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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-18 · Heft 12 (18.3.1892) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 12 (18.3.1892)
Date
1892-03-18
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
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142 „''hin warum!"' ciuiicbcvlc der Uhrmacher freimüthig, „warum? min, iveil sic eben Juden sind." „Nu," sagte Mendel, die Augen halb zmnachcnd, „nnd tvaru»; gehen sie nicht in den Wald und schlagen das Birkenholz dafür, das; es Birkenholz ist, oder das Tannenholz ans demselben Grunde?" „Ha, ha," lachte der Uhrmacher laut auf, „jeder Jude hat seine Ausflüchte. Sind doch diese Birken- und Tannenbämne unser, sind in unserem Walde, unserem Grund und Boden gewachsen." Mendel beugte sich etivas zum Uhrmacher nieder und schaute ihm tief in die Angen. „Au, nnd woher stamme ich? Ans was für einem Boden bin jch gewachsen? Kennen Sie mich schon lange? Sie kennen mich schon siebenundzwanzig Jahre. Bin ich ettva tvie in ein Wirthshans hineingekommen? Habe ich getrunken und nicht bezahlt? Nu, ich bin hier nicht wie in ein Wirthshans hineingekommen. Ich bin in dieser Stadt groß gewachsen, wie der Birkenbanmim Walde! Es ist wahr, ich habe hier mein Brod gegessen nnd auch Wasser getrunken. Aber für dieses Brod und für dieses Wasser habe ich bezahlt. Womit ich bezahlt habe? Tie wollen wissen, tuomit ich bezahlt habe?" Er streckte seine abgearbeiteten, dünnen und sehnigen Hände aus. „Nu," rief er mit einer gewissen Heftigkeit, „mit diesen zehn Fingern habe ich bezahlt. Sie sehen diese Hände?" Er beugte sich nieder und schüttelte seine magere» Hände vor dem glänzenden Gesicht des Uhrmachers. „Rn, das sind Hände, die das Brod und Wasser nicht umsonst zum Munde geführt haben! Das sind Hände, die vom Messer, von der Zange, von Schraube und Hammer krumm geworden sind. Mit ihnen habe ich für jeden Bissen Brod und jedes Glas Wasser bezahlt. Jch habe noch meine Augen zugesetzt, die nicht mehr gut sehen wollen, meinen Rücken, der sich nicht mehr grade halten, nnd meine Beine, die mich nicht mehr tragen wollen!" Der Uhrmacher hörte gleichgiltig zu, mitdem Anhängsel seiner Uhr spielend. Der Jude hatte sich selbst mit seinen; Sprechen echauffirt. „Rn, und wo ist dieser mein Lohn? Dieser mein Lohn ist in der Schule bei den Kindern, bei diesen Knaben und Mädchen, die aus dem Buche lernen und in den Heften schreiben. Mein Lohn ist in der Kirche, wenn die Leute mit den Büchern hineingehen. Er ist auch beiin hochwürdigen Herrn Probst, den» ich habe auch ihm Bücher eingebunden, möge er gesund bleiben." Er lüftete seine Pelzmütze nnd fügte dann hinzu: „Mein Lohn ist in guten Händen." „Das Alles läßt sich wohl sagen," erwiederte der Uhrmacher diplomatisch, „aber ein Jude ist immer ein Jude." In den Augen des alten Buchbinders sprühten neue Funken. „Nu, was soll erdennsein? Soll er ein Deutscher, ein Franzose sein? Soll er vielleicht ein Pferd sein? Denn zum Hunde hat man ihn schon gebrandmarkt!" „Nicht darum handelt cs sich," sprach der Uhrmacher pathetisch. „Es handelt sich darum, das; er kein Fremder sein soll." „Darmn handelt es sich?" erwiederte der Jude, sich zurückbiegend; und seine Ellenbogen znrückziehend. „Nu. sagen Sie das gleich. Das; ist ein kluges Wort! Kluge Worte höre ich sehr gern. Ein kluges! Wort ist für den Menschen wie Bater und Mutter. Nu, für ein | kluges Wort könnte ich eine Meile Wegs gehen. Wenn ich ein kluges! Wort höre, ersetzt cs mir das Brod! Wem; ich sehr reich, ein großer! Bankier wäre, würde ich