Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1892)
- Date
- 1892-03-18
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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141 schien Worlc, welche ihm Pinne bei!» Abschied ins Ohe slüslceie, und uls Heine schvn im ffonpö des Postwagens säst, blickte ihm Pürne noch lange noch, wchmiithig wie ein oller Seemon», der sich ons's Festlond zurückgezogen Hot n»d sich von Mitleid bewegt sieht, loenn er einen jungen Font sieht, der sich zum ersten Mole ons dos Meer begiebt. Heine ober will i» ihm nur den ormen Monn gciehen hoben, dessen Schiff ohne Anker und dessen Herz ohne Hoffnung itnu', denn er glonbte domols noch stolz, om Bord seines Lebensichisfs die Kötter der Zukunft zn trogen! (Schluss folgt.) U Mendel Ranziger. Bon Maria Konopnicka. (Fortsetzung) Tein allen Mendel flieg eine Zorneswelle ins Gesicht. Nr richtete ich empor, als wäre er Plötzlich höher geworden, spuckte aus, und den Zungen barsch am Arme fassend, zog er ihn znm Tisch und verzehrte schweigend sein Mitlagbrod. Nach dem Mittagsmahle kehrte er nid) ]\\x Wertstücke zurück, stopfte sich auch nicht die Pfeife, sondern ging 'chnaufend im Zimmer umher. Der Kleine «lachte sich auch nicht an die Arbeit, sondern berrachtete den Großvater erschrockenen Blickes. Er hatte ihn noch nie 'o zornig gesehen. „Höre nur," sagte Mendel schließlich, sich vor den Knaben hin- Uclioub. „Als ich Dich als kleine Waise 511 mir nahm und Dich er-;og, Dich pflegte, Dir eine Mutter und Kindeswärterin war, habe : ui) es nicht deshalb gethan, damit Dll dumm bleiben sollst. Und i als ich Dich lernen ließ, als ich Dich in die Schule schickte, Dir! Bücher taufte, geschah dies auch nicht, damit Dll bunnn werdest, drotzdem führst Dll Dich biunm auf und hast llichts Gescheidtes an Tir. Wärest Du gescheidt so würdest Du Dich nicht schälnen, würdest l nicht greinen, nicht davonlaufen, wenn Jemand Dir „Jud" nachschreit,! Weiln Du aber greinst, davonläusst und dazll solch eine schöne neue s cktütze, die fünf Gulden') ohne sechs Groschen baar kostet, verlierst,! unm bist Dll ganz dlnnm, nnb die Schule, die Bücher nnb der ganze : itllterricht taugen nichts."! Er verschnaufte sich lmd sprach dann weiter: „Nu, was ist das, j iil Jude? Was für ein Jude bist Du denn?" sprach er bereits in! iitUberenx Tone. „Dll bist in dieser Stadt geboren, also kein Fremder,! 'andern eil! Einheimischer, und so lallge Dll rechtschaffen lebst, hast j £it das Recht, diese Stadt lieb zu haben. Du hast Dich gar nicht! m schälnen, daß Dll ein Jude bist; welln Tn Dich beffen schämst, j nenn Dll Dich selbst für gemein hältst, weil Du ein Jude bist,! an, wie kannst Du dann Deiner Vaterstadt von Nutzell sein, wie j mimst Du sie lieb haben?"! Er verschnaufte sich nnb stellte sich wieder vor den Jullgell hin.; aetzt aber blickte er auf sein erschrecktes Gesicht mit einer gewissen i Nührung. Er legte ihm die Halld allfs Haupt und sprach mit! Nachdruck:! „(Sin braver Jude zu fein, ist eine schöne Sache. Dessell sei!?u eillgedenk! Jetzt Jeme, damit Du nicht dunun bleiben sollst, ich i lverde Dir eine alldere Mütze kallfen, Dn brauchst deshalb nicht zll! greinen, denn das ist auch eine Dunlmheit." Der Kleine küßte die Hand des Großvaters nnb ging zn seinen Büchern. Der alte Buchbillder war von bem Vorfall noch mehr gerührt, als er dem Kinde zeigen wollte. Er ging lallge im Zimmer 'umher, eine begonllene dringende Arbeit llicht beendend und in jeben!) Ein polnischer Gulden gleich eine halbe Mark. Winkel spuckend, als hätte er