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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-25 · Heft 13 (25.3.1892) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 13 (25.3.1892)
Date
1892-03-25
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
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TTFF Sie faßen, ich bin ein Fremder. Nu, wie kann das sein? Wenn ich ein Danziger bin, wie kann ich ein Fremder sein?') So sagen Sie? Ist denn dort die Weichsel oertrocknet?') liehen nicht die Flöße von unserer Stadt dorthin? Sind denn dort die Flößer nicht unsere Leute? Und das Alles sollte fremd sein? Sind Sie so freigebig? Nu, schade, daß ich nicht früher gewußt habe, daß Sie so freigebig sind! Denn ich hatte Sie wenigstens um die Hälfte Ihres Ladens, wenigstens um die Hälfte der dort befindlichen Uhren ersucht. . Der Uhrmacher hielt sich die Seiten vor Lachen. „Haben Sie da ein Kunststück bewiesen, das Boseo nicht besser vernwcht hatte! Weil er Danziger heißt, ist er ein Einheimischer! Ha, ha, ha!" Der alte Jude schüttelte das Haupt und lächelte gleichfalls. „Mendel Danziger und Jakob Danziger," sprach er nach einer Weile gravitätisch, sich zu seinem Enkel wendend, als übertrüge er auf ihn die Wiirde seines Namens und seiner Tradition. „Nu, was ist er, dieser Mendel Danziger? Er ist ein Jude, ist in dieser Stadt geboren, er lebt in dieser Stadt von seiner Arbeit, hier hat er das Grab seines Vaters, seiner Mutter, seiner Frau und seiner Tochter- Und er selbst wird auch in dieser Stadt seine Gebeine niederlegen. Nu, und was ist er, dieser Jakob Danziger?" setzte er fort, den Knaben auf Handlange in die Mitte des Zimmers hinschiebend, ohne seinen Arm loszulassen. „Nu, ein Schüler ist er. Er sitzt in der Schule auf der Bank bei seinen Kollegen, schaut ins Buch, schreibt und lernt. Nu, und wozu lernt er? Er lernt, um Verstand zu haben. Und wenn er diesen Verstand haben wird, wird er ihn irgendwo wegtragen? Nein, er wird ihn nicht nach der Fremde tragen. Er wird ihn weder in Wasser ertränken, in Feuer verbrennen, noch in die Erde vergraben. Er wird hier klug sein, seinen Verstand wird er für dieses Land, für diese Stadt haben. Der Verstand also, welcher ohne ihn auch wäre, bleibt im Lande, nur der Verstand, welchen er, Jakobchen, haben wird, wird sich hierzu noch gesellen. Glauben Sie etwa, daß dies übergenug sein wird? Nu, eine solche Dumnlheit können Sie doch nicht denken. Nu, und wenn er Verstand haben wird, dann wird er solche Sachen wissen, die nieder ich noch Sie kennen. Er wird vielleicht auch das wissen, daß alle Menschen von einem Vater sind und daß sich alle wie Brüder lieben sollen." Er zog den Knaben wieder an sich und ihn umhalsend beugte er sich zum Uhrmacher und flüsterte: „Tenn das ist ein zartes Kind — eine Waise — unb sehr weichen Herzens." Er streichelte das Gesicht des Knaben und fügte hinzu: „Geh, mein Liebling, lege Dich schlafen, denn morgen mußt Du in die Schule gehen." Ter Kleine bewegte sich wieder geräuschvoll mit seinen Stieselchen an dem Uhrmacher vorüber, drückte des Großvaters Hand an seine Lippen und verschwand hinter den die Stube vom kleinen Alkoven trennenden Vorhang. Der alte Jude blinzelte ein-, zweimal mit den Augen, und nüt seinem Barte spielend, fragte er: „Nu, mit Ihrer Erlaubnis^, wer hat das gesagt, daß nrau die Juden schlagen soll? In Gegenwart des Kindes wollte ich Sie nicht fragen, damit es sich, Gott behüte, nicht erschrecken sollte, denn es ist ein sehr delikates Kind, aber jetzt frage ich Sie ohne Groll." „Tie Leute sagen es," umrmelte der Uhrmacher. Der alte Jude sprang jäh mit einer Behendigkeit, die ihm Niemand zugenuithet hätte, zwei Schritte zurück. Seine Augen flammten, die Lippen schnaubten und den Kopf hielt er wie ein Ziegeubock. „Die Leute? Die Leute sagen?" frug er mit