Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Werke unserer bedeutendsten jüdischen Dichter finden möge. Die Prä- , sidentin des Frauenvereins, Frau Dr. Spitz, dankte dem Redner in herzlichen Worten für seinen Vortrag. Rußland. * St. Petersburg, 27. März. Den „Times" ist von hier das folgende Telegramm zngegangen: „Die jüdische Frage ist anscheinend bestinnnt, sich nach einer neuen und nicht ungefährlichen Richtung zu entmickeln. Es heißt hier, daß die ostpreußische Grenze bei Königsberg gegen jüdische Einwanderer aus Rußland gesperrt werden soll, wenn nicht schorr gesperrt ist. Es soll dies, so glaubt man, nur der Anfang einer Sperrung der ganzen deutschen und vielleicht auch der österreichischen Grenzen gegen die nie aufhörende Einwanderung russischer Juden sein. Möglicherweise besteht eine geheime Verbindung zwischen diesen Maßregeln und dein jetzigen Wunsche Baron Hirschs, den drohenden Lawinen j der jüdischen Emigration in dem kommenden Frühling Einhalt zu gei bieten. Selbst wenn diese Verbindung nicht bestehen sollte, so wird der! von der deutschen Grenze gemeldete Schritt nicht ohne Nutzen sein. Mr. i 'Arnold White hält steh derzeit in St. Petersburg nur zu dem Zweck < aus, um die ungeheuren Massen der Juden, welche nur auf den Frühling i warten, um dann die Grenze zu überschreiten, zurückzuhalten. Die argenj wüschen Kolonien sind noch nicht für so große Schaaren bereit und d'e j Massenauswanderuug der Juden wird die besten Pläne und Absichteil in ihrem Interesse lähmen, wenn nicht die russische Regierung Mr. White bei seinem Vorhaben zu Hilfe konunt. In Bestätigung der vorstehenden Zeilen meldet ein in .Kiew erscheinendes russisches Blatt, daß das jüdische .Komitee in .Königsberg die Rabbis in den meisten russischen Städten ersucht hat, nicht allein die Auswanderung zu beschränken, sondern einstweilen gänzlich zu verhindern, da die Vereinigten Staaten jetzt gegen die Juden abgeschlossen sind und Argentinien ihnen noch nicht offen steht. In dem Rundschreiben des .Königsberger Komitees heißt es weiter, daß die deutschen Behörden sich gezwungen sehen werden, die Grenze gegen die Inder! abzusperren, falls sie fortfahren sollten, so zahlreich wie bisher nach Deutschland zu kommen. Der Slovo meldet ferner, daß ungeachtet aller ungünstigen Umstände der Auszug der Juden aus den: westlichen Rußland nicht im geringsten nachläßt. Das Auswandern ist eine Art Epidemie geworden, derart, daß in der Provinz .Kowno beispielsweise das Städtchen Shavel fast ganz von Bewohnern entblößt ist. Das jüdische Organ in St. Petersburg veröffentlicht einen Leitartikel über die Nothwendigkeit, Schritte zur Eindämmung der ''Auswanderung der Juden zu thun, bis ihre Wohlthäter mit ihren Vorbereitungen zu Ende : sind. 'Alle diese Nachrichten klingen entsetzlich traurig. Aber es fehlte; nur noch, daß man den Juden selbst schuld giebt, statt der menschen- 1 jagenden russischen Regierung. Amerika. * New 4)ork, 20. März. Für die hungernden Russen. Die auf vorigen Sonnabend angesetzt gewesene Abfahrt des Dampfers „Mist; souri" nach dem russischen Ostseehafen Libau hat sich etwas verzögert,! da ein Theil der aus dem Westen versprochenen Sendungen von Mehl? und Getreide noch nicht eingetroffen war. Zur Vervollständigung der : Ladung wurden deshalb hier mit den von der Handelskammer beigesteuerteu 5000 Doll, die erforderlichen Quanten Mehl und Getreide; eingekauft: am Dienstag stach sodann der „Missouri" mit über 5,000,000 B. Mehl und Getreide an Bord in See. Tie zweckmäßigste Vertheilung dieser von amerikanischen Wohlthätern zusammengebrachten Liebesgaben wird in Libau von den Herrn W. C. Edgar, Herausgeber des „Northwestern Miller", und B. M. Baker, Betriebsdirektor der Atlantic Transport Co., die den Dampfer bekanntlich unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat, überwacht werden. Die von! Handelskammer-Komitee für die hungernden Russen gesammelten Geldbeträge belaufen sich bis jetzt auf über 40,000 Dollar. Einern Kabel-Telegramm aus Libau zufolge ist der Dampfer „Indiana", welcher am 22. v. mit Lebensmitteln beladen von Philadelphia abgegangen war, bereits dort eingetroffen und ist mit der Vertheilung der Liebesgaben der Bürger von Philadelphia begonnen worden. Von Mab and Fern. Tie Zahl der Juden in Preußen hat sich nach den Ergebnissen der Volkszählungen seit 1871 in folgender Weise vermehrt: 1871 — 325,601, 1880 — 363,700, 1885 — 366,575, 1800 — 372,058. Die Vermehrung beträgt also in den letzten 