Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-15 · Heft 16 (15.4.1892) · p. Seite 182

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 16 (15.4.1892)
Date
1892-04-15
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227948--48754-3269407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

182 Der obligatorische Religionsunterricht in der Schule. Predigt, gehalten am ersten Tage des Peßachfestes in der neuen Synagoge von Dr. ©. Maybaum, Rabbiner. "7 mbnri T3TX "7 ^DiT „Deine Liebe, o Gott, will ich künden, Deinen Preis, Ewiger, für Alles, was Du an uns! gethan, für die unendliche Giite, mit der Du den Nachkommen in Aegypten vergaltest die Treue ihrer Ahnen. Als sie seufzten,! als sie zu Dir aufschrieeu von der harten Sklavenarbeit, da gedachtest Du Deines Bundes mit Abraham, Jsak und Jakob. Und was Israel zum Heile geworden, es ward allen Menschen j eine frohe Botschaft. Nicht brauchte mehr zu verzweifeln der! Gerechte in seinem Leide, da er erfahren, daß ein sehendes! Auge, ei» hörendes Ohr in unentwegter Gerechtigkeit waltet über den Menschenkindern. So nimm wohlgefällig auf den Dank unseres Herzens, und segne das Wort unserer Lippen, das Deinen Ruhm und Preis verkündet in diesen heiligen Räumen. Hallelujah! Andächtige Festversammlung! Natur und Geschichte vereinigen sich in unserem Feste zu einein Jubelpsalm auf den erlösenden Gott. Die Erlösung der Natur aus der erstarrenden Umarmung des Winters, die sich vor unseren Augen vollzieht, und die Erlösung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft, an die uns das Fest erinnert — sie künden dem Menschen den gleichen beseligenden Gedanken, sie feiern dieselbe erhabene Idee: Gott, der erlösend waltet in Natur und Geschichte. Darum ist jenes Lied der Lieder, welches den jungen Lenz und die keimende Liebe besingt, symbolisch geworden für die wunderbare Zeit der Blüthe und der Hoffnung, welche mit der Erlösung Israels aus Mizraims Enge für die Geschichte unseres Stammes begann; und darum ist unser Fest so häufig als das Fest einer sogenannten „natürlichen Religion" gepriesen und verherrlicht worden. In derThat, I aus unserem Feste leuchtet noch die Frühlingssonne der Religion, .stoch war die Gottesstimme auf Sinai nicht erklungen; noch hatte keine Gesetzgebung erhabene Zumuthungen an die Menschennatur gestellt; noch hatte Israel jene Satzungen nicht empfangen, die seinem l Glauben und Denken das eigenthümliche Gepräge aufdrückten: das! religiöse Empfinden des Volkes hatte mit der Befreiung aus Aegypten j vorerst jene Stufe erstiegen, die man als natürliche Religion bezeichnet.? Es hatte erfahren, das; ein allmächtiger und gerechter Gott in den ■ Höhen waltet, welcher der Willkür der Mächtigen Einhalt gebietet,! und daruin glaubte es an Adonai und an Mose, seinen Knecht, und feierte in dem Peßach den verheißungsvollen Frühling seiner Religion. Dieser jugendliche Charakter — so scheint es — hat nufer Fest ,',11 einem Lieblingsfeste d er Jugend gemacht. Sind ja auch die Ideen, von denen cs durchzogen ist, gerade solche, die im Herzen der Jugend einen lebhaften Widerhall wecken: Freiheit und Erlösung, muthiges Hoffen und kühnes Vollbringen. Ueberdies wird in der Fest-Vorlesung zu wiederholten Malen der Jugend gedacht, und dem Familienvater wird hier aufs Nachdrücklichste eingeschärft das! Gebot: "pa^ fftam „Du sollst Deine m Kind e erzählen". Es i liegt demnach die Meinung nicht so fern, daß, wie das Peßach das j erste in der Reihe der Feste und die geschichtliche Voraussetzung für den späteren Aufbau des Judenthums ist, so auch die Kenutniß des : ägyptischen Ereignisses, der Jdeenkreis des erlösenden Gottes der! vornehmste Gegenstand des religiösen Jngendunterrichtes sei, daß es mit einem Worte die natürliche Religion sei, die nach dem Gebote der Schrift in öffentlicher Schule gelehrt werden soll! Wir, in. A., sind nun nicht dieser Meinung. Aber das ist ja