Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1892)
- Date
- 1892-03-18
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 140 welche feine Stammesgenosscn iit Frankfurt zu erdulden Hutten, > beredten Ansdruck verliehen. Sv vft sich ihm die Gelegenheit darbietet, kviiimt er auf die Emanzipation der Frankfurter Juden und den Judenhaß der Frankfurter Bürger zu sprechen. Auch in der „Harzreise" bringt ihn ein junger Kaufmann, „ein langes Brechpulver in braunem Oberrock", der neben ihm ein Zimmer bezogen hatte, auf dieses Thema, indem er ein Gespräch mit ihm anknüpfte. „Er war ein Frankfurt-am- Mainer" und folglich sprach er von den Juden, die alles Gefühl für das Schöne und Edle verloren haben und englische Maaren 25 pCt. unter dem Fabrikpreise verkaufen, und er schloß mit der Bemerkung: Die Empfindung ist doch das schönste Gefühl! Als Heine in seiner Benrtheilung des Shylock in Shatespeare's „Mädchen und Frauen" wieder auf den Haß des Bolkes gegen die Juden zu sprechen kam, da zitirt er einen Privatbrief, den er aus Frankfurt a. M. erhalten und der über diese damals so wichtige Frage in eingehender und klarer Weise sich ausspricht. Dort heißt es: „Hier in Frankfurt z. B. dürfen jährlich nur zwanzig Bekenner des mosaischen Glaubens heirathen, damit ihre Population nicht zunehme und den christlichen Handelsleuten eine allzu starke Konkurrenz erzeuge. Hier tritt der wirkliche Grund des Judenhasses mit seinem wahren Gesicht hervor und dieses Gesicht trägt keine düster-fanatische Mönchsmiene, sondern die schlaffen aufgeklärten Züge eines Krämers, der sich ängstigt, in Handel und Wandel von dem israelitischen Geschäftsgeist überflügelt zu werden." „Sehen Sie", so schließt dieser Brief aris Frankfurt, „in der Weltgeschichte hat Jeder Recht, sowohl der Hammer, als der Amboß." Es wäre interessant, den Schreiber dieses Briefes zu errathen; in dem jüdischen Lager Frankfurts wird man ihn wohl kaum suchen dürfen, aber sollte nicht Karl Gutzkow der Autor sein, mit dem Heine ja damals noch in freiiudschaftlichem Berkehr und Briefwechsel gestanden und dessen Meinungen in demselben zum Anstrag kommen? Zwölf Jahre nach feiner ersten Reise nach dem Millionenglück des Kaufmanns kam Heine abermals nach Frankfurt. Diesmal allerdings nur auf drei Tage, aber wie hatte sich die Situation auch inzwischen geändert, welche Wandlungen hatte Heine selbst durchgemacht! AuS dem jungen Kaufmannslehrling war ein großer und berühmter Dichter geworden, dessen Name bereits genannt wurde, wenn man die Besten im Lande nannte. Bereits war das „Buch der Lieder" erschiene» und hatte im Sturm dem Dichter die Herzen der Jugend erobert. Auch der erste und zweite Band der „Reisebilder" waren bereits herausgekommen und hatten den Namen Heinrich Heine's als den eines muthvollen Borkämpfers der Freiheit, als den eines scharfen und entschiedenen Gegners der Reaktion in ganz Deutschland gekannt und gefürchtet gemacht. Heine war eben aus London zurückgekommen und folgte einem ehrenvollen Rufe des angesehensten damaligen Berlegers, des Freiherr» von Cotta, nach München, um dort die Redaktion der „Neuen politischen Annalen" zu übernehmen und dieselben zu einem angesehenen politischen Organ z» machen. Drei Tage lang ließ er sich in Frankfurt festhalten, und zwar war es diesmal einzig und allein „der Doktor Börne, der gegen die Komödianten schrieb", der ihn sesthielt. Schon in Berlin hatten ihm Rahel und Barnhage» von Ense von ihrem Lieblingsschriftsteller Börne erzählt, so daß Heine gern die Gelegenheit ergriff, ihm in Frankfurt einen Besuch abzustatten. Allerdings gelang ihm dies, wie er selbst erzählt, nicht ohne vieles llmherfragen und viel Suchen. Ueberall, wo er sich nach Börne erkundigte, sah man ihn ganz befremdet an und mau schien diesen in seinem Geburtsorte entweder wenig zu kennen oder sich doch nur wenig um