Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 162 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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162 mann co den Leuten frei, sich bis übermorgen 51t überlegen, wer bleiben wolle oder nicht, denn er könne hier nur brave und ordentliche Menschen brauchen. Wir erwarteten, es werden sich noch zwei bis drei Mann zum Austritte melden. Wie groß war unser Erstaunen, als sich fünfzehn Mann meldeten. Darunter Leute, welche bisher den besten Geist für die Lache verrathen hatten, und Leute, denen man bisher nur Wohlthaten und Rücksichten hatte angedeihen lassen. Man kann es Herrn Friedmann nicht verargen, wenn er nicht den Großmüthigen spielte gegen Leute, welche ihm durch Monate Sorgen llnd Svoften verursacht hatten, und nun davon liefen, als es sich darum handelte — zu arbeiten. Da es ihr freier Wille war, so wurden die Leute bis Tor gebracht und dort j all Land gesetzt. Einige Wochen später kamen die ersten Nachrichten über die Leute zu lins, diese warell in aller Güte ulld Ruhe verabschiedet worden, um so grüner war daher unsere Ueberraschllng, als wir durch Zeitungs- Artikel und mündliche Nachrichten erfllhren, daß die Leute über ihren dreitägigen Aufenthalt in .N-berm die fürchterlichsten Geschichten in Umlauf brachten. Wir lafen Schilderungen voll unerhörten Grausamkeiten, ivelehe all ihllell begangen wordell warell, Beschreibungen von Szenen, lvie sie nur der Helle Wahnsillll erdichtell kailll — doch nichts war so sinnlos, als daß man es in Suez u. a. O. nid)t geglaubt hätte, Es macht ganz t> cn Eindrli ck, als wenil m a n da selb st llur aus den richtigen Moment gewartet hätte, um über die Expedition herzufaltelr, denn die Zeitungen überboteu sich an schauerlichen Artikeln, welche deil nicht mißzuverstehenden Zweck hatten, die öffentliche Meinung gegen Herrn Friednlanll einzunehmen. Gleich Märtqrern wllrdeil die Leilte überall anfgellommen, mit dem Gelde des Herrn Friedmarln voll den diversen Komitees in aller Welt herumbesördert — ohne daß es auch nuv Jenlaudell eillsiet, Herril Friedmann zu befragen, ehe mall mit feierlichsteln Pathos das Verdammungsurtheil aussprach. Es wullderte mich, daß Herr Friedmallll llach solchen Erfahrllngen nicht schon damals den Muth verlor, die Sache weiter zu führen. Die übrig bleibelwell 7 Juden warell ihln eine sichere Gewähr, daß der allgestrebte Elldzweek erreicht werden tonne. 2(ur nlehrerell Fahrten wurden Leute llach Midiall hillübergenolnlliell, nm ihnell das Land zll zeigell, das iil der That recht kultllrfähig erscheint. Es wurden zwallzig Sudanesell allsgenolnmell, welche die schwere 'Arbeit unb Nttlitärdiellst zu verrichten haben. Die braven Juden wurden nun lvie kostbare Kleinode gehütet, lllv diese exquisite Repräsentanz des Indent hums mn Gotteswillen nicht zu verlieren. Doch je näher der Moment komnlt, wo es zu zeigen gilt, wie man in einem geschenkten Hause ulld Garten Landwirthschaft treibt, desto überzeugungsvoller wird der Toll, in dem sie beweisen, daß sie nicht das leiseste Talent, noch die Lllst hätten, „fern von jeder Stadt" eine derartige Thätigkeit zu entsalterl. 'Null tarn noch die Geschichte mit den Türken als tiefbegrülldeter Borwand: Herr Friedlllalln sträubte sich nicht, die vorhandene Angst nnb Ullzilfriedellheit zu kollstatirell, llnd schenkte dell siebell abiann — trotz vorhandenen kontra kt bruches — llllter den gtänzendstell Bedingllllgell die Freiheit. Damit erscheint die Expeditivll Friedmann, welche, hochherzig angelegt, eine bedentllngsvolle Zukunft erhofsell ließ, definitiv als beendigt. Herr Friedmann hat lnir übrigens ganz trockell lllitgetheilt, daß er nicht die Mittel habe, die Sache wieder von vorn anfallgell zll tönnen, ulld daß er, selbst wellll die Sache gelungen wäre, die Ntttwirttnlg der reichell Illden nicht hätte entbehren können. Es ist nun definitiver Schluß. Ilm wenigstells etwas zll retten, werdeil wir mit unsereil Slldaneseu eine Forschllngsreise nach Rürdjan unter nehmen, mn lvellignens der Wissenschaft gediellt zu höben. Eairo, Februar 189*^. In 'Allgetegellheiten urlierer Sache habe ich hier beim Konsulate zu thlill ulld werde lnich hier <1—s Tage allshattell. Ellreil letztcll Brief habe ich in Suez erhalten und war llicht wenig erstaunt, beim Durehtesell des Artikels in ... . zu sehen, daß .... imstande