zischender ]) Bekanntlich gehörte Danzig zum polnischen Staate. ~) Tie Weichsel fließt überall durch ehemalige polnische Gebietst heile. Stimme, immer in einen höheren Tonfall hingerathenv. „Die Leute?" Und nach jeder ausgesprochenen Silbe beugte er sich immer mehr nach vorn, beinahe niederkauernd. Der Uhrmacher schaute gleichgiltig vor sich I)in. Er bemerkte aber, daß die Haltung der Juden ihm gegenüber nicht .am Platze und eine lächerliche sei. „Was wundert Sie so sehr?" frug er kühl. Der alte Buchbinder hatte sich aber bereits beruhigt. Erschallte unl sich, ftenunte die Hände in die Hüften, drehte den Bart empor und drückte die Angen zu. „Sie irren sich," sagte er. „Das sagen nicht die Lellte, das sagt der Bramltweill, die Schänke, die Bosheit unb die Dummheit, das sagt der schlechte Wind, der weht. Schlafen Sie ruhig. Ich werde ruhig schlafen, unb dieses Kind wird auch ruhig schlafen. In unserer Stadt ist viel Trübsal, viel Finsterniß und viel Ullglück, aber nufere Stadt ist noch nicht soweit heruntergekommen, daß sich die Leute drill wie Hunde beißen foflteiu Dessentwegen können Sie ruhig sein." Der Uhrmacher erhob sich, setzte Den Hut auf und eine „gute Nacht" hinwerfend, entfernte er sich. Dalin kehrte der Jilde von der Thür zurück, stellte den Leuchter allf ben Tisch, und aus den Zehen zllm Alkoven hinschreitend, lüftete er den Vorhang und spitzte die Ohren. Er lauschte auf bell heißen, ungleichuläßigen uild etwas heiseren Athem des Kindes. Eine kleine Lampe mit grünem Glasschirm brannte am Tische. Der Alte legte die Pantoffeln ab, näherte sich dem Bette des Knaben. Eine Weile stand er so da, den Athem. in der Brust zurückhaltend, dann seufzte erschwer, und aus dem Alkoven schleichend, ließ er sich schwerfällig aus einen Sessel nieder, stiitzte die Hände aufs Knie und neigte sein graues Haupt. Er war jetzt wie um zehn Jahre gealtert. Er bewegte lautlos die Lippen, seine Brust keuchte schwer und die Augen hatte er aus den Fllßboden geheftet. Tags darauf erwachte das Gäßchen ruhig und friedlich wie gewöhnlich. Seit dem frühen Morgen stand Mendel Danziger in seinem Schurzfell in der Werkstatt. Ter alte Bllchbinder arbeitete eifrig, fieberhaft; auf seinem verwelkten, tief gefurchten Gesicht war die schlaflose Nacht zu erkennen. Als er endlich den miserablen Kaffee, welchen die Nachbarin in einer großen Steingut-Kanne brachte, ausgetrunken hatte, wurde ihm etwas leichter ums Herz, er stopfte sich seine kurze Pfeife, zündete sie an und ging, den Enkel zu wecken. Der Junge hatte heute verschlafen. Er hatte sich in der Nacht lange auf seinem Lager umhergeworsen und schlief jetzt einen schweren Schlaf. Der Alte betrachtete mit Ergötzen das Kind. Seine Stirn glättete sich und die halbgeschlossenen Augen bekamen Glanz. Der Kleine schnellte empor, öffnete weit seine goldigen Augen und begann sie mit seinen mageren, zusammeugefalteteu Händen zu reiben. Ereilte jetzt sehr, eine der Aufgaben war nicht fertig gemacht, die Bücher und Hefte lagen noch immer ungeordnet am Tische. Er wollte den Kaffee nicht mehr austrinken und die für die Pause bestimmte, mit zwei Scheibchen eines harten Eies belegte Semmel nicht mitnehmen, sondern legte die Bücher in den Tornister, unsicher, ob er sich nicht verspäten werde. Als er aber den Oberrock um die Schultern werfend, zur Thür eilte, wurde dieselbe geöffnet, und der magere Student vom Seitenhause stieß ihn zurück in die Stube. „Lauf davon, man schlügt die Juden." Der Alte erstarrte. Aber seine Geistesgegenwart bald erlangend, wurde er feuerroth und sprang auf den Studenten wie eine wilde .Katze zu. „Was heißt das, davonlaufen? Wohin soll er laufen? Warum soll er davonlaufen? Hat er Jemandem was gestohlen, daß er weglaufen sollte? Sitzt er hier in einer fremden Stube? In

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