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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-15 · Heft 16 (15.4.1892) · p. Seite 183

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 16 (15.4.1892)
Date
1892-04-15
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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183 gebracht werden soll, muß in anschauliche Formen gekleidet sein. Im Kindesalter waltet noch die Phantasie vor, und nur was als Bild erscheint, wird in der Seele des Kindes festgehalten und angeeignet. Das hat schon die heil. Schrift wohl erwogen und berücksichtigt, und darum ist sie auch so vortrefflich geeignet zur Entfaltung der Sittlichkeit und des Gottesbewußtseins im Herzen der Kinder. Hier werden die Lehren der Religion nicht blvs in kurze Sätze und Aussprüche gekleidet, sondern auch in farbenprächtigen Lebensbildern vorgeführt; uno während das reifere Alter sich an jene hält, schöpft das kindliche Geninth aus diesen eine Fülle bleibender Erkenntniß. Ebenso aber verfährt unser Fest. Wäre die Hagada unseres Festes, diese Antwort des Paters auf die Frage seines Kindes, wäre sie nur eine schlichte Erzählung des ägyptischen Ereignisses, und würde sie nicht von Symbolen begleitet sein, welche die wichtigsten Punkte derselben in bildlicher Weise veranschaulichen, so würde sie nicht jenen mächtigen Eindruck auf die Kindesseele ausüben, der noch im gereiften Manne segensreich nachwirkt und ihn als eine selige Erinnerung durch das ganze Leben begleitet. Sic würde im besten Falle den Perstand beschäftigen, aber im Gemüthe würde nichts haften, was dem Menschen auch im dunklen Drange des Lebens den rechten Weg zum Bewußtsein bringt. Diese Wirkung ist dem religiösen Symbol Vorbehalten, dessen die religiöse Erziehung der Jugend darum niemals entrathen kann. Mißversteht mich nicht, m. A.! Ich weiß es wohl, daß die religiöse llebung nicht Sache der Schule, sondern einzig und allein des Hauses Aufgabe ist. Aber unsere Ausführung soll ja nur dathun, daß auch die Schule diejenige Unterweisung zu gewähren hat, die unser Fest bei der häuslichen Feier als so überaus wirksam erweist; daß der Religionsunterricht der öffentlichen Schule des charakteristischen Gepräges nicht entrathen darf, sondern den Schülern die Würdigung von Bekenntniß und Symbol, wie sie sich iw geschichtlichen Leben heransgestaltet haben, bcibringen muß. Erfüllt nun die Schule diese ihre bedeutsamste Aufgabe für die Kinder unseres Bekenntnisses? Rein, m. A.! Gerade diejenigen Schulen, in denen die Kinder des gebildeten Mittelstandes und der höheren Schichten unserer Gemeinde unterrichtet werden, entbehren vollständig jeder llnterweisung in der Religion des Judenthuins, und hierin ist unstreitig der Grund zu suchen, nicht blos für die überhandnehmende Sittenverderbniß, sondern auch für den religiösen Abfall, der in diesen Kreisen um sich greift. Ist es daher zu verwundern, wenn diejenigen, denen die Erhaltung des Judenthums Herzenssache ist, von Zeit zu Zeit die Forderung erheben, daß dieser Unterricht von Staatswegen in den Lehrplan aller höheren Schulen eingcordnct werde? Fürwahr, in. A., diese Forderung ist so wenig eine besondere Forderung der Orthodoxie, wie ihre Bekämpfung ein besonderes Kennzeichen religiöser Freisinnigkcit ist — sie ist einfach das Ergebnis; der Billigkeit. Sa lange in den Schulen für den Religionsunterricht irgend eines Bekenntnisses von Staatswegcn gesorgt wird, ist es Sache der Gerechtigkeit, daß wir darin nicht hintangesetzt werden. Solchem Mißverhältnis; gegenüber glcichgiltig bleiben, heißt den Bestand des Judcnthums in unserem Baterlande gefährden. Man spricht dein gegenüber von der wunderbaren Widerstandskraft des Judenthums, das sich trotz Kampf und Roth Jahrtausende lang erhalten niid den kkntergang anderer