Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227946--48720-3269371- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
158 Me Antisemiten der Thal. > Berlin, 28. März. In der Sonnabendsitzung des deutschen Reichstags war wieder! einmal das leidige Thema des Antisemitismus auf der Tagesordnung. Freiherr v. Stumm hatte der Meinung Ausdruck gegeben, die Berliner! Straßen-Exzesse seien von sozialdemokratischen Agitatoren hervor-! gerufen worden. Darauf bemerkte Eugen Richter, daß jene Erzesse , von antisemitischen Agitatoren provozirt seien. Die Bertheidignng! der Herren Stöcker und Liebermann v. Sonnenberg wurden von Dem; Prinzen Schönaich Carolath und Eugen Richter gebührend zurück- ' gewiesen. Wir lassen den Bericht, soweit er dieses Thema berührt, ' nunmehr hier folgen:! Abg. Richter: Wenn der Vorredner auf die Ursachen der Straften- : krawalle zu sprechen kommt, so hätte er in erster Reihe an die Antisemiten denken sollen. Durch die gerichtlichen Verhandlungen ist sestgestellt, daft! die christlich - soziale Thätigkeit des Herrn Stöcker und der Antisemiten wesentlich dabei mitgewirkt hat, eine Stimmung hervorzubringen, aus der solche Krawalle hervorgegangen sind. (Lebhafter Widerspruch rechts. Zustimmung links.) Abg. Stöcker (kons.): Ich kann nicht begreifen, wie man die Straften, krawalle in Berlin mit den; Antisemitismus in Verbindung bringen kann. (Lachen links.) Wenn wirklich Jemand dabei gerufen hat: „Juden raus!", so folgt daraus doch noch nicht, das; der Mann ein 'Antisemit; gewesen ist. (Stürmisches Gelächter links.) Allmählich dringt der Antisemitismus in alle Parteien, auch in die Sozialdemokratie. (Lachen links.) In den Versammlungen der „Jungen" wurden wilde Deklamationen gegen den Abg. Singer gehalten. Der Anarchismus scheint mir darum ein klein wenig klüger, weil er einsieht, welche verhängnisvolle Rolle das Iudenthum spielt. (Lachen links.) Wenn bei den Straßentumulten „Juden raus!" gerufen worden ist, so ist das eine bei to dt kranken Leuten gesunde Reaktion gegen das Judenthum (Hört! hört! links), nichts weiter! Mein Antheil besteht lediglich darin, daß in der Gegend der Straßentumulte Versammlungen der Stadtmission angegriffen wurden. Es geht eine tiefe Verseuchung durch unser Volk, und wenn das sogenannte liberale Bürgerthum sich darum nicht mehr als bisher bekümmert, so wird das der Ruin unseres deutschen Volkes sein. (Lebhafter Beifall rechts. — Lärur links.) Abgeordneter Liebermann v. Sonnenberg ("Antisemit»: Als ich mich im Wandelgang des Reichstages von dem Genüsse der Rede des Herrn v. Münch erholte (Große Heiterkeit), wurde mir gemeldet: „Der Antisemitismus ist da!" Ich muft meine Partei in Schutz nehinen, daft 1 mau sie mit den Straßenkrawallen in Verbindung bringt. Nur ein einziger Zeuge hat darauf bezügliche Aussagen gemacht; ich weift nicht, ob das derselbe ist, der sonst Berichterstatter für die Berliner Zeitung und andere freisinnige Blätter ist. (Lachen links.) Der Antisemitismus zieht auch in die Sozialdemokratie ein. Die Anarchisteil werden die : Judenfrage nach dem ungeschriebenen Gesetz lösen: Wer eülen Juden todtschlägt, beerbt ihn. «Gelächter links.) Die 'Antisemiten stehen zu König und Vaterland; hätte es 1880 in Hannover Antiseuliten gegeben, sie hätten ihren König nicht verlassen. (Beifall rechts — Lachen.) Abgeordneter Prinz Carolath: Ich kann es mir versagen, auf die Aeußerungen des Vorredners einzugehen, der Thron würde mir leid thun, der sich auf den Antisemitismus stützt und glaubt,dadurch gehalten zu werden (sehr wahr, links); ich halte es mit dem ersten deutschen Kaiser, der gesagt hat: Mir und meinen'Nachkommen wolle Gott es geben, allzeit Mehrer des Reichs zu sein, nicht nur an kriegerischen Eroberungen, sondern an Güter der Wohlfahrt, der Freiheit und der Gesittung. Ob der Antisemitismus zur Gesittung gehört, das bezweifle ich. (Unruhe rechts) Ich glaube, daß Kaiser Wilhelm I. das nicht gemeint hat. (Sehr wahr! links.) Ich halte es ferner mit dem andern deutschen Kais er gesegneten Angedenkens, welcher gesagt hat: Alle meine Unterthanen sind meinem Herzen