Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1892)
- Date
- 1892-04-08
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Entsprechend nämlich dem oben erwähnten Gebote, die Bedeutung den Kindern kundzuthun — “pn*? rffjm — ist die Hagada also doch ursprünglich für die Jugend bestimmt; und wenn bei Besprechung der Befreiung Israels das augenblickliche Elend um so mehr gefühlt und die Wiederherstellung des Tempels und des jüdischen Reiches erfleht wurde, so ist das ja selbstverständlich, aber es ändert doch nichts an der Richtigkeit dieser Auffassung. Nur von diesem Gesichtspunkte aus wird uns die geradezu verblüffende Einfalt, die an manchen Stellen der Hagada hervortritt, erst begreiflich. Hierher gehört vor Allen das bekannte Rechenkunststück von den 250 Plagen der Aegypter am Meere. Bekanntlich wollte Pharao die Israeliten nicht gutwillig aus dem Lande ziehen lassen; seine Zeichendeuter hielten Moses offenbar nur für einen geschickten Zauberer; wie sie denn auch die ersten Wunder und Plagen nachzumachen suchten. Bei der dritten Plage mißlangen ihre Bemühungen, und sie sprachen daher zum Pharao: Das ist ein Finger Gottes (2 B. Mos. 8, 15). Aber die Wirkung dieser Einsicht hielt nicht an, und so folgte denn Plage auf Plage, bis endlich die zehnte und furchtbarste von ollen Pharaos trotzigen Sinn brach, so daß er die Israeliten drängte, sein Land zu verlassen. Noch schrecklicher wurden aber die Aegypter am Meere heimgesucht, wo nicht blos die Erstgeborenen, sondern Alle umkamen. „Da sah Israel die gewaltige Hand, die Gott an Aegypten gezeigt hatte, und nun fürchtete das Volk den Ewigen und sie glaubten an den Ewigen und Mose, seinen Knecht" (2 B. Mos. 14, 31). Wie viele Plagen, fragt nun Rabbi Jose, schlug der Finger Gottes in Aegypten? Zehn! Folglich müssen die Aegypter am Meere, wo sich die Hand Gottes zeigte, von 50 Plagen heimgesucht worden sein! O, meint R. Elieser, ich kann sogar beweisen, daß schon in Aegypten jede Plage eine vierfache war. Im Ps. 78, 49 heißt es doch: „Er ließ seine Zornesgluth gegen sie los: Grimm, Wuth, Drangsal, eine Schaar böser Engel." Grimm ist eine Plage, Wuth die zweite, Drangsal die dritte, eine Schaar böser Engel die vierte. Mithin trafen sie in Aegypten 40, am Meere 5 x 40 200 Plagen. R. Akiba theilt den Psalmvers anders, nämlich so: „Er ließ gegen sie los: seine Zornesgluth, Grimm, Wuth, Drangsal, eine Schaar böser Engel." Seine Zornesgluth ist eine, Grimm eine zweite ii. s. w., so ergiebt das 5 x 10 — 50 Plagen in Aegypten und 5x50---250 Plagen am Meere. Die armen Aegypter! Wer an dieser sonderbaren Rechnung ernstlich Kritik üben wollte, würde sich selber verurtheilen, denn weder die Rechenmeister selbst, noch irgend ein urtheilsfähiger Mensch haben sie je ernst genommen; oder ist an irgend einer Stelle in der ganzen jüdischen Litteratur von anderen als den zehn Plagen die Rede? Und redet nicht auch unsere Hagada unmittelbar vorher, wo sie noch ernsthaft redet, von den zehn Plagen, die Gott über die Aegypter gebracht? Nein, es ist ein Rechenscherz für die Jugend, ein sog. Vexirexempel, das noch den Vortheil hatte, daß sich dabei drei Bibelstellen unverlierbar fest einprägten — ein Vortheil, der unseren Vorfahren hierbei gewiß obenan stand. Ich habe nach als Knabe an dieser Rechnung immer weidlich ergötzt, und wenn ich sie jetzt meinen Schülern vorführe, so sind sie nicht minder erbaut davon. Solche, lediglich der Unterhaltung der Jugend gewidmete Sachen finden sich natürlich noch mehr in der Hagada; doch genug für heute! Du aber, lieber Leser, der du den Scderabend für einen überwundenen Standpunkt hältst, geh mit dir zu Rathe, ob du den gemüthlichen Familienabend, der deine Jugendjahre erhellt hat, deinen Kindern mit Recht entziehst; und du, lieber Leser, der du so unerbittlich über die Hagada Gericht hältst, lerne Spaß verstehen, d. h. mache ihn mit, wenn er dir gefällt, und laß ihn stehen, wenn er dir nicht gefällt. Euch Allen aber wünsche ich einen vergnügten Familienabend und — laßt Euch die vier Becher gut bekommen! Frühling 1892. c&> s keimt der Strauch, es grünt die Erde, (77^ Die Helle Frühlingssonne lacht. Die dumpfen Straßen, Wald und Felder Vergoldet ihrer Strahlen Pracht. Warum, o Herz, nur so beklommen! Schau doch, vorbei ist Eis und Schnee! Erfreue dich der schönen Tage, Vergiß des Winters Leid und Weh! Mich freuen! Laß die Frühlingssonne Das Eis erst schmelzen, das so fest Sich um manch' Menschenherze thürmet. Erstarrt der Liebe letzten Rest. Sieh, wie der Pfeile gift'ge Spitzen Auf uns gerichtet allerwärts. Wie Neid und Haß kein Mittel scheuen Tief zu verwunden unser Herz! Wir, die stets Nächstenliebe tragen Voran als wehendes Panier — Hört das Geschrei der wüsten Hetzer: — Unschuld'ge Kinder morden wir; — Bestechen, trügen — o der Qualen! — Umschließt uns nicht ein Vaterland! Floß unser Blut nicht auch in Strömen, Als es in heißem Kampf entbrannt! O Frühlingssonne, schmilz die Rinde! Laß Lieb' aus blut'gem Haß entsteh'«! Dann will auch ich mich Deiner freuess. Mich froh in Deinem Strahl ergehn! Gedulde Dich! Viel tausend Jahre Schon Haß gen uns die Flamme sprüht. Doch trotz Gefahr, trotz Noth und Qualen Der starke Stamm stets grünt und blüht! Er muß doch kräft'ge Wurzeln haben. Daß nie des Sturms Gewalt ihn knickt. Muß festes Mark im Innern hegen. Daß stets er stolz nach oben blickt. Die Liebe ist die starke Wurzel, Die Treue ist der kräftige Saft, Der Glaube ist des Stammes Stütze, Verleiht mi immer neue Kraft. Drum bange nicht! Das Eis muß schwinden, Und wenn auch Jahre drob vergeh'«! Freu' Dich des Frühlings — er verkündet: „Der alte Stamm wird nie vergehn". Cöln, 81. März 1892. Ra Hel.