Galle geschlilcki. Er tonnte diese Bitterteil auch in der Nacht nicht verdauen; des Tags darauf stand er auf, | noch mehr gebeugt uub geackert wie gewöhnlich. Als der Bursche den Tornisterrielnen nmschnallend, sich auf den Weg in die Schule lliachte, ging der Alte ans Feilster nnb schallte ihm Umße und unruhig nach. Diese Unruhe verließ ihn selbst bei der Arbeit nicht. Unter bem Einfluß irgendeiner Aufregung stopfte er öfter als gewöhnlich die Pfeife, ging ans Feilster und schaute mißtrallisch in das ihm so gut, so lange bekannte Güßchen hillalls. Uub wahrscheinlich in Folge dieser Gereiztheit erschienen ihm der Verkehr, die Stimmen und die Pulsschläge in bcmfelben hellte anders als sonst. Als aber der Kleine gutgelaunt ans der Schllle heimkehrte, bemt er hatte eine gute Censur befommen, und sich der neueil Mütze, lvelche ihm bis zll den Augen reichte, frente, vergaß der Alte seiner Phantasien, nnb sei es, um sich Muth zuzllsprechell, oder um das Kind zll erfreuen, pfiff er bei der Arbeit wie in feinen jungen Jahreil. Nachmittag tarn der moschllsriechende Schreiber, um seine Aktenstücke gelaufen. „Was hört man Neues?" frug er. „Alles zam Guten, behüte Gott vor Schlechtem," ewiederte Mendel. „Es heißt, daß inan die Juden schlagen ivill?" marf der Konzipient mit einem blöden Lächeln Hill- „Nil, wenn es heißt schlagen, soll mau schlagen," antwortete Mendel, den Eilldrllck, welchen die Worte auf ihn übten, llicht zeigend. „Und wer soll sie schlagen? Die Behörde?" „Ach wo die Behörde," lachte der kleine Schreiber. „Nu, wenn llicht die Behörde, bann sei Gott Dank," sagte Melidel. Beide lachtell. Der jllllge Konzipient blöde, ber Tsube mit einem erzwungenen Lachen. Er war böse, daß dieses Gespräch in Gegenwart des Kindes ftatifanb. Er schallte auf den Knalnn unter seinen hervorstehenden Brallell hervor. Der haftete seine großen Augell auf beit Schreiber, und erst als dieser fort war, senkte er seinen düstern breilnenden Blick aufs Bllch. Der alte Mendel begann zu Pfeifeil, als hätte er das llicht beinerkt, aber dieses Pfeifen hatte etwas von denn Pfiff einer von einer schweren Last zusammengepreßten Brust, die Melodie umrbe leiser, dumpfer, schläfriger, bis sie knisterild oder stöhnend aufhörte. Es dämmerte bereits im Zimmer, als sich der dicke Uhrmacher in stillem aschgrauen Oberrock, den er um diese Zeit stets zll tragen Pflegte, durch die niedrige Thür hilleillzlvällgte. „Haben Sie scholl das Nerleste gehört?" frllg er, aln Tisch, all welchem der Kleine lernte, Platz nehmelld. „Nu," erwiederte Mendel, „was kümmern nlich Neuigkeiten? Sind sie gllt, bann werden sie es auch danil fein, wenn sie bereits aufgehört haben werdell, neu zll sein. Sind sie aber schlecht, wozu soll ich sie anhören?" „Es scheillt, als tuenn es gegen die Jlldeil losgehell lvird," sprach der fette Uhrmacher, feinen Fuß in einem Halbschuh mit glänzender Stahlschnalle schaukelnd. Ter alte Melidel blinzelte einigemal llervös uub ein Zucken flog um seinen Mlllld. Bald aber faßte er sich, lind ben Tou einer jovialen Glltinüthigkeit annehmend, sprach er: „Juden? was für Jlldeil? Wellll es gegen solche geht, die Diebe sind, die die Leute verkürzell, auf der Landstraße rauben, den Arlllen die Haut abziehen, warulil llicht? Ich selbst werde mitgehen und schlagen!" „Aber nein," lachte der Uhrnlacher. „gegerl sämmtliche Inden." In Mendels gralien Augell zuckte etlvas wie ein Blitz. Er beimpfte ihn aber mit halbgesenkten Allgenlidern nnb fragte dem Anscheine nach gleichgiltig: „Und warum soll man alle Inden schlagell?,,