gleich berechtigt. (Lebhafter Beifall links.» Ich meine, die Zustände, die wir in andern Ländern erlebt haben, sollten uns davon abhalten, den deutschen Reichstag zum Tummelplatz ähnlicher Vorgänge zu machen. «Lebhafter Beifall links.) Was Herrn Stöcker anlangt, so gehe ich darauf nicht näher ein. Es hat mich mit tiefer Betrübnis; erfüllt, aus seinem Munde Dingen hören, die geeignet sind, einen großen Theil der evangelischen Mitbürg.a irre zu machen. Ich habe gelesen: „Wenn ich-alle Erkenntnis; hätte une ich hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts!" (Sehr gut! links, Lache.! rechts.) Wenn Herr Stöcker darüber lacht, so mögen sich diejenigen mi: ihm auseinandersehen, die noch gewohnt sind, zu seinen Predigten zn gehen. « Sehr gut! links.) Ich halte derartige Auslassungen für un begreiflich und höchst bedauerlich. (Lebhafter Beifall links, Lachen rechts.) 'Abg. Singer «Soz.»: Was den Antisemitismus in der Sozia' demo'ratie angeht, so brauche ich nur auf die Vorgänge bei den letzten Stadtverordnetenwahlen hinzuweisen. Die Parteigenossen des Herrn Stöcker haben außerordentlich rührig gearbeitet. Wenn in der Sozia demvkratie für den Antisemitismus Neigung wäre, so wären mehr Stimmen für die Kandidatur des Herrn Stöcker abgegeben worden. Seine B hau tung entspricht also nicht der Wahrheit. Wer für die Geltung de Grundsatzes: „Wer den Juden todtschlägt, beerbt ihn," einen Beweis haben will, braucht nur in die antisemitische Partei hiueinzusehen. Ter ganze Kampf der Antisemiten ist im Wesentlichen nichts anderes als de-. Wunsch, die Jude., die Sie todtschlagen, zu beerben. «Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Richter: Der Zusammenhang der antisemitischen Bewegun mit den Straftenkrawallen ist aktenmäßig erwiesen. Herr Lieberman:« suchisogar die Berichte über die Gerichtsverhandlungen auf antisemitiscl r Parteilichkeit zurückzuführen. Der mit ben Zeugenaussagen überei» stimmende Bericht ist von einen; objektiven gewöhnlichen Berichterstatter den verschiedenen Zeitungen zugegangen, nicht blos ein Zeuge, sonder-, fünf Zeuge;; haben übereinstinnnende "Aussagen gemacht. Der Rädelsführer, der zu mehreren Jahren Zuchthaus verurtheilt worden ist, ho.: wi derholt den Ruf laut werden lassen: „Hier ist noch ein Jude! Judr raus, oder was zu fressen! Juden raus! Wir wollen "Arbeit." «Hör»! hört! links.) "Auf Grund der übereinstimmenden Aussagen ist die Ve urtheilnng erfolgt. Herr Stöcker ist natürlich -.acht mit der Fab , herumgezogen «Heiterkeit links»; es sind die 'Antisemiten den Tha« im Gegensatz zu den Antisemiten der Phrase! «Lebhafte Zustimmung links. — Unruhe rechts.) Wie eine Illustration zu diesen Reichstagsverhandlungen nimm: sich die Schwnrgerichtsverh andlung in dem Ranlunord-Proze- Guhrauer aus, die etwa zur selben Zeit am Landgericht Berlin I stattgefunden. Dort waren das Dienstmädchen Ennlie Spdow, tur Schuhmacher Jacob Eifert, der Zimmermann Wilhelm Wille uno dessen Frau Auguste augeklagt, gegen einen alten Mann Mord une schweren Raub versucht zu haben. Die Genossen haben einander n: der Thal des praktischen Antisemitismus angestistet. Die Wilke h-n den Eifert gefragt, ob er nicht Lust habe, einen „reichen Juden ausheben zu helfen." Die Sydow wiederum hat die Wilke zur Mu thaterschaft bestimmt, denn „es sei doch keine Sünde, so einen; alt.:! geizigen Juden etwas abzuknöpfen!" Das sind die Antisemiten d-.r That! * Ner sechste Gemeindetag. Berlin, 28. 'Min Eine glänzende Versammlung hat in den Räumen des Hon Cassel gestern getagt. Ter Gemeindetag, die Generalversanunlnü) des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, hatte die Abgeordne; :: zahlreicher Gemeinden hier vereinigt, um über die wichtigsten Frag«!! des Gemeindelebens Berathung zu pflegen und dem leitenden Ann schnsse für weitere Thätigkeit die Richtung anzugeben. Die Handlungen boten ein erfreuliches Bild einmüthigen Zusammengehen - aller Stande und Parteien innerhalb der deutschen Judenheit dar. und wir machen gern das Zugeständnis;, daß die Berliner Orthodonc! zu dieser Einmüthigkeit wesentlich beigetragen hat. Das Wort.