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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-01 · Heft 14 (1.4.1892) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 14 (1.4.1892)
Date
1892-04-01
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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Er verlieh dem Abend eine Weihe, welche sich am deutlichsten in dein gehobenen und ernsten Ton aller Reden aussprach. Um die Mitternachtstunde trennten sich die Theilnehiner des Gemeindetages, um ein Jeder an seinen Platz zurückzukehren und daselbst zur Ansführnng der hier gegebenen Anregungen nach bester Kraft zu helfen. U Paul Friedmanns Expedition nach Midian. Das Schicksal dieser Expedition ist entschieden, dieselbe ist vollständig gescheitert. Wie bei beit meisten ideal angelegten Naturen ist auch bei Friedmann die kalte nüchterne Ueberlegung stark im Hintergründe geblieben. Es trat dies sowohl in seinem im Allgemeinen getroffenen Dispositionen hervor, als besonders in der Wahl der von ihm in Krakau angeworbenen russischen Inden. Von dem dortigen Komitee als ungeeignet für die Beförderung nach Nordamerika oder Argentinien erklärt, hielt sie Friedmann für gut genug, seinen Kolonisationszwecken zu dienen. Die Stimme seines Herzens übertönte die seiner Vernunft. Dabei führten die Leute monatelang ein wahres Schlaraffenleben. Ihren Bedürfnissen wurde im reichen Maße Rechnung getragen, ohne daß sie zu irgend einer Thätigkeit angehalten wurden. Sie kannten nur paiiein et circenses. Den größten Fehler beging aber Friedmann dadurch, daß er von seinem Unternehmen viel zu viel reden machte. Da er anfangs zur Effektuirung desselben seine eigenen Mittel verwendete und erst auf Grund gewonnener günstiger Resultate die eigentliche Einwanderung stattfinden sollte, so wäre stille, geräuschlose Jnszenirung empfehlenswerther gewesen. Vieles wäre ihm dadurch erspart geblieben. Wie immer nun dem sei, die meisten der von ihm begangenen Fehler sind mehr oder weniger auf.seinen Idealismus zurückzuführen. Friedmanns wahrhaft edle Gesinnung imb eilt vornehmes Wesen schließen auch die Möglichkeit aus, daß ihm persönlich die Schuld an dem Tode des unglücklichen russischen Juden treffen könne. Er hat es also nicht verdient, daß erbarmungslos über ihn hergefallenZverde. Es erscheint uns daher als ein Gebot der Gerechtigkeit, aus einer Reihe von-Briefen, die von einem jüdischen Theilnehmer dieser Expedition herrühren, Stellen zu reproduziren, welche die zu so vehementen Angriffen Anlaß gebende Affaire in einem anderen Lichte erscheinen lassen. Wir haben auch Aussicht, Friedmann selbst hierüber sprechen zu hören? Seherin el moje, 12. Dez. 1891. Seit dem 12. d. M. befinden wir uns in Seher Moje, und Habe wmit Gelegenheit, über den Stand unserer Angelegenheit positive Nachrichten zu liefern. Der Ort ist nicht zur Kolonie bestimmt, sondern es soll Pier blos eine Kohlenstation und eine Reparatur - Werkstätte errichtet werden. Diese Woche waren wir noch mit Ausladen und Verstauung der Fracht beschäftigt und wurde das Lager aufgebaut. Erst nächste Woche wird mit den größeren Bauten begonnen werden. Das Allgemeinbefinden der^Lente'ist ein vorzügliches, und was meine Person anbelangt, so habe ich mich nie wohler gefühlt als eben jetzt. Auch die Verpflegung ist eine mehr als ausreichende. Die Leute scheinen ihrem Benehmen nach zufrieden zu fein, sodaß ein günstiger Verlauf des Unternehmens vorläufig gesichert erscheint. Durch zwei engagirte Schochets wird den religiösen Bedürfnissen der Leute vollauf Rechnung getragen, indem die nöthige Zeit und Gelegenheit geboten wird. Der Charakter der Landschaft ist hier ein großartiger. Die Station siegt in der Nähe des Südkaps der Sinai-Halbinsel. Gegen Nord wird die Bai von einem Strange großartiger Hochgebirge umringt, welche sich bis zu einer