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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-01 · Heft 14 (1.4.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 14 (1.4.1892)
Date
1892-04-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Begründet non Nalllrrner lr* Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-GrpeLition: Lerlin, Jerufalemerstc. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zn richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Unsere Wohlthätigkeit. — Die Antisemiten der Thai. — Ter sechste Gemeindetag — Paul Friedmanns Expedition nach Midian. - Feuilleton: Eilt ungedrncktes Gedicht von Gustav Freptag. Von Arthur Zöwy. — Heimweb. Erzählung von Eduard Kulte. — Moderne Rabbiner- -vahlen. — Sprechsaal. — Miscellen. Der Oeweindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Aeustadt b. P., Sckrimm, Flatow. Hamburg. Leipzig. Seesen a. H., Frankfurt ». M.. Gießen, München, Wien, Brüx, St. Petersburg. 9tew-Vork. — Von Nah und Fern. Unsere Mohlthätigkeit. Berlin, 29. März. Auf linserein Redattionspnlte hänfen sich gegenwärtig die Rechenichaftsberichte der verschiedenen Wohlthütigkeitsvereine von Berlin unb anderen Gemeinden. Es ist ein stattlicher Anblick, ein herzerfreu- ,'iider und geisterhebender fürwahr. Israels Herz schläft nicht in der Erfüllung von Pflichten der Wohlthätigkeit. Ja, man kann wohl agen, daß vielleicht zn keiner Zeit die Ausübung dieser Liebespflicht w ernst genommen wurde, wie in unseren Tagen, Gleichwohl drängten sich uns bei der Lektüre dieser verschiedenen Rcchenschaftsberichie von Vereinen, die ihren Wirkungskreis über das ganze Gebiet Humanitären Lebens ausdehnen, inanche Beobachtungen und Bedenken auf, die wir im Interesse der Sache nicht verschweigen oürfen. Zunächst die Thatsache, daß zwischen dem Vermögen vieler dieser Vereine und ihren Jahresansgaben kein richtiges Bcrhältniß besteht. Da ist ein Verein, der 800,000 Mt. besitzt und 30,000 Mt. für Unterstützungen in diesem Jahre ausgegeben ■eit; ein anderer hat ca. 80,000 Mt. Kassenbestand und hat 7000 M. vertheilt'; ein dritter ca. 120,000 Ml. Vermögen und etwa ' '>000 Mt. Jahresausgaben. Und so geht es fort. Nun mag ja dieses Vcrhältniß zwischen dem Vermögen und den Ausgaben natiouilökonomisch wohl als das allein richtige gelten; cs mag auch von den Statuten so vorgeschrieben sein — im humanitüren Sinne scheint ■ * uns nicht den Aufgaben und Zwecken dieser Wohlthatigkeitsanstalten ni entsprechen. Es ist keine Frage, daß der verflossene Winter ein besonders harter und schwerer für unsere Armen gewesen ist, wir meinen, daß die Wohlthütigkeitsvereine in solch schwerer Zeit getrost über ihr gewöhnliches Budget Hütten hinausgehcn und vielleicht das Doppelte von dem, was sie in Normaljahren ausgebcn, l'cwllligen können. Wozu soll überhaupt die Anhäufung großer Vermögen bei solchen Wvlthütigkeitsvereinen? Wie sich auch die Verhältnisse gestalten mögen, das jüdische Herz wird nie aufhören, für die Leiden der Menschen warm zu schlagen, und ein Appell an dieses Herz wird auch niemals vergeblich und erfolglos sein. Liest man aber m dem Rechenschaftsbericht eines solchen Vereines, daß er ein Vermögen von einer halben Million Mark und darüber angesammelt habe, dann entschließt man sich nicht so leicht, diesem Zwecke neue Mittel zuzuführen, und eine verschlossene Hand empfängt nichts, sagt das bekannte Sprichwort. Und ein anderes, nicht minder wahres Sprichwort sagt: „Wer den vierten Theil von dem ausgiebt, was er einuimmt, dem geht's gut." Unsere Alten, die wahrlich keine Verschwender gewesen sind und auch sehr praktisch wirthschafteten, waren in dieser Beziehung viel freigebiger und humaner. Allerdings, sie hatten das feste Vertrauen; ^,*1122 nannten sie cs, was man sowohl mit „Zuversicht" als auch mit „Vertrauen" übersetzen kann. Ihre Zuversicht setzten sie ans Gott und ihr Vertrauen auf die Menschen. Und Beides ist nie zu Schanden geworden. Also etwas mehr Vertrauen und etwas mehr Freigebigkeit in den Jahresausgaben — diese Parole empfehlen wir all' unseren Wohlthätigkcitsvereinen für das nächste Jahr, das ja wohl kaum günstiger für unsere Armen werden und in dem vielleicht noch größere Ansprüche an uns herantreten dürften. Von geringerer Bedeutung sind einige andere Bedenken, immerhin aber doch wichtig genug, um erwogen zu werden. So vor Allein die Zersplitterung in den Wohlthätigkeitszwecken. Während überall die Centralisation der Wohlthätigkeitspflcge angestrebt wird, zersplitttert! sich dieselbe bei uns in unzählige Vereine, und jeden Tag erstehen neue, die leicht mit ihren Sonderzwecken bereits bestehenden Jnstitnten sich hätten anschließen können. Dasselbe gilt von den Stiftungen. Die Armenkommission der hiesigen jüdischen Gemeinde, vielleicht das einzige Institut, von dem das oben Gesagte nicht gilt, zählt in ihrem Bericht 42 Spezialstiftnngen und 46 Jahrzeitsstiftungen auf. Diese Zersplitterung ist entschieden kein Segen. Vereinigten sich diese Stiftungen auf einige bestimmte Zwecke, so könnte für diese etwas Erkleckliches geschehen, während durch die Zersplitterung keine zu rechtem Gedeihen gelangt. Und endlich noch eine Schlnßbemerkilng, die sich uns angesichts dieser vielen Rechenschaftsberichte aufdrängt: Eswird zu b iel gedruckt, zu viel und zu thencr. Sieht inan diese elegant gedruckten und ausgestatteten Berichte an und sunnnirt mail die Jahrcsansgaben für Druck, Versendung u. s. w„ so könnte man mit diesen Mitteln leicht einen neuen und sehr großen Wohlthütigkeitsverein gründen. Wir begreifen die Motive wohl, aus denen diese Anordnung hervorgeht, aber auch hier gilt das Wort: l»st inoclns in rehus! Wir wünschen, daß diese Bedenken bei Allen, die dem großen Liebeswerk der Wohlthätigkeit ihre Kräfte weihen, geneigtes Ohr finden möchten! U

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