erhebungen gepflegt wurden, fand man, daß in Deutschland im Durchschnitt 11,2 Prozent blondhaarige und blauäugige Judenkinder existirten. Bedenkt man, daß von den christlichen Schulkindern in Deutschland durchschnittlich 31,8 Prozent blond waren, so ist die Zahl der blonden Juden im Berhältniß schon eine recht stattliche. Ja, in Preußen allein hatten sogar 32,4 Prozent der jüdischen Schulkinder blondes Haar! Man hat sich bereits Mühe gegeben, um für diese auffallende Thatsache auch eine passende Erklärung zu finden. I. E. Prichard glaubte, mit dem Hinweis auf die Naturverhältnisse das Richtige getroffen zu haben. Das kältere Klima und die sonstigen klimatischen Verhältnisse Nordeuropas, so behauptet er, seien die Ursache, daß blonde Inden in Deutschland und England so häufig Vorkommen. Aber diese Annahme des englischen Gelehrten ist nicht stichhaltig, schon deshalb nicht, weil auch unter den Juden Nordafrikas und des Orients Blondhaarige ziemlich häufig angetroffeu iverden. Außerdem spricht gegen Prichards Annahme, daß die Einwirkungen des Klimas erst nach Jahrtausenden zu Tage treten, nicht aber in einem verhältnißmäßig so kurzen Zeitraum, ivie die fünfzehn Jahrhunderte sind, seit denen es Juden in Deutschland giebt. Auch die geschlechtliche Vermischung der Juden und Deutschen kann nicht zum Beweis für das häufige Vorkommen blonder Juden in Deutschland angeführt iverden. Denn derartige Fülle kamen in früheren Zeiten fast gar nicht vor, und auch jetzt noch ist die Zahl der Heirathen zwischen Christen und Juden minimal. So ist denn auch diese Annahme nicht haltbar. Wie soll nian also die merkwürdige Thatsache erklären, daß es so viele Juden giebt, die alle Anzeichen germanischen Stammes an sich tragen? Da hat nun Dr. Moritz Alsberg in Kassel in einer vor kurzer Zeit erschienenen Schrift über „Die Raffenmischung im Judenthum" (in der Birchow-Holtzendorff'schen Sammlung gemeinverständlicher, wissenschaftlicher Vorträge, Heft 116) mit großer Sachkenntniß diese Frage untersucht und nachgewiesen, daß die große Anzahl blonder Juden auf die Vermischung der Juden mit einem indogermanischen Volk, und zwar im frühesten Alterthum zurückzuführen ist. Dr. Alsberg geht hierbei von den Untersuchungen aus, die die beiden englischen Forscher Osburne und Flinders Petrie in den letzten Jahren in Aegypten angestellt haben. Osburne fand nämlich, daß die Schasu von Kanana (Kanaan), die südlich von Hebron wohnten, sowie die Amaur oder Amoriter auf den ägyptischen Denkmälern init röthlich-blondem Haar und Bart, blauen Augen und heller Hautfarbe dargestellt sind. Da dies Eigentümlichkeiten der indogermanischen Rasse sind, so folgerte Osburne, daß bereits im 14. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine arische Bevölkerung in Palästina gewohnt habe. Zu ganz gleichem Resultate gelangte Flinders Petrie. Zweifellos scheint es also zu sein, daß diese Urbevölkerung des heiligen Landes arischer Abstaminung geivesen ist. Ebenso zweifellos ist aber auch daß die indogermanischen Ainoriter noch existirten, als längst schon die Kinder Israels Herren des Landes waren. Noch zur Zeit des Königs Shishak von Aegypten, der Rehabeam besiegte, war die Bevölkerung von Juda größtentheils amoritisch. Denn die Kriegsgefangenen Shishaks tragen auf einem Denkmal dieses Königs durchaus die Gesichtszüge der Amoriter. Dagegen weisen die