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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-25 · Heft 13 (25.3.1892) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 13 (25.3.1892)
Date
1892-03-25
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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Nu, ich will diesen Knaben diese Waise erziehen, das; ans ihm ein Mensch werde, daß Niemand auf ihn spucken soll, da er nichts verschuldet hat! Nu, ich will, das; weder mir, noch einem Andern ein Ilnrecht geschehe, sondern das; Gerechtigkeit herrsche und das; die Leute Gott fürchten! . .. Nu, das will ich! Aber flüchten will ich nicht! Ich bin in dieser Stadt geboren worden, in diesem Hause habe ich Kinder gehabt, hier habe ich Niemanden gekürzt, ich habe hier meine Werkstütte." Ehe er noch zu Ende war, wurde im Gäßchen ein dumpfes Loben laut, als ziehe in der Ferne ein Gewitter vorüber. Ueber das Gesicht des Studenten lief ein jähes Zucken und durch seine zusammengepreßten Zähne kam ein halblauter Fluch. Ter alte Buchbinder verstummte, richtete sich gerade empor und lauschte eine Weile. Das Getümmel kam schnell näher. Man hörte Schreien, langgedehntes Pfeifen, Lachen, Rufen, Weinen und Lamentiren. Im Gäßchen tobte es. Die Hausthore wurden gesperrt, die Geschäftslüden verbarrikadirt, manche liefen direkt dem Tumult entgegen, andere flohen vor demselben. Plötzlich begann der erschreckte Kleine heftig zu weinen. Der Student schloß die Thür und verschwand im Hausflur. Der alte Jude horchte. Er schien weder das heftige Weinen des Kindes, noch das Fortgehen des Studenten zu bemerken. Sein Blick war wie in sich gekehrt, die untere Lippe herunterhängend und das Ohr gespitzt. Er sah wie ein von einem Schuß getroffener Mensch aus. Noch eine kleine Weile, und dieser alte, schwache Körper bricht und stürzt in sich zusammen. Das immer näher kommende und deutlichere Getöse ergoß sich schließlich unter Wuthausbrüchen, Pfeifen, wüstem Lachen, Fluchen und Verwünschungen in das verödete Gäßchen. Heisere, trunkene Stimmen mengten sich mit dem satanischen Gejohle halbwüchsiger Bursche. Ein bestialischer Uebermuth hatte sich des Gäßchens bemächtigt. Das Krachen der zertrümmerten Fensterläden, das Gepolter der dahinrollenden Fässer, das Klirren des zerschlagenen Glases, das Krachen der Eisenstangen schienen au dieser abscheulichen Szene wie lebendig Antheil zii nehmen. Nur noch einige armselige Krambuden trennten Mendels Stube von den entfesselten Massen. Der Kleine hatte aufgehört zu weinen, und wie vom Fieber geschüttelt, ließ er sich beim Großvater nieder. Sonderbar, dieses Anschmiegen des Kindes und die nahe, schon unvermeidliche Gefahr verliehen dem alten Juden Kraft. Er legte die Hand auf des Kindes Haupt. „Scha," flüsterte er beruhigend. Jetzt wälzten sich in die lange schmale Hausflur einige Weiber hinein. Die Seileriu mit einem Kinde an der Hand, die Hausmeisterin und die Krambudenbesitzerin. „Vorwärts, Mendel!" schrie von der Schwelle ans die Hausmeisterin, „geht ihnen aus dem Wege! Ich werde sofort ein Heiligenbild oder ein Kreuzchen ins Fenster stellen. Da kommen sie nicht." Sie ergriff den Kleinen bei der Hand. „Vorwärts, Jakobchen, in den Alkoven." Sie kannten diesen Juden so lange, daß er ein dienstfertiger, ordentlicher Mensch war. Hinter den Weibern fingen auch andere Bewohner des Gäßchens hineinzuschleichen. Die Stube füllte sich mit Leuten. Der alte Mendel lehnte eine Hand auf den Arm des Knaben unb mit der anderen schob er die Weiber zurück. Während dieser kurzen Frist hatte er seine ganze Geistesgegenwart wiedergewonnen. „Laßt es sein," sagte er mit harter, wie eine Glocke klmgender