Sekten überdauert hat, und es nimmt sich eigentlich seltsam aus, daß der Prediger hierin weniger vertrauensselig ist. Man spricht auch von der Freiheit der religiösen Unterweisung, die im Judenthum seit Jahrtausenden gewährleistet ist, und iviederum erscheint es fast unbegreiflich, das; der Prediger diesen Borzilg lischt fcsthalten, sondern an dessen Stelle den Zwang setzen will. Allein, m. Th., die traurigen Erscheinungen der Zeit falleii demjenigen schwerer aufs Herz, der zil ihrer Prüfung und Heilung eingesetzt ist; ihm, der auf hoher Warte steht und den ganzen Ilmkreis überschaiiet, offenbaren sich manche Zeichen des Verfalles, die den Andern verborgeii bleiben. Bon der Freiheit der religiösen Unterweisung im Judenthum aber thäte man besser zu schweigen. Gab es denn jemals eine solche Freiheit? War die allgemeine Herrschaft der Religion nicht Zwang genug? Wohl war die religiöse Unterweisung seiner Kinder dem Vater anheim gegeben; allein konnte er sich hierin der herrschenden Sitte entziehen, ohne der allgemeinen Aechtung und Verachtung anheini zu fallen? O, diese gepriesene Freiheit war eine Freiheit der Knechtscha ft! Was soll aber der ganze Streit, wo die Thatsachen so laut und vernehmlich reden? Heute sind wir ja, Gott sei's geklagt, im Vollbesitz der Freiheit auf dem Gebiete der religiösen Unterweisung. Nun frage ich: wie viele Väter hören denn auf das Gebot, das ihnen unser Fest zuruft: n*TJm „Du sollst Deinem Sohne vom Peßach erzählen"? und wie viele Mütter erfüllen denn das andere, das sie beschwöret: 22 111211 "psS 21133211 „Dn sollst die Gott cs ein heit und die Gottesliebe Deinen Kindern einprägen und davon reden, wenn Dn zu Hause sitzest, oder auf dein Wege gehst, wenn Dn dich niederlegst und wenn Du aufstehst"? O, ich bin nicht blind für die Roth und den Drang des Erwerbslebens in unserer Zeit, ich weis; auch, wie sehr die einseitige Verstandesbildung die Unmittelbarkeit des religiösen Empfindens geschädigt hat; aber um so schlimmer für die Freiheit, die nur mißbraucht wird, und um so beängstigender wird die Frage: Wohin soll cs kommen, wenn das Judenthuni auch ans der Schule, der einzigen Zufluchtsstätte religiöser Unterweisung, verbannt bleibt, während die anderen Bekenntnisse daselbst gehegt und gepflegt werden? Ja, wohin soll es kommen? Wohin? — Wer darum von der Bedeutung des Judenthums noch durchdrungen ist, wer der Ueberzengung lebt, daß das Gesannntbild der Menschheit eine empfindliche Lücke anfweisen würde, wenn die Religion Israels in ihrer Mitte nicht vertreten wäre: der wird die Forderung nach Einreihung des jüdischen Religionsunterrichtes in den Lehrplan der höheren Schulen als eine nnabweislichc empfinden und mit aller Kraft für ihre Erfüllung einstehcn. M. 21.! Es ist wieder Frühling geworden, das Fest der Hoffnung und Erlösung ist bei uns eingezogen. Ueberall keimt und sproßt cS, in Feld und Flur wie im Herzen der Menschen. So sehet denn zu, daß cs auch Frühling werde im Weinberge des Herrn. Umheget die zarten Schößlinge, auf daß ihre Blüthe nicht frühzeitig welke. Dann wird der Herr seinen Himmelsthau senden und das Werk eurer Hände gelingen lassen. Nicht vergebens werden wir uns dann mühen, nicht zu unserem Schrecken die Kinder erziehen: vielmehr als gottgesegnete Saat werden sie ansgehen, sic und ihre Nachtoininen mit ihnen. Amen! * Gin Jubiläum. Es ist wahr, wir leben in einer Zeit der Jubiläen, und die beiden Worte, ivelche wir diesem 2lufsatze als Ueberschrift geben, haben für sich allein alle Anziehungskraft auf den Leser verloren. 2lber da steht ein 2lusrnfungszeichen hinter dem jetzt so vielgebrauchten Worte, und dies Zeichen will sagen: Hier soll einmal von einem echten, einem wirklichen Jnbeltagc geredet tvcrden, einem Jnbeltage, an welchem

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