für jedes kluge Wort einen Dukaten geben. j Sie sagen, daß der Jude kein Fremder sein soll? Nu, ich sage das-; selbe. Warum nicht? Er soll kein Fremder sein. Warum soll er i ein Fremder sein, warum sich als Fremder benehmen, da er doch; ein Einheimischer ist? Glauben Sie, das; der Jude nicht naß wird, l wen» es regnet, denn er ist fremd? Oder glaube» Sie, daß wen» , der Wind weht, dann streut er dem Juden keinen Sand in die Augen, »veil er fremd ist? Dder auch wenn ein Ziegel vom Dache fällt, dann verschont er den Juden, weil er fremd ist? Nu, ich sage Ihnen, er verschont ihn nicht, weder Regen noch Wind verschonen ihn. Schauen Sie auf meine Haare, auf meinen Bart, sie sind grau und weiß. Was bedeutet das? Das bedeutet, daß sie viel Sachen gesehen haben und an viel: Sachen denken. Und ich werde Ihnen sagen, daß sie viel Trauer und Brandstellen gesehen haben, als große Donner in diese Stadt einschlngen, das; aber die Juden von Feuer, Brand und Donner verschont geblieben sein sollten, haben sie nicht gesehen, tlnd wenn in der Stadt stacht ist, dann ist es auch für die Juden Nacht, nnd auch sie habe;; keine Sonne!" Er seufzte schwer auf. „Gehen Sie zu Unterhaltungen? Nehmen Sie an Tanzvergnügen Theil?" Der dicke Uhrmacher nickte mit den; Kopfe und rückte sich im Stuhl mit seinem Verlogne spielend. Es schmeichelte ihm, daß ihn der Buchbinder als Weltmann be trachtete, der dem Tanze noch Bergnügen abgewinnt. Der Jude schaute flammenden Auges in sein glattes, mit einer breiten Nase geschmücktes Gesicht. „lind haben Sic irgend welchen Kummer, oder Sorgen?" Der Uhrmacher zog seine Augenbrauen in die Höhe, eine unentschlossene Miene annehmend. Er wollte eigentlich über derartige Lappalien wie Kummer und Sorge erhaben erscheinen, da er aber nicht wußte, was der Jude im Schilde führte, beobachtete er ein diplomatisches Schweigen. Der alte Buchbinder »nutete auch keine Antwort ab, sondern sprach weiter mit voller, steigender Stimme. „Nu, wenn Sie den Tanzboden besuchen und auch Ihren Gram haben, so wissen Sie doch, daß die Leute zum Tanze zur Unter Haltung zusammen kommen, nach den; Vergniigen aber auseinandergehen, ohne eine Spur davon zu behalten? Wenn sich die Leute aber zur Trauer, zun; Weinen versammeln nun, dann geht das nicht spurlos vorüber. Da ist schon einer dem andern wie ein Bruder geworden, und die Trauer bedeckt sie wie mil einem Mantel. Und ich sage Ihnen, ich habe in dieser Stadt Ding, gesehen, die mehr Trauer erweckten als Tanzlust, und dieser Mantel ist sehr groß. Ah, »ne groß ist er! Er bedeckte Alle rnrd auck die Juden!" Er wandte sich seitwärts und schaute zum Fenster hinaus „Mein Herr Mendel" sagte der Uhrmacher im Tone der Uebertcgen heit, „inan spricht so dieses nnd jenes, aber die Juden sollen alle Geld haben . . ." Ter alte Buchbinder lies; ihn nicht zu Ende kommen, sonder;, seine Hand erhebend, schüttelte er mit derselben als tvolle er sie eines Insektes erwehren. „Jch bitte, halten Sie nicht solche Rede»' So sprechen alle dummen Leute. Wenn den; Juden das Geld Alle wäre, dann hätte ihm Gott gleich i» der Haut eine oder zlvei Taschen! gemacht. Und wenn ihm der Herr Gott keine Tasche in der Ham gemacht hat, nun, so ist es deshalb, weil dem Inden das Geld s' viel zu eigen ist, »ne jedem andern." „Zu eigen ist!" rief trininphirend der Uhrmacher, sei» fette:- Doppelkinn in die Höhe ziehend und es streichelnd. „Es ist ab»! nicht so! Darin liegt eben der Haken, daß es nicht so ist." Mendel lächelte halb trübe, halb schelnnsch. (Schluß folgte d

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