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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-25 · Heft 13 (25.3.1892) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 13 (25.3.1892)
Date
1892-03-25
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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An dem Leichenbegängniß des verstorbenen Großherzogs von Hessen nahmen auch Theil die Herren Rabbiner Dr. Salseld-Mainz, Dr. Selver- und Dr. Marx-Darmstadt, Dr. Goldschmidt-Offenbach, Dr. Grünfeld-Bingeu. Herr Rabbiner Dr, selver war außerdem zur Einsegnungs-Feierlichkeit im „Stenen Palais" geladen und wohnte demgemäß auch der Beisetzung im Mausoleum auf Rosenhöhe bei, während die nicht besonders zur Einsegnung Geladenen -nit Rücksicht auf den beschränkten Raum der betreffenden Anlagen programmgemäß nur bis zum Eisenbahnviadukt folgten. — Gestern Abends >and in unserer Haupt-Synagoge eine erhebende Trauerfeier statt. Oesterreich-Ungarn. * Wien, 18. März. Das österreichische Reichsvolksschulgesetz wird von den Klerikalen seit seinem Bestehen angefeindet'. Doch wurden im Abgeordnetenhause die Angriffe bisher stets abgeschlagen. Man hat nun in den kirchlichen Kreisen die Taktik verändert und die Agitation in die Landtage verlegt. Im oberösterreichischen Landtage brachte Bischof Doppelbauer einen von sämmtlichen Abgeordneten des Großgrundbesitzes und der Landgemeinden unterschriebenen Antrag auf Abänderung des Schulaufsichtsgesetzes ein; und zwar soll durch Beschränkung oes Stimmrechtes des Vertreters der israelitischen Kultusgemeinde auf lüdische Schulangelegenheiten im Landesschulrathe eine klerikale Mehrheit gebildet werden. Ta dieses Manöver zum Theil schon gelungen ist, so herrscht in liberalen Kreisen über den Ausgang gerechte Besorgnis;. Nnßlaud. j * Petersburg, 10. Mürz. Im „Regierungsboten" wurden jüngst j offiziell Daten über die Ausführung der Wehrpflicht im verj ll offenen Jahr, d. h. über die Ausführung der Einberufung der im wehrvflichtigen Alter Stehenden, mitgetheilt. Wie gewöhnlich, wurde in der bezüglichen Tabelle besondere Aufmerksamkeit den Juden zugewandt und es ergab sich, daß von den 50,470 im vorigen Jahr der Ableistung der Wehrpflicht unterworfenen Juden 7552, also etwa 15 pCt. sich nicht gemeldet hatten. Diese Taten werden ohne alle erklärende Bemerkungen iviedergegeben. Stent ist aber schon im vorigen Jahr in der russischen Presse nachgewiesen worden, daß die Einberufnngslisten nicht richtig sein können, weil in denselben viel mehr der Wehrpflicht unterliegende Juden; uufgeführt werden, als thatsüchlich vorhanden sein können. Es wurde bemerkt, daß für die zwölf Jahre von 1874—1886 der Einberufung im Ganzen 8,484,449 Personen unterlagen, darunter 446,862 Juden. Das i macht durchschnittlich pro Jahr: 702,871 Richtjuden und 87,288 oder j 5,80 pCt. Juden. Dagegen ergiebt sich aus den offiziellen Daten über j die männliche Bevölkerung des europäischen Rußland, daß die Juden uicht mehr als 8,95 pEt. ausmachten. Somit waren 1,5 pEt. Juden I mehr in die Listen eingetragen worden, als im Verhältnis; zu der Gesammt-! bevölkerung eigentlich anzunehmen wären. Dasselbe wiederholte sich, wie! m den „Rowosti" für das Gouvernement Kowno nachgewiesen wird, auch tut vorigen Jahr. Im Gouvernenunt Kowno ist die Zahl der gnden, die sich nicht gemeldet haben, nach der offiziellen Tabelle, besonders groß gewesen: von 8217 wehrpflichtigen Juden haben sich 1828 nicht gemeldet. Im Verhältniß zur Gesammtbevölkerung des Gouvernements unterlagen der Einberufung oder der Einreihung in die Listen der Wehrpflichtigen 29,16 pEt. der Bevölkerung. Dagegen find von der nichtiüdischen Bevölkerung 26,29 pCt. in die Listen eingereiht worden, von oer jüdischen jedoch 89,66 pEt., also um 16,87 pEt. mehr. Daraus geht uervor, daß die Registrirung der jüdischen Bevölkerung eine sehr nveifelhafte ist, und in der That ist es auch bekannt, daß die standesnnttiche Registrirung der jüdischen Bevölkerung eine äußerst lückenhafte -md unordentliche ist, insofern in den Listen vielfach Verstorbene, Ausuewanderte oder ihre Wehrpflicht in anderen Gouvernements Ableistende üguriren. Die Versuche, aus den trockenen offiziellen Daten des Kriegsmiiiisteriinns neues Kapital für die Judenverfolgung zu schlagen, ruhen deshalb auf schwachem Grunde. Viel nothwendiger wäre es, daß die russische Negierung zuerst dafür Sorge trüge, daß in die