Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Oberkantor Singer, assistirt von den Kantoren Schiller und Blatt, exelutirte, als der Sarg um 10 Uhr gehoben wurde, mit gewohnter Meisterschaft die rituellen Trauergesänge- Dann trug mau den Todtenschrein, den ein schmuckloses schwarzes Tuch deckte, die Treppen hinab. Hinter dem Leichenwagen fuhren Vater und Gatte der Verblichenen, ihre Söhne Georg und Alphons, sowie die Herren Ferdinand und Edmond Freiherrn von Rothschild. Unter den Leidtragenden, die in einer endlosen Reihe von Wagen folgte, waren Botschafter Graf Nigra und Statthalter Graf Kielmansegg. Um 11 Uhr kam der Leichenzug auf der israelitischen Abtheilung des Gentralfriedhofes an, die von der Wache mit Mühe freigehalten wurde, da von der christlichen Abtheilung her mehr als 20000 Menschen gekommen waren und sich angestellt hatten. Der Sarg wurde in die Geremonienhalle gelragen. Au der .Kopfseite nahmen die Mitglieder der trauernden Familie Aufstellung und nach den frommen Ghoralen ergriff Ober-Rabbiner Dr. Güdemann das Wort zu folgendem Nachruf: „Wir gedenken vor Gott dem Vater des Erbarmens, unserer dahingeschiedenen edlen Glaubensschwester, der Frau Bettina Freifrau von Rothschild, die Er nach seinem unerforschlichen Rathschlusse hat abberufen aus dieser Welt, als ihre Stunde war gekommen. Wenn ich sonst an dieser Stätte zu reden berufen bin, da muß ich nicht selten fürchten, zu viel zu sagen. Hier aber, an der Bahre dieser, von Allen betrauerten, von Allen gepriesenen Frau beschleicht mich die entgegengesetzte Besorgnis;. Ja, ich fürchte nicht blos, daß mein Wort hinter ihr zurückbleibt. Deiui was sie gewesen ist, das künden Worte überhaupt nicht; das fühlt der Gatte, das fühlen die Eltern, die Kinder und Geschwister, und aus diesem engsten und vertrautesten Kreise theilte es sich unausgesprochen, aber tief empfunden weiteren Schichten der Bevölkerung mit, was sie gewesen ist und was an ihr verloren geht. Es war für Alle eine Trauerbotschaft schmerzlichster Art, als die Kunde verlautete: Bettina v. Rothschild ist todt. Ich rede nicht von Dem, woran die Welt gewöhnlich zunächst denkt, wenn sie diesen 'Namen hört. Ich würde das Andenken der Entschlafenen zu entweihen fürchten, wenn ich von dem Glanze spräche, in dem sie aufgewachsen und aus dem sie hinweggerissen ist, von dem Glanze, der vor dem Tode erbleicht. Wer fragte auch vor dem vielbewunderten Bilde eines alten Meisters nach seiner Einfassung, und wenn sie die glänzendste wäre! Der Glanz ihrer Persönlichkeit überstrahlt den äußern Glanz, und während sonst die Persönlichkeit oft nur der Rahmen ist, ohne Inhalt, so daß mit dem Zerfall des Rahmens nichts übrig blcibt, steigt im Gegentheil ihr Bild, aller Vergänglichkeit entkleidet, umso verklärter vor unseren klugen auf und drängt die Schatten des Todes zurück. Soll ich dieses Bild zu zeichnen versuchend Der gramgebcugte Gatte hat mir den Wunsch ausgesprochen, ich möge kurz sein, und ich kann diesem Wunsche leicht entsprechen. Denn ich kann hier mit w nigen Worten auf viel Hinweisen, auf einen reichen Schatz der edelsten Tugenden, während viele Worte doch oft den Eindruck zurücklassen, daß wenig zu sagen bleibt. Hier aber geht viel, unendlich viel verloren, und ich weiß mich der Zustimmung Aller gewiß, die sie gekannt haben, wenn ich auf sie den biblischen Lobspruch anwende: „Viele Töchter haben sich wacker erwiesen, sie aber ragt über alle hervor". Und wie wenig wollte sie hervorragen! Voll rührender Anspruchslosigkeit ist sie durch ihr kurzes Leben dahingezogen, wie ein Kind die einfachen Blumen der Freude vom Wege auflesend und die reichen Blüthen der Liebe spendend. In Liebe blickte sie zu den Eltern empor, in Liebe empfing sie den verehrten Gatten und gründete ihm ein Familienleben, wie es schöner und inniger nicht gedacht werden kann. In Liebe widmete sie sich den Kindern, und wie sie die Aufgabe der Erziehung schon als Jungfrau zu ihrem Studium gemacht hatte, so löste sie als Mutter diese Aufgabe in Hingebung und Verständniß an den eigenen Sprößliugen. Wer an dem Palaste vorüberging, in dem ne als Herrin schaltete und waltete, der ahnte wohl nicht, daß sie jedes einfache Haus, ja jede Hütte geziert und in einen Palast verwandelt haben würde durch ihre Pflichterfüllung, durch den 'Adel ihres Geistes, durch die Reinheit ihrer Gesinnung, durch den Reichthum ihres guten Herzens Aber die in den Hütten wohnen, die Armen und Dürftigen, die wußten es, wie nahe die Herrin jenes Palastes Ihnen verwandt war. Den Kindern und Greisen, den Verlassenen der Jugend und des Alters hat sie Asyle gegründet, und noch iln letzten Augenblick ihres Lebens gedachte sie ihrer Dienerschaft. 