Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1892)
- Date
- 1892-04-15
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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185 er will den gottbegnadeten Theilnehmer an der großen Tafelrunde „der Frommen mit den Kronen auf den Häuptern" von Angesicht zu Angesicht kennen lernen. Keine Plage ist ihm zu groß, keine Mühe zu schwer, keine Entbehrung zu drückend, mit dem Wanderstab in der Hand pilgert er unter der Sonne Gluth und der Nächte Unbilden seinem Reiseziele zu. Endlich dort angelangt, fragt er einen Vorübergehenden nach der Wohnung seines Genossen in sjic. Er erhält Bescheid, und von Sehnsucht verzehrt, eilt er trotz Müdigkeit und Mattigkeit raschen Schrittes dahin. Alsbald empfängt ihn der Wirth des Hauses; die Beherbergung von Fremden war sein Geschäft. Unser Wanderer erhält eine Stätte zngewiesen, wo er der so nothwendigen Ruhe pflegen konnte. Nichts lag ihm jedoch so sehr am Herzen, als Handel und Wandel seines Genossen „in einer anderen und besseren Welt" still und unbemerkt zu beobachten. Aber o weh! in nichts nahm er den glaubenseifrigen, pflichtstrengen Religionsbruder wahr. Tage verstrichen, Wochen zogen vorüber, er setzt seine Beobachtungen fort; das Resultat ist das gleiche. Endlich riß ihm die Geduld; er wollte Klarheit haben. Mnthig trat er an den Wirth mit der Bitte heran, ihm eine Unterredung unter vier Augen zu gewähren. Seiner Bitte wird willfahrt. Nun legte er dm Zweck seiner Hierherreise mit allen Einzelheiten dar und drang in seinen Gastgeber, ihm offen zu sagen, welche Tugend ihm zu eigen sei, von der anzunehmen wäre, daß sie ihm „einen Stuhl im Gan-eden" erworben habe. „Höre," war die Antwort, „wie Drl wahrzunehmen Gelegenheit hattest, kehren bei mir Fremde ein verschiedenen Geschlechtes, verschiedenen Charakters, verschiedener Lebensrichtung; an der Thür eines solchen Hauses lagert zu gern die Sünde; ich hingegen wache mit Argusaugen darüber, daß diese nicht ins Innere des Hauses dringe und der Sittlichkeit Schaden zufüge." — Hell leuchtete das Auge des aufmerksam zuhörenden Rabbi auf -und befriedigt kehrte er in seine Heimath zurück. — Fast könnte man glauben, daß unsere modernen Orthodoxen in ihrer Weise es geradeso halten. All die Erschwerungen und Peinlichkeiten, welche das strenggläubige Judenkhum seinen Anhängern auferlegt, schütteln sie ruhig von sich ab, des Lebens Frohsinn mit Wonne genießend. Dagegen klammern sie sich krampfhaft an Einzelheiten, als gelte es, die Säulen der Religion vor gefährlichen Erschütterungen zu bewahren. Dies tritt in diesem Momente bei uns anläßlich der Orgelfrage grell hervor. Eigentlich kann von einer Orgel-„Frage" nicht gut die Rede mehr sein; diese erscheint sowohl theoretisch als praktisch schon längst im affirmativen Sinne entschiede». Aber was vermag nicht unsere moderne Orthodoxie, die als die „echtfarbige" gelten zu wollen nicht übel Lust hat, zu einer „Frage" aufzubauschen? Ich möchte mich daher nicht der Abgeschmacktheit schuldig machen, ernstlich diesen Gegenstand als „Frage" zu behandeln, und begnüge mich damit, nur darauf hinzuweisen, daß das Judenthum als solches und insbesondere in seiner gottesdienstlichen Bethätignng nie stillgehalten hat, wenn die Anschauungen der Zeit und die daraus resultirenden Bedürfnisse von ihm Konzessionen verlangt haben. Wenn nun von der Orgelbegleitung die Hebung des Gottesdienstes und dessen Attraktion auf die Jugend erhofft wird, so kann sicher selbst vom rigorosesten kasuistischen Standpunkt aus eine Einwendung gegen deren Einführung nicht erhoben werden, insbesondere nicht, wenn durch die gottesdienstlichen Einrichtungen in den bestehenden Bethäusern den