Registrirung der jüdischen Bevölkerung des Reichs Recht und Ordnung käme. Oulgarirn. Sofia, im März. Tie Demissiousverhandlungen zwischen der hiesigen Gemeinde und Herrn Dr. Tankowitsch haben endlich ein beschleunigteres Tempo angenommen. Der Minister ließ erklären, daß gegen den Willen so vieler Gemeinden ein ferneres Verbleiben auf dem Rabbinerposten eine Unmöglichkeit sei, zumal die Gemeinde zu einem verhältnißmäßig nicht geringen Opfer (von circa 8066 Frcs., obendrein noch die Miethe für 8 Monate) sich verstanden hätte. Also beeilten sich die Vorsteher, den oben angedeuteten Betrag noch Freitag den 22. d. M. beim Ministerium zu erlegen, worauf der Herr Rabbiner Montag sein Demissionsgesuch überreichte. Voraussichtlich wird der fürstliche Enthebungsukas bald erfolgen und so beide Theile ihrer gegenseitigen unleidlich gewordenen Verbindlichkeiten auf immer benehmen. Die Abreise des Rabbiners dürfte am letzten März erfolgen. Wie wir vernehmen sollen gleich nach den Peßachfeiertagen die Repräsentanten aller jüdischen Gemeinden zu einer Konferenz zusammentreten, welche sich mit der Neuwahl, resp. mit der Vorwahl des Komitees für die Modalitäten der Berufung eines Rabbiners befassen wird. Was die Zukunft uns bringt, wer mag das schon jetzt bestimmen! Stugesichts der Mißstimmung, welche hier herrscht, begegnet man Stimmen, welche für das Jurückgreisen auf das alte Institut des Chacham sich aussprechen und gegen die Berufung eines modernen Rabbiners aus Europa sind. Zum Glück läßt sich das Rad der Zeit nicht zurückschrauben und die Garantien für eine fortschreitende Ausgestaltung der Gemeiudeverhältnisse liegen hoch oben in dem Wohlwollen unseres Fürsten Ferdinand, wie in dem fortschrittlichen Sinne seiner Regierung. Shi jene zwei Grundstücken des neuen Ausbaues der Gemeinden lehnen sich nun die modern denkenden Elemente hier, welche die Berufung eines gelehrten Rabbiners an die Spitze aller Gemeinden als unumgängliche Rothwendigkeit betrachten, hoffnungsvoll an. Wie bekannt, trägt die bulgarische Regierung 8666 Frcs. zur Erhaltung der Rabbinatskanzlei bei, mit der sie in unterbrochener Korrespondenz steht, und deren Entscheidung in allen Fragen beansprucht, welche von jüdischer Seite an die Regierung herantreteu. Weshalb das Grandrabbinat von einer äußerst berufenen Persönlichkeit besetzt sein muß. Sieben einer tiefen Gelehrsamkeit in talmudischen und jüdischwissenschaftlichen Dingen kann er einer umfassenden weltlichen Gelehrsamkeit durchaus nicht entrathen. Und bildet dies ein wichtiger Moment für die maßgebendsten bulgarischen Kreise. Dieses Thema aber bietet noch einen wichtigen Gesichtspiinkt, welcher als Borfrage zu behandeln sein wird Es soll zuvörderst konstatirt werden, daß schon bei der ersten Wahl eines Grandrabbiners zwei Faktoren sich gütend machten. In erster Linie war es die Alliance Jsraelite Universelle, welche ihren Kandidaten durchzusetzen strebte. Ist ja die Besetzung dieses wichtigsten Amtes im bulgarischen Israel ein Machtzuwachs in jenem Lande, das Jahr aus Jahr ein Tausende von Franks der Alliance kostet, um den Bildungsgrad zu heben. Schließlich verfügt die Alliance über eine stattliche Anzahl von Direktoren und Lehrern nebst ihren Schicken, welche mit dem französischen Grandrabbinat eine geschlossene Phalanx bilden könnten. Allein die vorgeschlageuen Rabbinatskandidaten stießen auf gewisse Gegenregungen, welche die assimilatorische Richtung der Allianceschicken erzeugten, und die Kandidaten sielen, noch bevor dieselben ernstlich in Erwägung gezogen wurden. Die französische Richtung wirkt still und eindringlich, die deutsche, welche zumeist auch von politischem und ökonomischem Standpunkte auch auf jenes ideale Gebiet hinüberspielt, wo nur die Wissenschaft ihr entscheidendes Wort zu sprechen berechtigt. Der Ruf von der hohen Wissenschaftlichkeit der deutschen Rabbiner, den sogenannten Aschkenasiern, fand allgemeine Verbreitung, und noch vor einem Jahrhundert entschloß man sich zur Berufung eines Rabbiners aus Mitteleuropa, dessen Nachkommen noch gegenwärtig unter - dem 'Rainen (5 hach am Ascht'enasi leben, und deren letzter rabbinischer Ausläufer vor zwei Dezennien ungefähr sein würdiges Dasein schloß. Dieser Tradition folgend, übertrug man die Auswahl des Kandidaten Herrn Prediger Tr. Adolf Jellinet in Wien, was mit den Jntentioiieu und

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