Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1892)
- Date
- 1892-03-25
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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im Fenster, wäre nicht der am Boden hillgeworfene Oberrock unb .■ Tornister des Knaben, wäre das am Morgen ooriibergezogene Gewitter llicht zu erfenucit. Im Mo0en, hinter dem Borhange, lag der Keine Jakob mit verbulldenem Kopfe. Die grüne Lampe brannte und der hagere Student saß am Bettrande, des Kleinen Hand haltend. Des Stndelltell Gesicht war dasselbe wiegewohnlich; ein pockennarbiges, garstiges Gesicht; nur in feinem Äuge brannte noch ein verzehrendes Feuer. Gr saß schweigend, verdrießlich nild lvarf von Zeit zu Zeit einen ungeduldigen Blick nach dem dunklen Winkel des Alkovens. Jll dieser Ecke saß der alte Mendel Danziger lautlos und unbeweglich. Zusamulengekanert, die Ellbogell aufs Knie gestützt, das Gesicht mit den Händen verhüllend, saß er in dieser Haltung schon seit Mittag, seit bent Momente, da er erfahren, daß bent Knaben keine Gefahr mehr drohe. Diese Unbeweglichkeit und dieses Schweigen des alten Buchbillders machten ben Stndelltell ungeduldig. „Herr Ahndel!" knurrte er endlich hervor, „kriechell Sie doch alls dieseln Winkel heraus. Es ist ja nur ein Bischen Hitze und llichts weiter. In einer Woche lvird der Junge wieder in die Schule gehell. Und Sie sitzen da um auf einer Todtenbahre, als währe Ihnen Jemand gestorben." Ter alte Jude schwieg. Erst llach einer Weile richtete er sein Haupt empor und mit leidenschaftlich zuckender Stimme: „Sie fragen, ob ich Trailer abhalte? Nu ja, ich halte Trauer. Ich habe Asche auf dem Kopfe und einen Sack habe ich auf meinem Kopfe, imb ich sitze auf Asche, lind meine Füße sind barfuß, lind ich habe eillen j großen Schmerz und eine große Bitterkeit." j Er verstummte unb verhüllte wieder sein Gesicht mit ben Händen, j Tie kleine grülle Lalnpe verlieh feinem grauen Haupte eine sonderbare! beillahe geisterhafte Beleuchtung. De Kleine ächzte dm, zweimal j und wieder herrschte Schweigell. Unb inmitten dieser Stille erhob | Mendel Tauziger wieder fein Haupt und sagte: „Sie sagell, daß bei! mir llichts gestorben wäre „ All, bei mir ist das gestorben, lvonlit! ich geboren worden bin, womit ich sechsundsechzig Jahre gelebt habe i Ulld wolllit ich zll sterbell gedachte. Au, im mir ist das Herz! für diese Stadt gestorben."; Sprechsaal. | Sehr geehrter Herr Redakteur. Der bekannte Schriftsteller Herr Dr. 'Ad. Ko Hut schreibt in diesen Blättern über „Moses Mendelssohn und die Frauen" — und erwähllt, daß ein vor mehreren Jahren veröffentlichter Brief Moses Mendelssohns an seine Braut sich in meiner Mendelssohn-Biographie nicht bei finde. Der Brief ist S. 123 f. wörtlich mitgetheilt.! Budapest, den 14. März 1K<»2. Hochachtungsvoll j D r. K apserlin g. In Ihrem Berichte in der Judellthumszeitung, Gemeindebote, vorn! 11. A!ärz sind auf Spalte 2 betreffs des Berichtes des „Esra" folgende! Fehler, die ich zu berichtigen bitte. Es sind gewählt I. Lepser als 1.! und G. P o t o 1 o w st v als 2. Schriftführer lind ni cht besser und Sotolowskrp j wie Sie schreiben. > U! Mi sc eilen. Eine christliche Dame, die auf ihrer Reise durch Rllßlaud das Elerw unb Leid der unglücklichen Juden mls eigener Anschauung kennen lernte, fanbte bei ihrer Rückkehr llach England ihr kostbares Geschmeide dem Hilfskomitee mit dem Ersuchen, es im Interesse der Rothleidenden zu verwerthen. Die Gabe wird in der Spendenliste aufgeführt, aber der Name der edlen Geberin ist ihrem Wunsche gemäß nicht genannt. * Ein ungarisches Judenkind wird in einem Wiener Feuilletoubrief der „Franks. Ztg." in folgender Weise geschildert: Professor Aren steiu < ehemals wohl Aronstein i war am Gestade des Plattensees geboren. Arenstein ließ sich taufen und wurde Piarist. Aber es duldete ihn nicht lange im schwarzen Priesterrocke: er trat aus den: Orden aus tmd wurde Professor der Mathematik au der Ober-Realschule des Wiener Bezirkes „Landstraße". Er wohnte im „Heiligenkreuz-Hofe", und dort wohnte auch ein reicher Bankdirektor, der zwei Töchter besaß; die eine heirathete eillen Offizier, die Zweite lernte Professor Arenstein von Fenster zu Fenster kennen ulld, da er sich im Hause des Vaters vorstellen ließ, lieben. Was thun? Arenstein war Geistlicher. Es ging nicht rasch und nicht leicht, aber es ging doch. Arenstein trat aus der Kirche, legte die Professur nieder, wurde Protestant und heirathete in Ungarn das nicht mehr jugendliche Fräulein. Das Alles wurde möglich, weil Arenfteiu sehr beliebt mw seine Frau sehr reich war. Arensteill war ein Lebenskünstler: er verstand das Leben zu genießen und was dazu gehört, wie Steine beim Strauß zur Verdauung, sich ernst zu beschäftigell. Mit ihln schied Einer von einem Typus der Geistlichkeit in Oesterreich, die ehedem wohl llicht Alle vom inneren Drange dem Berufe zugeführt wurdell. Auch als Geistlicher nnb Professor trug Arenstein Leben in alle sonnigell Klöster und Pfarrhöfe an den Neben-Abhängerl des Wiener Waldes, wo er stets mit Jubel begrüßt wurde. Er wußte, wo der beste Wein ruhte, der beste Braten dampfte und wo die Einsamkeit des Pfarrhofs nicht allzu groß war. Vergnügt sein, Vergnügen bereiten und sich nützlich zu machen, das war 'Arensteins Lebensregel, der zu Liebe er der Ordensregel entsagte. Er hat erreicht, was er wollte: er starb als reicher Manu. Wec beerbt ihn, in Diesem und Jenem?" (Eine zutreffende Ironie auf jene jüdischen Professoren, die um eine Stellung ihre Religion abstreifen.) * Als bemerkenswerther Beweis dafür, welche gefährliche Verwirrung durch die antisemitische Agitation in den Köpfen der nicberen Bevölkerung hervorgerufen wird, veröffelltlicht die Vossische Zeitung ein ihr aus dem Leserkreise zngegangenes Schreiben, dessen Inhalt wir hier ebenfalls wiedergeben wollen: Ein kleiner Knabe erzählte am Sonnabend seinen Mitschülern und dem darauf aufmerksam werdenden Lehrer: „Vater hat gestern 'Abend so'u jroßes Stück Zeug mitjeb rächt, bet er 'n Anzng kriegt und ich ooch!" Der Lehrer entgegnet halb ungläubig' „Aber Junge, das wäre ja gestohlen!" „I bewahre," meint der, „Vater hat jesagt, bet is 'n Jude jewesen, dem sie's weggenommen haben." Das Stück Tuch ist von der Polizei bereits mit Beschlag belegt. * Erspartes Lösegeld. Türkische Räuber halten einen Orient- Erpreßzug an und nehmen acht Reisende gefangen. Nachdem derHanptmann sieben Geißeln nach Name, Alter und Religion gefragt, konnnt er an den letzten, der sich Israel nennt: „Ihre Religion?" forschte der Räuber. „Jüdisch." „Sie sind frei," erklärt der Hauptmann sofort. „Wegen eines einzigen Juden können wir nicht koscher kochen!" * Ein Wort Disraelis. Lord Beaeonssield D',Israeli, der verstorbene englische Kanzler, jüdischeil Stammes, hat im Unterhause den Vorwurf, daß er ein Jude sei, mit den Worten zurückgewiesen: „Ja, ich bin ein Jude! Aber als die Vorfahren der Herren Abgeordneten noch als wilde Barbaren aus einem unbekannten Eiland hausten, waren die weinigen Priester des einzigen Gottes im Tempel zu Jerusalem." Die Nr. 11 der „MittHeilungen aus dem Verein zur Abwehr des A n t i se m itism us" (Expedition Magdeburgerstr. 13, Postzeitungstiste 9h:. 4173) hat folgenden Inhalt: Der Antisemitismus in Kurhessen und seine Bekämpfung VIII. — Vor neunzig Jahren. — Philosemitische Eulenspiegeleieil oder antisemitische Wahrheitsliebe. — Antisemiten lind Sozialdemokraten. — Kleine Mittheilungen. — Briefkasten. — Die Nr. 12 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Exp. Magdeburgerstr. 13, Postzeitungsliste 9lr. 4173) Hat folgenden Inhalt: Die Neichstagsnachwahl in Neichenbach-Auerbach. — Robert Hanlerling und der Antisemitismus. — Lügen der Alltisenliten. — Wie die Freunde des Hofpredigers a. D. Stöcker über das Christenthunl denken. — Korrespondenzen aus Marburg, Baden, Friedberg, Lüben. — „Jüdische Verführer". — Otto Glagau. — Zum „Ritualmord". Truck und Verlag von Rudolf Mo Ne in Berlin. Verantwortlich für bte Redaktio.u Ala) Bauchwitz in Berlin.