Stimme. „Laßt es sein. Ich danke Euch, daß Ihr mir Euer Heiligthum geben wolltet, um mich zu retten. Ich will aber kein Kreuz vor mein Fenster'stellen! Ich will mich nicht schämen, daß ich ein Jude bin. Ich will mich nicht fürchten! Wenn sie kein Erbarmen in'sich haben, wenn sie fremdes Eigeuthum wollen, nu, dann sind ne keine Christen, und dann werden sie auch weder nach dem Kreuze, j noch nach dem Bilde fragen. Nu, dann sind sie auch keine Menschen, j Daun sind sie auch ganz wilde Bestien. Wenn sie aber Menschen, j wenn sie Christen sind, uu, dann wird für sie das graue Haupt eines! alten Mannes und solch ein unschuldiges Kind wie ein Heiligthum! sein. Komm Jakobchen." — Und den Knaben zu sich heranziehend,! begab er sich trotz des lärmenden Protestes der Versammelten ans! Fenster, öffnete beide Flügel und erschien in der Fensteröffnung, im j aufgeknöpften Kaftan, im Schurzfelle, mit dem weißen Barte, das Haupt hoch erhoben, den zitternden Knaben au sich schmiegend. Ter Anblick war ein so ergreifender, daß die Weiber zu weinen begannen. Die noch zuriickgebliebeuen Krambuden umgehend, wälzte sich der Janhagel nun heran. Der heroische Muth des Greises, dieses stumme Appelliren an die menschlichen Gefühle des Volkshaufens wurde als Beleidigung, als Verhöhnung aufgeuommeu. Und so suchte mau nicht mehr, ob irgend ein Faß, mit Essig oder Spiritus gefüllt, zu leeren, neue Waarenkisten zu zertrümmern, ein Federbett zu zerreißen oder ein Korb voll Eier zu zerbrechen sei. Hier kam die wilde Begierde, an Jemandem sein Müthchen zu kühlen, derflJustmkt der Grausamkeit, welcher im Individuum lauernd, sich wie eine Feuersbrunst einer Zusammenrottung, einer Pöbelmasse bemächtigt, zum Ausbruche. Sie hatten das Fenster noch nicht erreicht, als ein aus der Mitte der Menge geschleuderter Stein den Knaben am Kopf traf. Der Kleine schrie und die Weiber sprangen ihm bei. Der Jude ließ den Arm des Kindes los. schaute sich nicht einmal um, und seine Hände hoch über das heulende Gesindel ausstreckend, flehte er, seinen Blick auf die Volksmenge heftend, mit erblaßten Lippen: „Adonai, Adonai," und schwere Thränen rollten über fein runzliches Gesicht, j Als die Ersten ans der Menge das Fenster erreichten, fanden > sie aber dort in der Person des Studenten ein unerwartetes Hinder-! niß. Das Haar wild aufgelöst, den Uniformrock aufgeknöpft, stand er; beim Fenster des Juden, die Hände übereinandergekreuzt, die Fäuste z geballt und die Fuße auseinandergespreizt wie ein offener Zirkel. Er war so lang, das; er mit seiner Person das Fenster beinahe bis zur Hälfte deckte. Zorn, Scham, Verachtung durchwühlten seine Brust j und zuckten in flammender Röthe über sein schwarzes pockennarbiges i Gesicht. „Fort von. dem Juden," schrie er den Ersten zu. „Wenn nicht, so habt Ihr es mit mir zu thnn, Ihr Hallunken." Einige aus der Bande, welche nüchterner waren, begannen sich zurückzuziehen. Die Haltung des Jünglings und seine Worte imponirten ihnen. Der lange Student benutzte dies, und durchs niedere Fenster in die Stube springend, stieß er den Juden weg und blieb selbst am Fenster stehen. Mit dumpfem Getümmel zog die Menge am Fenster vorüber. Hohngelächter, Drohungen, wüster Lärm und Verwünschungen begleiteten diesen Zug; dann entfernte sich der Lumult, es wurde stiller, bis er in ein entferntes unverständliches Getöse überging.... An diesem Abend lernte Niemand, Niemand saß am Tische und Niemand arbeitete in der Werkstätte. Aus dem Alkoven ließ sich manchmal das leise Stöhnen eines Kindes vernehmen; int klebrigen herrschte hier vollständige Ruhe. Wären nicht die zerbrochenen Scheiben

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