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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-01 · Heft 14 (1.4.1892) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 14 (1.4.1892)
Date
1892-04-01
Page
Seite 163 (sequence 7)
Language
German
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)ii pflegen und Don seinen beredten Lippen öfters Urtheile über Gustav! H-reytag zu hören, die auf persönlicher Erfahrung beruhten.! „Freitag bewies in alle!! Aeußerungen über religiöse Fragen eine i lrochherzige Toleranz, und ich habe nie ein Wort von ihm gehört, j Bis Haß oder gar Spott gegen andere Religionen erkennen ließ" —! 'o sagte mir der alte Pastor. Mit einer gewissen Andacht führte er! i lief) dann in seine Bibliothek, die eine große Anzahl höchst inter-! eisanter Bücher, besonders alter Bibeln der verschiedensten Völker! Bifweist, und mit vergnügtem Schmunzeln wies er dann auf einen ulten, schwarz gestrichenen Tisch, den er als den Arbeitstisch Gustav .vreytags vorstellte; diesen Tisch hält er sehr hoch und es darf sich Niemand an ihn setzen oder etwas auf ihn legen. Die Bibliothek des Herrn Pastors war mir ein lieber Aufenthalt.?er alteethümliche Bau des Hauses, das Zimmer mit der bogen- 'armigen Decke, in welches die schattigen Aeste einer riesigen Kastanie nenndlich hinemgrüßten, dazu die altehrwürdige Gesellschaft der Bücher, 8e feierliche Ruhe, die überall waltete —alles dies versetzte mich innner in ne Stimmung, dienlich gewissermaßen dem Treiben der Welt entrückte. Doch vergaß ich nicht, auch hier und da hineinzugreifen in die Kicherwelt, und so fand mich denn eines Tages der alte Pastor hoch . uf der Leiter balanzirend. Ich hatte soeben einen alten Folianten uns Tageslicht gezogen und eine mächtige Staubwolke folgte ihm. "ein Pastor wurde die Situation ungemüthlich; er verließ das Zimmer. >ch aber war sehr überrascht, ans einem gelben Blatt die Abschrift ines Gedichtes von Gustav Freytag zu finden, das, wenn auch zunächst ein Gelegenheitsgedicht, ein Toast in poetischer Form i, doch sicher von allgemeinem Interesse sein dürfte, da Freytag ' irin die Frage nach der besten der Religionen ähnlich zu beantworten wußte, wie Lessings „Nathan". Es war am Tage des : ihrigen Amtsjubiläums seines geliebten Lehrers und Onkels, des Kastors Neugebauer, des Amtsgenossen des jetzigen Pastors, am März 1848, also genau vor 49 Jahren, als Gustav Freytag von Breslau, wo er damals als Privatdozent wirkte, nach Kreuzburg gei 'mmen war, um an dem Feste theilzunehmen. An der Festtafel, i welcher brüderlich vereint der evangelische Geistliche, der katholische Seelsorger und der jüdische Kultnsbeamte saßen, inspirirte ihn -e in Kreuzburg herrschende konfessionelle Einigkeit zu folgender dankenreichen Dichtung: „Ich erzähle Euch eine ernste Parabel, Wohl hat sie einen Sinn, erscheint sie auch wie Fabel: Ein Mann lag halb verschmachtet in dem Wüstensande, , Da trat ein Knabe vor ihn aus dem Himmelslande: Gelehnt ans seinen Stab, Sandalen an den Füßen, Ums schwarze Lockenhaar das Turbantuch geschlungen. Er neigte sich, den schwachen Wandersmann zu grüßen. Und eine Schale hat er in der Hand geschwungen; Die Schale selbst war ein Rubin vom Morgenlande, Uralter Schmuck und Zierrath war an ihrem Rande, Und aus dem Thate Hebron war der Trank der Reben. Der Knabe sprach: Mann, armer, trinke. Du wirst leben. — Er