ihn zu bekümmern. Endlich fand er ihn in dem Hanse seines BaterS, welches damals in der Bornheimerstraße N'r. l-'G lag. Die Bekanntschaft war bald gemacht, und der Ton zwischen den beiden, damals noch für dieselben Ideale und Ziele kämpfenden Schriftstellern wurde bald ein vertraulicher. Ihre Konversation begann mit Cotta und Campe. Heine sagt: „Wenn Köchinnen znsaminenkoiumen, sprechen sie von ihrer Herrschaft, und wenn deutsche Schriftsteller Zusammenkommen, sprechen sie von ihren Verlegern." Heine empfahl ihm Julius Campe und veranlaßte Börne, der damals mit der Idee einer Herausgabe seiner sämmtlichen Schriften schwanger ging, nach Hamburg zu reisen und sich mit dem Verleger der „Reisebilder" über diesen Plan zu verständigen. Nachdem die Verleger abgethan waren, begannen die tvechselseitigen Komplimente und Geständnisse. Heine kannte Alles von Börne und Börne das Wichtigste von Heine. Mit einer Ausführlichkeit, die nichts zu tvünschen übrig läßt, hat Heine in dem bekannten Buche über Börne alle Gespräche mitgethcilt, die sie in jenen drei Tagen geführt haben. Er müßte das Gedächtnis; eines Dase gehabt haben, tvollte er wirklich nach zwölf Jahren alle jene Gespräche so wortgetreu in der Erinnerung behalten habe», wie er behauptet. Ja, man könnte fast sagen, das; drei Tage gar nicht ansgereicht Hütten, um so viele und eingehende Gespräche zu führen, tvie sie Heine uns mittheilt. Mau kau» sogar noch mehr behaupten und ruhig Alles, was Heine Börne in den Mund legt, ihm'selbst zuschreiben und Börue's Antworten ans Heines Konto setzen, und man wird bei einer solchen Rollenvertauschung kaum einem der beiden Männer wirklich Unrecht thn». „Mit drolliger Güte," wie Heine erzählt, nahm ihm Börne das Versprechen ab, ihm drei Tage seines Lebens zu schenken; ja, er ließ ihn gar nicht von sich, er mußte mit ihm in der Stadt hernmlanfen, allerlei Freunde und Freundinnen besuchen. Sie gingen am ersten Abend des Chanukafestes durch die Judengasse und gedachten der großen weltgeschichtlichen Tragödie ihres Volkes. Die Wanderung führte sie durch das Weichbild der Stadt und natürlich auch durch die große Eschenheimergasse, wo der Bundestag damals seine Sitzungen abhielt, und sie gedachten des Elends des deutschen Volkes. Sie gingen an der Börse vorüber, „wo die goldene Ader der Stadt" fließt. Und hier gedachten sie der sozialen Frage, indem sie das Ueberwiegen der Geldmächte beklagten; und als sie über de» Römerberg kämen, führte Börne Heine zur alten Kaiserburg, um ihm dort die goldene Bulle zu zeigen. Bei einem von Börnes Freunden, bei seinem Arzte, Dr. Stiebet, speisten sie am Sonnabend zu Mittag, weil derselbe „in getreirer Behnrrniß au jüdischen Gebräuchen", ihnen die berühmte Schaletspeise vorsetzen wollte, die Heine in seinem „Romauzero" später so wundervoll besungen hat. Börne versicherte ihm, das; die Abtrünnigen, welche die Taufe angenommen, nur den Schalet zu riechen brauchten, um ein gewisses Heimweh nach der Synagoge zu empfinden, daß der Schalet also, sozusagen, der Kuhreigen der Juden sei. Auch nach Bornheim fuhren Beide miteinander am Sonnabend hinaus, „um dort Kaffee zu trinken und die Töchter Israels zu betrachten ... es waren schöne Mädchen und rochen nach Schalet, allerliebst. Börne zwinkerte mit den Augen. In diesem geheimnißvollen Zwinkern, in diesem misicheren, lüsternen Zwinkern, das sich vor der inneren Stimme fürchtet, lag der ganze Unterschied der Gefühlsweise. Börne nämlich, wenn auch in seinen Gedanken noch fest, war in seinen Gefühlen ein Sklave der nazarenischen Abstinenz." Daß sich aber daneben Heine selbst für einen Hellenen hielt, war wohl der größte Jrrthum seines Lebens. Die drei Tage, welche Heine in Frankfurt in Börue's Gesellschaft zugebracht, verflossen in fast idyllischer Friedsamkeit. „Hüten Sie sich, in München mit den Pfaffen zu kollidiren!" waren die