Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-25 · Heft 13 (25.3.1892) · p. Seite 152

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 13 (25.3.1892)
Date
1892-03-25
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227945--48709-3269359
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

152 Spazier, mit dein Freunde Heines, dein polnischen Grafen Engen Breza, eine „Galerie berühmter Israeliten" bei Brodhag in Stuttgart heransgab. Jemand mystifizirte Heine, das; auch er in diese Galerie kommen werde, und zwar mit einer Biographie, die Börne von ihm abfassen würde. Das versetzte nun Heine in helle Aufregung. Damals wollte er durchaus ein fetter Hellene sein und als solcher gelten. Damals hatte er ja in das „Journal des Döbats" eine Erklärung einrücken lassen: er sei kein Jude und habe nie einen Fus; über die Schwelle einer Synagoge gesetzt. Freilich diese Erklärung war eine der größten Nothlügen seines Lebens. Sein ganzer Haß gegen Platen rührte daher, daß dieser ihn als Juden verunglimpft hatte. Er ließ also Börne sagen, wenn er das thäte und wenn man ihn überhaupt in eine Galerie von Juden brächte, dann tvürde er sich durch eine entsetzliche Schrift gegen Börne und seine Freunde rächen. Darüber entstanden neue Kontroversen, neue Feindseligkeiten und Drohungen. Es ist bekannt, daß Heine erst nach Börnes Tode in seiner Schrift über ihn jenem Rachegefühl Ausdruck gegeben hat, ohne daß Börne an seiner Jndaisirung sich auch nur im Entferntesten betheiligt hätte. Es ist auch bekannt, daß Heine in späteren Jahren diese Schrift aufrichtig bereut hat und dieselbe gern zurückgenomnien hätte; nicht minder darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß derselbe in ein Duell zwischen Salomon Strauß aus Frankfurt a. Al., den Gatten der von Heine beleidigten Freundin Börnes, Madame Wohl-Strauß, gerieth, und daß diese leidige Affaire viele Lebensjahre des Dichters verbitterte. So oft er sich seit jener Zeit irgend wo angegriffen sah, schob er es irrthümlich ans die „Frankfurter Juden", die einen ganzen Köcher voll Angriffe gegen ihn bereit hätten. Es kann hier nicht meine Absicht sein, diese Tinge eingehend zu erörtern. Daß aber die Erinnerung an all' die Aergernisse, welche ihm mittelbar aus Frankfurt zngegangen, den Dichter später nicht besonders sympathisch für die Stadt stimmen konnten, ist erklärlich und selbstverständlich. Doch ist sein Urtheil in dieser Hinsicht ziemlich das gleiche geblieben, und wir können nun dazu übergehen, dasselbe in seinen Schriften zu verfolgen. Heines „Rabbi von Bacharach" ist anerkanntermaßen seine vollendetste Prosaschöpfung. Selbst ein so unbedingter Gegner des Dichters, wie Karl Goedcke, muß die Bedeutung dieses Werkes zugestehen und das allgemein getheiltc Bedauern ausspreche», daß diese Arbeit nicht über die ersten Anfänge hinaus gefördert wurde, da sie unter Allem, was Heine versucht habe, das Gediegenste zu werden versprach. Es ist nicht übertrieben, wenn inan behauptet, daß >vir einzig und allein Heines Aufenthalt in Frankfurt am Alain diesen herrlichen Torso zu verdanken haben. Ging ja damals seine Vorliebe für diese Stadt so weit, daß er der Schilderung der Frankfurter Jndengasse einen für die Oekonomie des ganzen Kunstwerkes viel zu breiten Raum eingeräunit hat. Aber wie gern übersieht man diesen Mangel, wenn man immer und immer wieder von Reuen, sich an jenen plastischen Schilderungen erfreut, wenn man mit dem frommen Rabbi Abraham und der schönen Sara die weltberühmte freie Reichs- und Handelsstadt Frankfurt am Main mit ihren lachende» Häusern, umgeben von grünen Hügeln, zum ersten Male erblickt! Nicht allzu oft ist Frankfurt a. M. früher trotz seiner hohen Bedeutung Gegenstand poetischer Darstellungen gewesen. Heine war der Erste, der mit seinem poetischen Blick, mit einer historischen Sachkenntniß, die uns heute in Erstaunen setzt, wenn wir seinen Quellen nachgehen, die uns den flüchtig scheinenden Dichter als gründlichen Arbeiter zeigen, die historische Bedeutung Frankfurts, die Größe und Pracht seiner Messen, die Alterthümlichkcit und die Geschichte seines Ghetto zm» getreuesten und schönsten Ausdruck gebracht hat. Und gern folgen wir dem Dichter durch das starke Gctvühl der Ostermcsse, wenn er seine Reisenden