trank und lebte. Und wieder lag ein Mann verscheidend in dem Sande, Und wieder kam ein Knabe ans dem Himmelstande, Ein gvldner Königsmantel schwang sich um die Glieder, Und drunter floß ein langes Purpurkleid hern'eder. Auch er trug einen Becher in der weißen Hand, Aus feinem Goldmetall ganz köstlich ansgeschlagen, Geschmückt mit einem Heiligenschein an seinem Rand. Und dunkel feurig rollte drin der Gottestrank. Larrymae Christi hieß der starke Saft der Reben; Der Knabe sprach: Mann, armer, trinke. Du nnrst leben. — Er trank und lebte. Und wieder lag und dürstete ein armer Mann, Da trat der zweite Engel noch einmal heran; Doch Purpur und den goldnen Mantel trug er nicht. Nur einfach war sein Kleid und prüfend sein Gesicht; Bon reinem Silber, ohne Schmuck der Becher war. In einem dunklen Schachte Thüringens gegossen; Durchsichtig war die Flnth des Trankes hell und klar. Sie war ans deutschem Grund und Traubensaft geflossen. Der Knabe sagte: Herb und rein sind meine Reben, Sie können retten, nimm und trinke. Du wirst leben! — Er trank und lebte. Und so, Ihr Freunde, kamen drei Arten von Wein In unser Erdenleben hinein. Kennt Ihr den heil'geu Wein? Und jedes Menschenkind kannte die Drei, Doch wer den einen trank. Trug vor dem andern düstere Scheu. Ihr wißt, das war eine böse Zeit auf Erden, Doch besser und glücklicher sollten wir werden. Heut seht Ihr eine Tafel sich festlich erhühüi. Und alle drei Weine in friedlicher Mischung droben stehn. Nicht wahr, Ihr Herren, die Mischung dünkt Euch gut? — Da fragt Ihr, was die Reben so znsammengebracht? Das hat die ehrliche, brüderliche Liebe gemacht. Die Liebe, die hoch über den Welten schwebt. Die Liebe, die in jedem Herzen schlägt. Drnm sei auch noch so verschieden der Wein, Alle können wir einig in dem Einen sein. Darum reicht Euch die Hand und hebt den Pokal: Hoch lebe die Bruderliebe beim heutigen Mahl!" In einer Zeit, wo man eben im Begriff ist, die Konfessionen noch schroffer zu scheiden, anstatt sie zu versöhnen, rufen solche Worte zwar schnierzliche Erinnerungen an bessere Tage wach, immerhin aber erfüllt uns eine gewisse Freude darüber, daß einer der geistigen Führer der Nation stinem Gefühl für Toleranz auf so schöne und herzliche Weise Ausdruck gegeben hat. Noch vor kurzer Zeit bewies Freytag als Mitunterzeichneter der Erklärung des Vereins gegen den Antisemitismus, daß er heute noch derselben Anschauung huldige. So sehen wir an ihm, wie er das, was er als Jüngling gepflegt und gethan, auch im Alter getreulich gehalten. 9 Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. „Vater! lebt es beim?" „Wer?" „Das Christkind!" „Tu'oi] die Mutter." „Wie sieht es denn ans? ist es schön?" „Frag die Mutter." „Wird es heut selber zu uns herein fo»imeit?" „Frag die Mutter." „Nicht wahr Vater, es thnt mir nichts, wenn es konnnt?" „Frag die Mutter, liebes Kind, die Mutter mußt Du sragen!" „Die Mutter? weißt Du es denn nicht?" „Ach! das Kind bricht mir das Herz mit seinen unschnldigeii Fragen!" seufzte der traurig dasitzende Mann, an welchen diese Fragen über das Christkindlcin bau seinem noch nicht vierjährigen Töchterchen gerichtet Ivnrden. Die Mutter aber, welche im Nebenzimmer mit der Herrichtung des Christbaumes beschäftigt, das sonderbare Frag- und Antwortspiel zwischen Vater und Töchterchen, ohne

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