'Nachdem sie den Eltern die Hand zum Abschiede gereicht, nachdem sie dem Gatten die Worte des Bekenntnisses nachgesprochen: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott ist ein einziger Gott," nachdem sie den ältesten Sohn ermahnt hatte, den Geschwistern ein gutes Beispiel zu geben, da kam auch die Dienerschaft an die Reihe, die sie dem Gatten empfahl, als wollte sie sagen: „Ich war auch nur eine Dienerin, den Kreis von Menschen zu beglücken, in den mich Gott gestellt." Nun hat sie ausgedient, eine Priesterin im Dienste der Familie, im Dienste Gottes. Sie ziehe hin in Frieden! 'Amen!" Machten schon diese Worte einen mächtigen Eindruck auf alle Hörer, so war es für die 'Anwesenden überwältigend, als der greise Vater an der Bahre niedersank, sein Haupt in das Bahrtuch drückte und laut schluchzte. Gatte und Kinder brachen dabei in lautes Weinen aus. Man trug den Leichnam zur Gruft und bettete die Frau an der Seite ihrer als zartes Kind verstorbenen Tochter Charlotte. Alles kehrte dann in die Eeremonienhalle zurück, wo das rituelle Gebet für die Abgeschiedene gesprochen wurde. Um Dt 12 Uhr war die Trauerfeier zu Ende. * Wien, 25. März. Die antisemitischen Sk andale t m G em eind e rat he und im niederösterreichischen Landtage finden täglich eine neue Fortsetzung. Vor zwei Tagen mußte, was seit Schaffung des Wiener Gemeindestatuts nicht vorgekommen, die Galerie des Rathssaales geräumt werden, weil sich das aus Antisemiten bestehende Publikum in die Verhandlungen einmeugte. Es war eine Brandrede des Dr. Lueger gegen einige fortschrittliehe Kollegen zu erwarten, und da war selbstverständlich der ganze Heerbann erschienen. 'Als der Vorsitzende, Vizebürgermeister Dr. Richter, einen ertheilten Ordnungsruf, dessen Zurückziehung Lueger forderte, aufrecht erhielt, entstand ein heilloser Lärm: die Galerie rief „Bravo Bürger!", die antisemitischen Gemeinderäthe „Bravo Galerie!", und unter dem Toben des von Gemeiudedieuern hinausgewiestnen Galeriepublikums verließen auch die ihre Bürgerpflicht auf so sonderbare Weise anffaffenden antitiberaleu Gemei deräthe den Saal. Am nächsten Tage verletzte Dr. Lueger im niederösterreichischen Landtage in gröblichster Weise den 'Anstand. Zur Ordnung gerufen, lachte er dem präsidirenden Landmarschall-Stellvertret r direkt ins Gesicht, und er mußte erst darauf aufmerksam gemacht werden, daß es nicht gerade zur Ehre gereiche, eine Ceusur zu erhalten. Selbst der mit fast übermenschlicher Geduld ausgestattete Landmarschall Graf Kinsch sah sich zu dem Ausrufe veranlaßt, es sei unangenehm, in einer Gesellschaft zu präsidiren, in welcher fortwährend persönliche Angriffe Vorkommen. Die Palme gebührt dem Gemeinderath Gregorig, von dessen neuerlichen Kravalleu gestern sogar der Draht zu melden wußte, und der von den nächsten Sitzungen ansgeschlosse - wurde. Bon einer geordneten Berathuug ist in der Wiener Gemeindestube nicht mehr die Rede, jetzt wollen die Antisemiten die Budgetberathung unmöglich machen, und trotz ihres wüsten T^iüens finden sie den Beifall ihrer Wähler, die gedankenlos auf allen Pfaden folgen. Und gerade diese, die sogenannten Kleingewerbetreibenden, sind es, welche unaufhörlich über die schlechten Zeiten, über Mangel an Verdienst, über den Niedergang Wiens jammern. Daß ihre Vertreter die Inangriffnahme jeder nützlichen Arbeit verhindern, kommt diesen Hohlköpfen nicht in den Sinn. Die so viel gerühmte „Gemütlichkeit" Wiens ist aber schon in die Brüche gegangen. R Brüx, 4. März. Sonntag, den 21. Februar, hielt die hiesige Ehewra Kadischa ihre 13. ordentliche Generalversammlung ab. Derselben ging ein Festgottesdienst im israelitischen Tempel voran. Unser Herr Rabbiner Dr. Bi ach hielt die Gedächtnißrede, in welcher er in tiefempfundenen Worten seines vor wenigen Wochen in Nikolsburg verstorbenen Vaters gedachte. Da in unserer Gemeinde Sitte ist, bei diesem Gottesdienste auch die im Laufe des Jahres dahingeschiedenen bedeutenden Männer im Judenthum zu erwähnen, so gedachte Herr Dr. Biach insbesondere seiner Lehrer, des seligen Herrn Dr. B. Zuckermann und des seligen Herrn Prof. Graetz. In der Generalversammlung selbst hielt Herr Dr. Biach einen Vortrag „über die Unsterblichkeit der Seele", wofür ihm der Dank des Obmannes der Ehewra Kadischa, des Herrn Ludwig Black, und der Versammlung ausgesprochen wurde. Am selben Tage hielt auch der hiesige israelitische wohlthätige Frauenverein seine 0. ordentliche Generalversammlung ab, in welcher Herr 'Dr. Biach über den jüdischen Dichter Salomou Gabirol sprach. Zum Schluffe sprach der Redner den Wunsch aus, daß man in unseren Bibliotheken nicht blos die Klassiker, sondern auch die Bibel, — das Erziehungsbuch der ganzen Menschheit, wie sie Goethe nennt, — und die