Höhe von 2500 Meter aufbauen. Die Station liegt an einem prachtvollen Naturhafen, der fast eine kreisrunde Form hat und mit dem Rothen Meere nur durch eine schmale Einfahrt verbunden j ist, das Wetter ist anhaltend heiter. Die Temperatur während des! Tages entspricht der eines heißen Juni - Tages in Wien, jedoch sind die! Nächte oft ziemlich kühl. ' In einigen Wochen fahren wir nach Midjan hiniiber und lverde! dann nicht verfehlen, etwaige Neuigkeiten mitzutheilen. j Scherm el moje, 12. Februar 1892. | Eben wollte ich anfangen, mir die Dinge recht praktisch zu! arrangiren, als unglücklicherweise ein schwerer Schlag unsere Expedition j getroffen hat. Das Material an Juden, die wir mitgenommen haben, hat sich als das elendeste erwiesen, das wir auftreiben konnten. Jetzt! wo wir an den Thoren unseres Bestimmungsortes angelangt sind, wo die schwierigsten Arbeiten für die Sache überwunden sind, wo wir die unbedingte Freundschaft der mächtigsten Beduinen - Scheichs besitzen, jetzt erklären die Juden, daß die Sache für sie keinen Zweck hätte, daß sie nicht gedächten, Ackerbauer werden zu wollen, und kommen mit der j inständigen Bitte, man möge sie sammt und sonders nach Hause schicken, Ihr werdet begreifen, daß nun Herr Friedmann ganz den Muth verloren hat, in der Sache noch weiter zu wirken, und so geht nun eine Unternehmung zu Grunde, welche in großem Maßstabe und hochherzig angelegt, bestimmt zu sein schien, eine bedeutungsvolle Wendung in dem politischen Leben der Juden herbeizuführen. 8eherm el moje, 15. Februar 1892. Gegen alle Berechnung ist nun plötzlich unsere Sache in ein Stadium getreten, welches die vollkommene Auflösung der Expedition zur Folge haben wird. Euer Hochwohlgeboren ist bekannt, daß uns der grüßte Theil der Juden bereits verlassen hat. . . . .... Nun hat sich auch der restirende Theil der Juden in einem Gesuche an Herrn Friedmann gewendet, worin dieselben um Entlassung und Heimsendung bittlich wurden. Der ausdrücklich angeführte Hauptgrund besteht darin, daß die Leute eine schreckliche Angst vor zwei Dutzend TLirken haben, welche Dubbah besetzt halten.Wenn auch sichtlich mit schwerem Herzen hat nun Herr Friedmann — trotz aller eingegangenen Kontrakte — das Gesuch angenommen und werden die übrigen sieben Juden mit allen möglichen Benefizien an den von jedem einzelnen gewünschten Bestimmungsort zurückgeschickt. Zur Charakterisirung dieser Leute sei bemerkt, daß nun, nachdem sie wissen, daß sie fort müssen — alle wieder inständigst bitten, man möge sie doch behalten. Um ein klares Verständniß in der Sache zu ermöglichen, werde ich — in Details eingehend — den langsamen Verfall des Unternehmens zu beschreiben suchen. Als wir in Seherin el moje anlangten, gab es ziemlich viel Arbeit. Es mußte das Gepäck und die Bagage aus zwei Sambuks gelöscht werden. Von 7 bis V212 Uhr Vormittags und von 2 bis 5 Nachmittags wurde nun durch 2 Tage hindurch am Strande gearbeitet, und es muß gestanden iverden, daß sich hierbei die Mannschaft recht wacker benommen hat. Am dritten Tage, als eben die schwere Arbeit zu Ende ging, fing ein junger, internationaler Vagant, den Herr Friedmann in Suez aceeptiert hatte, zu meutern an. Der Arensch kündigte jeden Gehorsam, benahm sich ein einer Weise, die jeder Beschreibung spottet, und wollte sich sogar gegen Herrn Baron v. Seebach vergreifen. Es war! nun dringend geboten, ein solches Individuum schleunigst zu entfernen, denn das Beispiel hätte bald Nachahmung gefunden, — am Abend wurde! auch ein Zweiter rebellisch. Ich will hier die Gründe, warum die Leute rebellisch wurden, nicht untersuchen, sondern nur die Thatsacheu anführen, indem ich bemerke, daß Herr Fried mann dazu nicht den leisesten Anlaß gegeben hatte. Um solche Auftritte nicht mehr zu ermöglichen, stellte Herr Fried-

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