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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-15 · Heft 16 (15.4.1892) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 16 (15.4.1892)
Date
1892-04-15
Page
Seite 184 (sequence 4)
Language
German
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184 nicht nur die engsten Familienangehörigen und jubiläumslustige Freunde theilnehmen, nein, einen« Jubeltage, den init dem Jubilar eine große Gemeinde, eine ganze große Stadt, mehr noch, die ganze Religionsgenossenschaft feiert! Ter Jubilar ist der Nestor der deutschen israelitischen Kantoren und Koinponisten auf dem Gebiete des synagogalen Gesanges, der Oberkantor der Gemeinde zu Braunschweig, Herr H. Goldbcrg. Und sein Jubiläum? Es ist ein ebenso köstliches wie seltenes: die Wiederkehr des fünfzigsten Jahrestages seiner Amtseinführung in die Braunschweiger israelitische Gemeinde — ein volles halbes Jahrhundert hindurch hat er dieser Gemeinde seine hervorragenden Kräfte, seine fördersame Thätigkeit als Kantor und Lehrer gewidmet. Und so sahen «vir denn am ersten Peßachtagc das in Wahrheit uns patriarchalisch anmuthende Bild: eine Geineinde itm den noch in regster geistiger Frische arbeitsfrüh «virkenden 85jührigeu Jubilar geschaart, um mit ihn« das Fest seiner 50jährigen Wirksamkeit in eben dieser Geineinde zu feiern — ein «oeiter Kranz von alten und jüngeren Schülern eben dieses rvürdigen Jubilars. Und mit aufrichtiger Freude könne«« «vir es hier konstatiren; nicht seine Geineinde nur, nein, alle Kreise der Stadt Braunschweig, die dem Jubilar zur lieben Heimath geworden ist, haben mit ihrn den Jubeltag begangen. Nicht nur auf seine Gemeinde hat Herr Goldberg seine stets von« edelsten Humanisinus getragene und drirchleuchtete Thätigkeit beschränkt, er hat sie ausgedehnt auf Alle, die gleich ihm edel zu fühlen vermochten, weß Glaubens und «veß Standes sie auch iininer sei«« «nochten. So hat gerade unser Jubilar viel dazu beigetragen, daß in Braunschweig der Geineinsinn sich in humanitärer Richtung bewegte «>nd Treffliches hervorzubringen vermochte. Der Braunschweiger .Humanitätsverein, dessen Wirken ein gesegnetes genannt zu «verden verdiente, sahinH. Goldberg seinen ersten Vorsteher durch viele Jahre, und kein Anderer, als eben er war es, welcher die Anregung gab zur Errichtui«g jenes Denkinals vor dein Hohen Thore, zum Gedüchtniß des Herzogs Friedrich Wilhelm und seines Sieges über die Franzosen beim Dorfe Pelper. — Ward «hin für Alles, «vas er that, in jedein redlichen Herzen Anerkennung, so ist ihin auch die sichtbare nicht versagt geblieben. In« Jahre 1878 dekorirte Herzog Wilhelm von Braunschweig ihn mit der erste«« Klasse des goldenen Verdienstkreuzes Heinrichs des Lötven und gab in einer längeren Andieirz persönlich seiner vollen Anerkennung des verdienstvollen Wirkens Goldbergs den schmeichelhaftesten Ausdruck. In seinen« Amtswirken, vornehmlich aber als Koinponist auf dem Gebiete des synagogalen Gesanges und als Einführer der «nodernen Richtung des Gottesdienstes, ist des Jubilars Name in allen israelitischen Genieinden Deutschlands, ja selbst des Auslandes, bekannt geworden. Hatte er schon in seiner ersten Anstellung in Holzinindcn die Vorarbeiten zu einer gründlichen Reforrn des Gottesdienstes in den deutschen Synagogen gernacht, so erreichte er dieselbe ii« Braunschweig. Bereits iin Jahre 1843 erschien im Verlage der Firma Friedrich Vietveg und Sohn in Braunschweig die erste Ausgabe seiner Synagogengesänge. Wiest»« Fluge verbreiteten sie sich in Deutschland durch viele Gcnreinden, in zahllosen Exemplaren wanderteil sie ins Ausland, «ind heute giebt es in Deutschland gewiß kaum eine jüdische Geineinde, welche für ihren Gottesdienst nicht einzelne dieser Gesänge adoptirt hätte. Zur Feier seines achtzigsten Geburtstages hatte