20 Jahren 46,457 Seelen oder 12t/2 Prozeni gegenüber einer Gesammtvermehrung der Bevölkerung um 5,262,112 Seelen oder 17»/2 Prozent. — Am 23. März hielt Herr Rabbiner Dr. Rosen zweig im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur einen sehr interes sauten Vortrag über „Griechische Mantik und jüdische Prophetie". — Seil voriger Woche erhalten in der israel. Volksküche täglich 350 Arbeits lose, Männer und Frauen, umsonst ein Mittagessen. Diese Frei'peisungen werdet! noch längere Zeit fortgesetzt. Es werden indes; im Speiseraum selbst keine Marken vertheilt, vielmehr ist mit dem Kuratorium des Asylv für Obdachlose ein Abkounnen getroffen, wonach diejenigen Aermsten, die genöthigt sind, dort zu nächtigen, des Morgens vom Hausvater resp. von der Hausmutter eine Mrrke erhalten. Hierdurch, sowie durch die regelmäßige Gratis-Vertheilung von Marken an zahlreiche nothleidend- Familien ist die Frequenz in obiger Anstalt jetzt täglich auf 1400 bw 1500 Mitlagsportionen gestiegen. — In Muslowitz hat sich auf Ver anlassnng des Spnagogenvorstands ein Verein gegen die Haus und Wanderbetteler gebildet. — Ter Polizeidirektor in Oppeln hat die Auffahrung eines vom „Polnischen Vereine" in Aussichi genommenen Theaterstückes, betitelt: „Ter Jud' im Fasse", wegen der antisemitischen Tendenz des Machwerks verboten. — In Bonn ist der wegen seines umfassenden Woh thatigkeitssinnes bekannte Herr Io sei Goldschmidt verstorben. — Nach den definitiven Ergebnissen der Volkszählung vom 1. Tezember 1800 in Bayern beträgt die gesammte Bevölkerung 5,504,032 Seelen. Darunter befinden sich 53,885 Israeliten — 1 Prozent, wovon 12,204 Personen auf Nüttelfranken treffen. Tie drei größten jüdischen Gemeinden sind München, Nürnberg und Fürth München zählt 350,504 Einwohner, worunter 6100 Jsraeliter 1-;; Prozent, Nürnberg 142,500 Einwohner, worunter 4307 Israeliten -- 3 Prozent und Fürth 43,206 Einwohner, worunter 3175 Israeliten ■“ 7V._> Prozent. — Der Chefredakteur des antisemitischen Tagesanzeigerein Leipzig, Dr. Erwin Bauer, der den Vantener .Knabenmord zu Verläumdungen gegen den preußischen Justizminister ausbeutete, wurde, wie der „Bohemia" aus Leipzig telegraphirt wird, auf Anordnung desächsischen Ministeriums ansgewiesen. Bauer dürfte jetzt noch russischer Unterthan sein; er lebte früher in den russischen Ostseeproviuzen. - Anläßlich des Todes der Freifrau Bettina von Rothschild sandte der Oberhofmeister der Kaiserin Elisabeth im Aufträge der .Kaiserin ein aus Eorfu datirtes Beileidstelegramm an den Baron Roth schild nach Paris. — Wegen betrügerischen Schuldenmachens verhaftete die Budapester Polizei den katholischen Geistlichen Gez a Baracs. Derselbe war früher in Wien Katechet, wurde aber wegen aut is e m e t i sch e r Agitation entlassen. Im Jahr 1887 war er einer der Führer der ungarischen Rompilger. 9cach Hause zurückgekehrt, begann er einen leichtsinnigen Lebenswandel und wurde seiner priesterlichen Würde ent kleidet. Baracs bereiste sodann Deutschland und Frankreich als anti semitischer Apostel. Dank seiner Verbindungen gelang es ihm, miede: in die geistliche Würde eingesetzt zu werden. Nun geht er den Weg aller Antisemitenhäuptlinge. — Herr Rabbiner Josef Ehaim Caro n. Woclawek feierte am 17. d. M. das seltene Fest des siebzig jähri en Ehejubiläums, zugleich mit dem sechzigjührigen Amtsjubi läum. — Mr. White, der Bevollmächtigte des Barons Hirsch, ifr in Petersburg angekommen, um in 'Audienz beim Zaren ein> Milderung der Maßregeln der Judenausweisuug zu erwirken. - Das gouverneutentale rumänische Blatt „Constitutionalul" bringt di: Nachricht, daß der Kommandnrt des IV. Armeekorps verboten habe, jüdische Soldaten zu Unteroffizieren avanciren zu lassen, und dan ferner Ordre ergangen sei, Israeliten nicht zu Wachkommaudanten an den Pruthufern zn ernennen, damit sie keine Autorität über die Grenz Wächter nusüben und nicht etwa der Einwanderung russischer Inden Vorschub leisten. Um Gründe ist man eben in Rumänien nicht vn legen. - Zu Gunsten des „Jewish Theological Seminar y" finde: vorn 8. Februar bis 28. Mai in New-Pork ein Eyclus von Vorlesungen statt. Vortragende sind die Herren Dr. Sabbato Morais, Dr. B. Syole (Baltirnore), Tr. Cprus Adler, Dr. H. Pereira Mendez, Dr. .Schnee berger (Baltimore), Tr. B. Drachmann, Tr. Jastrow (Philadelphia, Dr. de Sola Mendez, Dr. Henry S. Jacobs und Dr. Alexander Kohui. Truct und Verlag von Nu doli Mojse in Verlnr VerantwortUck für die Redaktion: Max Bauckwlü in Berlin.