Unterthanen Jehus von Israel auf den Oblisken Salmauassars kl. den reinsemitischen Typus auf. Schon aus dem Denkmal König Shishaks konnte man schließen daß zwischen den Amoriter» und den Juden eine Vermischung stattgefunden habe. Wie könnte es sonst erklärt iverden, daß die Kriegsgefangenen, die der Aegypter in Juda machte, darunter also offenbar auch Juden, ainoritische Gesichtszügc tragen? Sind doch die ägyptischen Künstler gerade in der Darstellung der verschiedenrn Rassentypen sehr sorgfältig vorgegangen. Davon abgesehen, weist Dr. Alsberg darauf hin, daß sich, wie allbekannt, die Israeliten im Alterthum sehr häufig mit den andern Kanaanitern vermischt haben. Deshalb enthalten auch zahlreiche Bibelstellen Verbote in dieser Hinsicht. Und noch in den späten Zeiten Esras und Nehemias hatten viele Juden heidnische Weiber und erregten dadurch de» Zorn der beiden Führer Israels. Da nun die Amoriter ein Nachbarvolk der Juden waren, ist es zweifellos, daß auch zwischen Jiiden und Amoritern zahlreiche Mischehen stattfanden, und daraus erklärt sich auch am ungezwungensten das häufige Vorkommen blonder und blauäugiger Jiiden nicht blos in Deutschland, sondern auch in Nordafrika, im Orient, in Rußland, Portugal, n. s. w. Und so schließt »nn Dr. Alsberg, daß die Juden eine Mischrasse bilden, ein Konglomerat, au welchem neben dem prüponderirenden semitischen Element das indogermanische einen wesentlichen Antheil hat. Dieser Antheil erscheint noch größer, wenn man, wie gleichfalls Dr. Alsberg beinerkt, in Erwägung zieht, daß auch zwischen Jiiden und Hellenen, sowie zivischen Juden und Römern ziemlich häufig Mischehen stattfanden. Ich möchte noch hinzufügen, daß wahrscheinlich j auch das philistäische Element Einfluß auf die Kinder Israels genommen hat. Und die Philister waren ja, wie man jetzt wohl mit Recht vermuthet, ein Theil jener großen thrnkischen Völkermasse, zu der die Trojaner, Dardaner, Tyrrhener u. s. w. gehörten. Eine geringere Wahrscheinlichkeit als die erste Behauptung des Verfassers kann dagegen eine zweite in Anspruch nehmen, daß nämlich auch ein mongolisches Element an der Bildung der israelitischen Mischrasse Antheil habe. Dr. Alsberg beruft sich hierbei auf die Wahrnehinung, daß das Volk der Kheta oder Hittiter auf den ägyptischen Denkmälern einen an den iiiongvlischen erinnernden Typus zeige, und ferner, daß sich die Israeliten sicherlich auch mit deii Hittitern vermischt haben. Nun ist aber der Typus der Kheta keineswegs rein mongolisch, weist vielmehr bedeutende Unterschiede auf. Und angenommen, die Kheta wären wirklich mongolischer Abkunft gewesen, so kann die Vermischung mit den Israeliten doch nicht von Bedeutung gewesen sein, da der Schwerpunkt des Hittiterreiches nicht in Palästina, sondern in Nordsyrie» lag. Und schließlich finden sich in dem Rassentypus der jetzigen Israeliten keineswegs Anklänge an den mongolischen Gesichtsausdruck. Wenn aber auch diese Vermuthung des Verfassers auf nicht ganz fester Grundlage ruht, so ist dagegen die andere um so begründeter, und es dürfte somit dargethan worden sein, daß die Inden auch der Abstammimg nach dem geriilanischen Stamme keineswegs so fern stehen, wie es früher den Anschein hatte, daß auch in ihren Adern ein Tropfen indogermanischen Blutes fließt, ebenso wie sie in Herz und Sinn längst eins geworden sind' mit dem großen Volke der Deutschen. O