seine Gemeinde ihm eine ebenso sinnige, ivie des Geistes des Jubilars würdige Ueberraschung zugedacht: sic ließ eine besondere Jubelausgabe seiner Gesänge für Synagogengemeinden erscheinen. Auch diesem schönen Wirken ward eine besondere Anerkennung zu Theil, «md zwar seitens der seiner Zeit iu Braunschweig tagenden Rabbiner-Versammlung, deren Mitglieder seiner, den Gottesdienst in der Synagoge zu einem tiefergreifenden und weihevollen stempelnden Art des Vortrags und der durch ihn eingeführten modernen Richtung des Gottesdienstes vollsten Beifall zollten. Aber nicht nur als Organisator auf den« Gebiete des synagogischen Gottesdienstes «virkte er, vielmehr war sein ganzes Leben dem Wohlthun und der Ausübung guter Werke gewidmet. Kein Armer schied ohne Hilfe und Rath von seiner Thür, er fehlte ai« keinem Kranken- und Sterbebette, und selbst zu Zeiten gefährlicher Choleraepide«nien war sein Platz stets in der Krankenstube seiner Gemeindemitglieder. Auch auf einem anderen Gebiete war er mit Erfolg thätig, so namentlich als Sofer, als «velcher er eine Anzahl Gesetzrollen und zwar in so vorzüglicher Weise geschrieben hat, daß dieselben noch jetzt die Bewunderung all Derer erregen, welche sie zu sehen Gelegenheit habe«« Das jetzige Jubiläum ist nicht das erste, wohl aber das hervorragendste Goldbergs. Schon vor 13 Jahren konr«te er die Feier seines 50jährigen Wirkens als Kantor und Lehrer im Herzogthun« Brannschtveig begehen. Rief ihn doch schon im Jahre 1829 die Gemeinde Holzminden, 1836 die Gemeinde Seesen, bis 1842 seine Berufung ai« die Braunschtveiger Gemeinde erfolgte, die nun sein 50jähriges Wirken gefeiert hat. Schon im Jahre 1889 konnte demnach H. Goldberg sein OOjähriges Berufsjubiläum feiern — ein gesegnetes Leben ist ihin vergönnt! Eü« gesegnetes Leben in der Familie dazu! Das Gute, Edle und Schöne, das er Anderen zu bringen «vußte, «vard ihm vergolten im Schooße seiner Familie. Ein reiches Familienglück ward ihin z«> Theil, als schöilste Anerkennuiig des von ihn« Geleisteten. Heute sieht sich der würdige Jubilar umgeben von seiner Gattin, die ihin den Lebensweg zu einem fröhlichen machte, von seinen Kindern, die sich sümmtlich in hervorragenden karifruännischen und kü««stlerischen Lebensstellungeil befinden, und von Enkeln, die einst ihren Kindern erzühlei« werden von dem Großvater, von seiner Milde und seiner Güte und von der Ehrfurcht, die feil« Anblick erweckte. Biel Ehren mochte der erste Peßachtag unserem Jubilar bringen, die größte Ehre brachte er sich selbst dar an diesem Jubeltage: die frohe Erinnerung auf ein durch nichts getrübtes arbeitsvolles Leben, von dem einst der Herr der Heerschaaren bestätigen wird: Es ist köstlich gewesen! c—S. 9 Wiener Briefe. XVII. T. Erklecklich ist die Zahl der Pflichtgebote des Judenthums; sic erreicht die Ziffer 613, sage sechshundertunddreizehn. Die Toleranz des Talmuds erblickt aber in der Erfüllung auch nur manches einzelnen Gebotes ein Aeguivalent für die Beobachtung sämmtlicher Gebote. Auch die Legende der Judengasse huldigt einer solchen Maxime. Ein frommer Rabbi kasteit seinen Leib, „forscht Tag und Nacht in der Thora", die Kabbala nennt er seine Schtvester, heiße Thränen vergießt er bei seinen Gebeten, mit peinlicher Genauigkeit erfüllt er selbst jede geringfügige Observanz. — „Wer wird wohl «nein Genosse sei» iin Gan-eden?" ist das lim und Auf der seine Seele beschäftigende!« Fragen. — Erbarmungsvoll schließt ihn Morpheus in seine Arme. Wessen seine Gedanken am Tage voll si««d, deß füllt der ihn umgaukelnde Traum aus. Es erscheint ein Gesicht; er erblickt im fernen Lande einen Glaubensbruder, der sein Gesellschafter werden soll in dem aus der Haut des Liviathan konstruirten Zelte. Er wacht auf-nunmehr kennt er weder Rast noch Ruhe;

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