Wünschen derjenigen vollauf Rechnung getragen ist, welche die Orgelbegleitung beim öffentlichen Gottesdienst perhorresziren. Wozu all der Lärm? Leider läßt das jetzt in unserer Gemeinde zur Herrschaft gelangte Schaukelsystem nicht ohne Grund fürchte», daß die Ritter von der modernen Orthodoxie aueh in dieser Angelegenheit den Sieg davontragen werden. Die Männer des Tages erinnern zu lebhaft an den Schmock in Gustav Freytags „Journalisten"; sie lugen nach rechts, sie lugen nach links. Die Orgelangelegeuheit hängt auch innig mit der Frage des Tempelbaues zusammen. Dessen Nothwendigkeit ist eine unabweisliche. Wie aber den Rubikon der hierzu erforderlichen Geldmittel überschreiten? Das nun bestehende Gemeinde-Regime hielt seine Inauguration, indem es ein Anlehen von einer halben Million Gulden gegen hypothekarische Sicherstellung mit einem hiesigen Geldinstitute kontrahirte. Es geschah dies, um die bei der Gemeinde aus Hinterlassenschaften w. für wohlthätige oder sonstige Zwecke erliegenden oder auf ihren Raritäten haftenden Gelder in Effekten anzulegen. Ob auf dem Wege der Amortisation sich nicht successive derselbe Effekt, wie durch die gedachte Finanzoperation, hätte erzielen lassen können, darüber kann diskutirt werden; was aber über jeden Streit erhaben ist, das ist, daß der Gemeinde nunmehr die Möglichkeit benommen ist, durch das Medium eines Hypothekar-Anlehens die Mittel zur Erbauung eines Gotteshauses zu beschaffen. Hoffen wir aber, daß die Opferwilligkeit unserer Genieindemitglieder und die erhöhten Einnahmen der Gemeinde-Kasse durch die ungleich hohen Steuer-Leistungen der Gemeindemitglieder diese Möglichkeit nicht vermissen lassen werden. Inzwischen ist es tief zu bedauern, daß wir durch die nothwendige Erholung des Dr. Jellinek der Verkündigung des Gotteswortes aus seinem Munde entbehren müssen. Es wird auch die Nachricht kolportirt, daß unser Gemeinde- Vorstand daran denkt, einen Gemeindeanwalt zu bestellen. Bei dem Umstande, daß eine stattliche Anzahl von Advokaten unserem Gemeinde- Vorstand angehört, ist schwer einzusehen, welchem Zwecke ein solcher Anwalt dienen solle; vor lauter Juristen wird der Laienverstand gar nicht zu Worte kommen. Wenn nicht hinter dem Titel „Anwalt" ein anderer Begriff sich birgt, so ist hier nichts als eine leidige Nachahmnngssucht im Spiele: weil die Kommune Wien eine» Anwalt unter ihren Funktionären zählt, so will die Kultusgemeinde hierin nicht zurückbleiben. Daß es nur Possirlich erscheinen muß, wenn der Zwerg es dem Riesen gleich thun will, wird vergessen. Mittlerweile suchen die Gernegroße sich bemerkbar zu machen, um ihren Sitz am grünen Tisch für die nächsten Wahlen auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege terroristischer Agitation sich zu sichern. Vielleicht wird es bis dahin den Wühlern doch klar, daß er- Irrlichter sei» können, die wie Sterne leuchte». Me Nassenmischung im Iudenthmn. Von Edmund Groag. Es ist bekannt, daß der größte „Vorwurf", den die deutschnationalen Antisemiten bisher gegen die Juden zu erheben vermochten der war, die letzteren seien ein ganz unverfälscht semitisches Volk und hätten van altersher bis ans die Jetztzeit die Eigenart ihres Stammes unversehrt erhalten. So seien sie mitten unter Germanen die einzigen Vertreter einer der germanischen ganz fremden, ja geradezu gegenüberstehenden Rasse. Als Beweis für diese Behauptung führen die Antisemiten an, daß die Gesichtszüge, Haar- und Bartfarbe der in Deutschland wohnenden Juden durchaus den semitischen Typus aufweisen. Nun wird aber Jedermann, der in jüdischen Kreisen verkehrt, die Erfahrung gemacht haben, daß blonde und blauäugige Juden keineswegs zu dm Seltenheiten gehören. Aber nicht blos die