gerade die Frage, : die in unserer Zeit auf allen Seiten die Gemüthcr mächtig bewegt, wohlan: da sie auch von unserem heutigen Feste in uns angeregt wird, so sei ihrer Erörterung gewidmet unsere heutige Festbetrachtung. M. A. Beantworten wir uns zunächst die Frage, was man unter „natürlicher Religion" zu verstehen hat. Offenbar versteht man darunter eine Religion, die dem Menschen als solchem und darum allen Menschen natürlich ist. Man geht dabei von der Voraussetzung aus, daß der Glaube an Gott, in welchem man das Urbild aller Vollkommenheit erblickt, in der Menschennatur begründet ist, und daß dieser Glaube die Grundlage bildet für die Erziehung des Menschen zur Sittlichkeit. Ein Gott, der nicht blos allmächtig ist, sondern das Gute liebt und das Böse haßt, und der als Erlöser waltet über den Menschenkindern, das sind die einfachen Ideen der sogenannten natürlichen Religion; und diese Ideen sollen, losgelöst von allen Symbolen, unserer Schuljugend frühzeitig ins Herz gepflanzt werden. So lautet die Forderung in allen Lagern, denn die religionslose Erziehung ist auf allen Seiten gleichmäßig verpönt. Die Religion einet, nur das Bekenntniß trennt, so sagt man: die Religion, das Allen Gemeinsame, sei darum Aufj gäbe der Schule, das Syinbol aber, die eigenthümliche Formenprägung j soll ihr fern bleiben. j Wie kommt es nun aber, m. A.! daß die Ideen unseres Festes, I in denen wir die einfachen Ideen der sogenannten natürlichen Reli-! gion erkannt haben, bereits in der bestimmtesten Forinenprägung erscheinen? Daß gerade dieses Fest, welches auf die Erziehung der Jugend so vielfach Bezug nimmt, durch einen Reichthum an Symbolen vor allen anderen sich auszeichnet? Hier wird die Gebundenheit und Hilflosigkeit des Menschen, der nur durch seine Hingabe an die Gottheit gerettet werden kann, durch das Peßach, das Opferlamm, veranschaulicht; die göttliche Erlösung, die der Noth zur rechten Zeit ein schnelles Ende bereitet, durch die Mazza, das ungesäuerte Brod, versinnbildlicht; und das Maror endlich, das Bitterkraut, ist das der schmerzreichen Prüfungen, die zur Erhöhung unserer sittlichen Spannkraft mit dem Leben nothwendig verknüpft sind. Verliert nun dadurch unser Fest seine erziehliche Bedeutung für die Jugend? Wir glauben nicht, daß dieser Schluß berechtigt wäre; wirersehen hieraus vielmehr, das; selbst die einfachste und natiirlichste Religion ohne Formen und Symbole nicht denkbar ist, daß es in der menschlichcli Natur begründet ist, religiöse Ideen in sinnlicher Einkleidung anzuschauen. In der That, m. A., was man gemeinhin „natürliche Religion" nennt, das giebt es gar nicht in der Wirklichkeit, das ist blos ein Gedankenbild, welches aus der Zusammenfassung aller Religionen durch die Verbindung des Gleichartigen und durch Entkleidung desselben von allem Stofflichen gewonnen wird. Dieses blaffe und blutleere Gedankenbild aber, an dem wohl Philosophen ihr Gefallen haben mögen, unserer frischen und fröhlichen Jugend darzubieten wäre vollkoinmen verfehlt. Soll unserer Jugend nicht blos eine verwässerte allgemeine Moral geboten, soll ihre sittliche Erziehung auf religiöser Grundlage aufgebaut werde», so muß unserem Feste nicht blos der Lehrinhalt entlehnt, sondern auch die Methode der Einprügung abgelauscht werden. Unser Fest sucht vor Allem die Aufmerksamkeit des Kindes durch reiche Zurüstuugen zl> fesseln. Das Familienhaus prangt im Schmucke eines Heiligthums, der Tisch ist in einen Altar verwandelt, an welchem der Familienvater als Priester waltet, und die Symbole des Festes künden stumm und doch beredt von den Ereignissen der Vergangenheit. Die Wißbegierde des Kindes ist aufs höchste gespannt, und sie drängt es zu der Frage: J7K7 nö „Was ist das?" Und das, in. A., ist die rechte Methode kindlicher Unterweisung. Denn Alles, was dem Kinde an sittlichen Lehren und Erkenntnisien bei-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.