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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-08 · Heft 15 (8.4.1892) · p. Seite 180

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 15 (8.4.1892)
Date
1892-04-08
Page
Seite 180 (sequence 12)
Language
German
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180 Miscellen. * Schalent. In den „Sprüchen der Väter" Abschnitt 5, Vers 8, heißt es: DlpÖH 'IX Es ist nrir zu enge in Jerusalem zu übernachten. Dieses ist im Laufe der Zeit auf die Speisen übertragen morden, die Freitag Nachmittags von den Gemeindemitgliedern nach dem erwärmten Gemeindebackofen geschickt wurden, in dem die Speisen übernachteten, um Sonnabend zum Mittagbrod zu dienen. In polnischen Gegenden wird, nach der Leseart des Kamez als o, diese Speise auch „Scholent" genannt, während in deutschen Gegenden sie „Schalet" benamst wird, und ben Grund dafür man darin suchte, daß die Hausfrauen, weil die Speisen tour-rstour die öffentlichen Straßen passirten, sie in die besten Geschirre (Schalen) packten. S. Str. * Richard Wagner ein — Semit,-diese Erfindung gemacht zu haben, ist der Stolz einer antisemitischen Zeitschrift,' die mit den tollen Sprüngen ihrer gehässigen Phantasie schon oft die Leute lachen gemacht hat. Das Blättchen schreibt nämlich: „Richard Wagner darf man nicht etwa um dessentwillen zu den wahrhaft deutschen Musikern rechnen, weil er deutsche Sagen bearbeitet hat. Seine Musik ist im Allgemeinen nicht deutsch. Der keltische Volkscharakter scheint es zu sein, der in ihm erklingt. Dahin rechne ich die stagnirende Sinnlichkeit, das kokette Zur-Schau-Tragen der Gefühle und Empfindungen, die Maßlosigkeit in der Entäußerung der Leidenschaften, die Verwerthung des sinnlichen Klangreizes zur Erregung und Aufregung; — man hat die Wagnerische Musik ja geradezu „Erregungsmustk" genannt. Alle diese Züge sind nicht rein deutsch, sondern scheinen mir keltisch zu sein. Und wenn man mit dem Wort „keltisch" nichts anzufangen weiß, so sage ich: diese erwähnten Eigenschaften scheinen mir mehr französisch als deutsch, mehr semitisch als germanisch zu sein; — das Spiel des Zufalls wollte es, daß Wagner auf der Judenstraße „Brühl" in Leipzig geboren wurde, mit Hilfe des Juden Meyerbeer das erste Fortkommen fand, für die Pariser Juden den „Tannhäuser" bearbeitete, und in der Nähe des Judenviertels in Venedig seine Augen schloß. Dabei kann gar nicht geleugnet werden, daß die Wagnersche Musik der Aeußerlichkeit und Veräußerlichung zumMindesten Thor und Riegel öffnete, denn die Entäußerung der Leidenschaft, wie sie bei ihm stattfand, verhindert naturgemäß eine Verinnerlichung und befördert eine Veräußerlichung, Die Verinnerlichung ist aber auch ein Grundzug deutschen Wesens; Innigkeit hängt zusammen mit Innerlichkeit. Auch die Raffinirtheit kann man der Wagnerschen .Kunst nicht durchaus absprechen. Ganz raffinirt ist jedenfalls der „Rienzi". Und gegen die Bezeichnung von „Tristan und Isolde", den „Nibelungen" und „Palasira" als „raffinirte Erregungsmusik" wird man nicht viel einzuwenden haben. Diese Raffinirtheit aber ist deutschem Wesen völlig fremd, wohl aber semitisch-phönizischem Geschäftsgeiste zu eigen. So bleibt bei Wagner wenig Deutsches." — So geht es vergnügt und unsinnig noch eine Weile weiter. Schade ist nur, daß Richard Wagner nicht mehr lebt. Er hätte sonst, überzeugt von dieser teutonischen Weisheit seinem Buche vielleicht noch ein Kapitel hinzugefügt: „Der Jude Wagner in der Musik." * Anton Rubinsteins geistliche Oper „Moses" (Text von S. H. Mosenthal) liegt jetzt, in acht Bildern vollendet, als Werk 112 des Künstlers vor. Die ersten vier Bilder, welche den Inhalt des ersten Abends ausmachen würden, enthalten in ziemlich treuen: Anschluß an das alte Testament die Geburt und Aussetzung, Israels Unterdrückung durch Pharao, den Aufenthalt in der Wüste Midian und die Erscheinung Jehovahs im feurigen Busch, sowie als wirkungsvollen Bühnenabschluß den Auszug der Kinder Israels ans Aegypten. Mit dem Durchzug durch das Schilfmeer beginnt sodann das fünfte Bild, während das sechste ausschließlich lyrisch angelegt ist und die Danklieder des Volkes und Mirjams, Moses' Schwester, bringt. Das siebente Bild, in Bezug auf seine Ausdehnung das umfangreichste von allen, bringt sodann die Verkündigung der zehn Gebote, den Tanz um das goldene Kalb und den Fluch des Propheten über das abtrünnige Volk. Zwischen diesem und den: letzten