durch das dunkle Mainthor in die Stadt führt und ihnen das blinte Treiben, das Gewühl des Handels, die Masse kostbarer Sachen, die nie gesehene Pracht zeigt. Und auch über den hochgegiebelten Marktplatz der Stadt, vor deni Römer, folgen wir dem Dichter, wenn er uns ein Ritterspiel und Ringelstechen zu Ehren des Kaisers Maximilian schildert. Welch eine anschauliche Darstellung, welch eine plastische Abrundung bei dieser Fülle von Gestalten, die auf dem Kampfplatze erscheinen, von dem langen, blonden König Max, den Rittern und Damen des Adels bis zu dem Wunderdoktor, der seine Tinkturen und Wundersalben anpreist, bis zu der Schützengilde, ja bis zu dem Rudel fahrender Frauen hin, die aus dem Frauenhause „Zum Esel" von Würzburg herüberkamen und nach dein Rosenthale fuhren, wo die hochlöbliche Obrigkeit ihnen während der Meßzeit Quartier angewiesen und bei deren Anblick der fromme Rabbi erschreckt zu seiner Gattin sagt: „Mach die Auge» zu, schöne Sara!" Einen wundersamen Kontrast zu diesem Zuge mittelalterlicher Hexen bildet der traurige Zug von kahlköpfigen und barfüßigen Mönchen, die in feierlicher Prozession sich dahinbewegen; natürlich prach auch bei deren Anblick der Rabbi zu seinem Weibe: „Mach die Angen zu, schöne Sara!" Den seltsamsten Eindruck macht aber neben dieser Herrlichkeit und Pracht, neben all diesem Gewühl und Treiben, die hohe, enge, traurige Judengasse. Wenn wir den Dichter in diese Gasse begleiten, dann leben all die Gestalten derselben in unserer Seele auf, sie gewinnen Fleisch und Blut und werden lebendig in unserer Erinnerung, als ob wir sie selbst alle gekannt hätten, so wahr, so treffend, so anschaulich weiß er sie mit zwei oder drei Strichen vor unser geistiges Auge zu zaubern. Das ist nun ein eigenartiger komischer Zug dichterischer Gestalten. Er wird eröffnet von dem lahmen Gumpertz und der Muhme Täubchen, die den kleinen Gottschalk am Arme führt. Ihnen begegnen wir schon am Thore des Judenquartiers, wo die Landsknechte ans den Pritschen ihrer Wachtstube lagen. Es folgt in dem Zuge Trommelhänschen, der das Thor der Judenstadt bewacht, und seine jüdischen Genossen, unter denen vor Allem der Nasenstern uns durch seine Nase, die schön ist, „wie der Thurm, der gen Damaskus schaut und erhaben, wie die Ceder des Libanon", imponirt. Hiindchen Reiß, Schnapper- Elle und Vögele Ochs bilden das Ende des wunderbaren Zuges, der uns zur Traiterie der edlen Schnapper-Elle führt, wo uns nun der Duft des Schalet in die Nase steigt. Und hier schließt der Zug, viel zu früh, da wir gern dein Dichter bis ans Ende der Judengasse gefolgt wären. Ja, wir sind recht unwillig, wenn wir lesen, daß „der Schluß und die folgenden Kapitel ohne Verschulden des Autors verloren gegangen" seien. Aber dankbar bleiben wir immer der Stadt und der Gasse und jenen Gestalten, die die Anregung zu diesen; Jlttvel humoristischer Prosa gegeben haben. Es mag dahingestellt bleiben, ob diese porträtühnlichen Gestalten Heines auf wirkliche Modelle zurückzuführen seien, die ihm zu seinen Schilderungen gesessen; wer weiß, ob er nicht in Beitel Rindsköpfchen eine Satire auf seinen Chef darstellen und ob er nicht in Nasenstern und seinen Genossen seine eigenen Gegner empfindlich treffen wollte; aber der Humor in diesen; Kunstwerk ist ein milder und versöhnender, es fehlt ihn; noch jene ätzende Lauge, jenes scharfe Beiwerk, durch welches Heine später seine besten humoristischen Schöpfungen oft in empfindlicher Weise geschädigt hat. Dennoch aber ist die Empfindung keine ungemischte. Gerade aus diesen; humoristischen Capriccio heraus hören wir auch schon die Töne der i Trauer und die Klagen jenes altersgrauen Judenschmerzes, der nur : eine Provinz »; den; großen Reiche des Weltschmerzes bildet, der uns; aber Heines Herzensvorhang aufdeckt und zeigt, wie er i»; letzten Grnnde Stunde; als ihn Leid sei „Verwel ünd un, »inner 1 mit den und ind >ich ihn; „Ganz i traurige Schmer; nützlich; nicht, ol über jek über die Etwas gegange lichsten zun; gr Es Hanptz; auf sein zu eine; Hellene; übcrkaw sich selb sei und Sage w Gasse» klingen Nachts ganze» entsetzlic Es Sinnei; hellenisc Die spir Daseins Den Rff ileberzei ziehen, beginne iie, und uralten Recht. »»den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.