war, so einfältige Geschichtell in seinem Blatte abzudrucken. Auf Grund dieses famosen 'Artikels, der übrigens dllrch feine auffallende Lächerlichkeit sich selbst richtet, werde ich an .... schreiben, er möge in seinem eigenen Interesse ein alldermal bessere Informationen einziehen. Im klebrigen hätte .... wissen sollen, daß ich gewiß der Erste gewesen wäre, welcher Protest eigelegt hätte gegen Handlungen, die nicht zu verantworten gewesen wären. Aber wie die Sachen stehen, ist es Herr Friedmann, welcher in der traurigen Lage ist, über schnödelt Undank, Böswilligkeit lind unbegreifliche Gehässigkeit seitens der Juden zu klagen. Das Material alt Leuten, das Herr Fr. llllter so großelt Mühen und Kosten aus Krakau hierher gebracht hatte, war leider das schlimntste, was man llllr hätte austreiben können. So lange es nichts zu thun gab, als Gehalt zu beziehen lmd in der Welt herumzufahren, waren die Leute lauter Engel an Gutwilligkeit llnd Gehorsam. Aber wie es sich bavitm handelte, Hand anzulegen und zll arbeiten, da kaln mit ganz unheimlicher Raschheit der eigentliche Eharakter dieser verkommenen Menschen zum Borscheill. Gleich nach zwei Tagen Mtserer Allkullft in Seherin ei moje rebellirten zwei Jungens — gerade solche, die Herr Friedman aus Mitleid angenommen hatte. Selbstverständlich wurden die beiden Bnrschell ausgeschlossen. Ilm sich aber des grlten Geistes der andern Leute zll versichern, wurden dieselben llach diesen Vorkommnissen aufgefordert, sich billnem zwei Tagen zu erklären, wer weiter wirken wolle oder nicht, denn „mall könne zur Bewältigung einer so ernsten Allfgabe lmr ordentliche und wackere Leute brauchen, welche ihren Platz allszufüttell dell sesteil Willell haben". Die 'Ansprache, die Herr Friedmann all die versamnlelte Mannschaft richtete, schien tiefen Eindruck zu machen, und es hatte den 'Anschein, als hätten sich die Leute die Worte zu Herzell geuolnlnen. Wie groß war unsere Neberraschung, als sich llach der gegebeilen Zeit drei Viertel aller Leute meldeten, mit dem Entschluß, die Expedition zu verlassen. Der Leichtsinn dieser Leute ist unbegreiflich nnb höchstens durch deren absolute Arbeitsscheu und Hang zum „Schnorren" zu erklären. Trotz aller auf zwei Jahre Angegangenen Kontrakte nahln Herr Fr. keinen Anstand, die austreteuden Leute aller ihrer Verpflichtungen zu entbinden nnb ihnen die Freiheit zu geben. Da es ihr freier Wille war, wurdeil die Leute nach Tor gebracht und dort von Bord unserer Rächt an Land gesetzt. Eillige Wochen später kamell wieder Nachrichten über die Leute zu ulls. Es lag in der Natur der Sache, daß wir seitens der Leute keine güllstigeil Kritiken zu erwarten hatten, denn dieselben mußten auf atte Fälle ihren Austritt zu beschönigen suchen. Aber so haarsträubende Dinge, als wir da zll hören bekamen, nun, das hätten wir uns wohl llilllmer trälllllen lassen. Das Gemeine bei der ganzen Sache ist aber das, daß nun — wie auf ein gegebenes Signal — über Herrn Fr. in zahttosell Artikeln hergefallen wurde, ohne Herrn Fr. gehört zu haben. Nichts war so abgeschmackt, als daß man es den Leuten nicht geglaubt hätte. Gleichsam als Märtyrer wurden die Leute überall aufgenolnmen und auf Kosten des Herrn Fr. durch die Koulitees in alle Welt herumgeschickt. So stehen die Sachen. Wir sind mm hier, um dem Skandal ein Ellde zll machen. Die diversem Ankläger, welche durch ihr Betragell Geld zll erpressen hofften, werden in den Anklagezustand versetzt, bem Redakteur des „thnre (i'Alex.imlrie1, wird ein solider Prozeß mit einer kolossalen Entschädigungs - Summe angehängt; überhaupt die Sache wird in Ordnung gebracht. * FEUILLETON Gin ungedrucktes Gedicht von Gustav Freytag. Von Arthur Löwy. Während eines längeren Anftnthaltes in der Gebnrtsstadt detz Verfassers von „Soll unb Haben", in Krenzbnrg in Schlesien, lieh ich es mir angelegen sein, interessante Daten über Fretztags Jugendleben zn sammeln. In liebenswürdigster Weise kam mir dabei der dortige Pastor zn Hilfe, ein biederer Greis im Silberhaar, einer jener seltenen Geistlichen, der nie etwas weis; und nie etwas wissen wollte von dem hetzenden Treiben eines Theils der modernen Geistlichkeit, ein Mann, der vor jeder religiösen Empfindung die größte Achtung hat, lvenn dieselbe mir ans ganzem Herzen kommt. So war es mir denn ein Vergnügen, stnndenlange Unterhaltungen mit ihm