abschließenden Bilde liegt die Zeitdauer von vierzig Jahren, währenddessen die Israeliten in der Wüste umherirrten. Josua zieht in das gelobte Land ein; Moses segnet sein Volk und wird diesem durch ein Wunder entrückt, während das breitangelegte Werk in Schlußgesängen der himmlischen Heerschaaren seinen Abschluß erhält. Daß der Chor in dem Ganzen die erste Rolle spielt, braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden; an Solopartien finden sich außer der Titelrolle Pharao, als Vertreter des bösen Prinzipes, Korah, König Balek, von Frauenpartien Johebed, die Mutter, und Mirjam, die Schwester Moses, sowie Asnath, die Tochter Pharaos, vor. * Ein Buch der Baronin Therese James Rothschild. Man schreibt ans Paris: „Lose Blätter" ist der Titel eines kleinen Werkes, welches Frau Baronin Therese James Rothschild drucken ließ und an einige ihrer Freunde gesendet hat. Das Buch, welches die Verfasserin ihren Kindern „Jeanne und Henri" gewidmet hat, behandelt unter der Form von Rathschlägen eine Studie über die Tugenden und wie dieselben in der Welt geübt werden sollen. Leider hat die Verfasserin die Bescheidenheit zu weit getrieben und so werden die „Losen Blätter" nicht über einen kleinen Leserkreis hinauskommen. Das erste Kapitel des Buches schließt folgendermaßen: „Die Milde, die schönste aller Tugenden, sollte besonders im Frauenherzen den ersten Platz einnehmen. Sie ist die schönste Zierde der Jungfrau. Eine sanfte Frau gewinnt alle Herzen. Das Wohlwollen sichert ihr das Vertrauen der Familie, die Milde, die Achtung der Untergebenen. Diskrete Güte lenkt die Dankbarkeit der Armen und Unglücklichen auf sie." Weitere Kapitel besprechen die Tugenden: Nachgiebigkeit, Versöhnlichkeit, Ergebenheit, Selbstverleugnung, Selbstbeherrschung und schließlich jene Haupttugend: die Geduld. Gin Anhang spricht über die Verwendung des Geldes, über den wohlerzogenen Mann und erwähnt einige Erinnerungen an die Schweiz. Das Ganze beweist, daß Frau Baronin Rothschild mit etwas weniger Bescheidenheit leicht eine bedeutende Schriftstellerin werden könnte." * Von der Kanzel auf den Kutscherbock gekommen ist der frühere Prediger an der Flensburger St. Johanniskirche, der Antisemitenführer Pastor Petersen, der dort Sittlichkeitsvereine und Mägdeheime gründete, um die jungen Mädchen vor sittlichen Gefahren zu schützen. Derselbe war vor längerer Zeit ins Ausland geflohen, um einer Anklage wegen Verbrechen gegen die Sittlichkeit zu entgehen; er hatte nämlich wiederholt unzüchtige Handlungen vorgenommen und war entkommer bevor die Staatsanwaltschaft einen Steckbrief gegen ihn erlassen hatt. Der hochwürdige Herr ist jetzt, wie ein Flensburger Blatt meldet, de Kutscher eines Newyorker Arztes geworden, ist also auch drüben wh seiner Zeit bei den Antisemiten in „leitender" Stellung. Eine Flens burgerin, die von Pastor Petersen konfirmirt worden ist, sah ihre: einstigen Seelsorger auf dem Kutschbock sitzen und das Gefährt de<. amerikanischen Arztes lenken. * Die Nr. 18 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstr. 13. Postzeitungsliste Nr. 4173) hat folgenden Inhalt: Antisemiten und Proselyten. — Der Antisemitismus in Kurhessen und dessen Bekämpfung. V. — Eine „Judendebatte". — Korrespondenzen aus Berlin, Kurhessen, Breslau. — Die Juden in den Freiheitskriegen. — Ueber eine Allianz zwischen Antisemiten und Dänen. Die Nr. 14 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Exped. Magdeburgerstraße 13, Post-! zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Antisemitismus und Revo- 1 lutton. — Der Antisemitismus in Kurhessen und seine Bekämpfung X.! — Der „Ritualmord" in der preußischen Kammer. — Prof. A. Wagner über den Antisemitismus. — Ist Bismarck Antisemit? — Aus Hessen. Die Judendebatte. — Korrespondenzen und kleine Mittheilungen.! Krirfkastrn der Redaktion. j A. O. in Jüchen. Mit bestem Dank erhalten, j Kantor W. in S. Daß in Ihrer Religionsschule eine wusteri hafte Ordnung herrscht, sowie daß eine öffentliche Prüfung stattj gefunden hat, ist recht erfreulich, interessirt aber das Publikum nicht genug, j In dem Bericht über Magine Reim in der jüngsten Nummer I der „Allg. Ztg. des Judenthums" heißt es, daß diese Gesellschaft in:! Jahre 1809 gegründet sei. Das soll heißen 1804. Dr. Cassel. Druck und Verlag von Rudolf Blosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion- Mar Bauchwitz in Berlin.

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