Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Berlin, o. März. Am nächsten Donnerstag den 10. März hält der amerikanische Schriftsteller Mr. A. Lewis Gill in aus Moskau einen Vortrag über „Russische Dissonanzen" im Saale der „Gesellschaft der freunde". Das Thema bezieht sich natürlich zunächst auf die russische Audenfrage. Ter Vortrag dürfte daher allgemeines Interesse erregen. * Berlin, 4. März. Dre Petilionskommission des Reichstages war gestern mit einigen Petitionen der sogenannten deutsch-sozialen <'Antis emilen->'Vereine ans Elberfeld rmd Bielefeld beschäftigt. Ter erstgenannte Verein hat mit seiner Petition in der That den Vogel abgeschossen, indem er beantragte, der Reichstag wolle veranlassen, daß: 1. der Talmud von einer amtlichen zn diesem Zwecke eiuzuberufenden Kommission übersetzt werde: 2. diese Uebersetzung von Amtswegen sännntlichen deutschen Richtern zugesandt werde: 3. bei der Rechtsprechung über Anden die .Kenntnis; der einschlägigen Talmudlehrcn bei jedem Richter vorausgesetzt werde; 4. ^Lichtberücksichtigung des Talmud zu einem Revisionsgrnnd gemacht werde, und ä. Kenntniß der Grundlehren des Talumd bei den juristischen Staatsprüfungen verlangt werde. Die zweite Petition forderte aus 'Anlas; der Prozesse gegen den Schriftsteller Morris de Jonge eine Blenderung der gesetzlichen Bestimmungen bezüglich der Wlöglichleit einer vorläufigen Unterbringung in Privatanstalten für Arrsinnige. Beide Petitionen hat die Kommission für ungeeignet gur Berathung im Plenum erklärt. Während dieser Beschlus; bezüglich der zweiten Petition nach dem Einträge beider Berichterstatter fast einstimmig gefaßt worden ist, weil die Bittsteller sich nicht einmal die Mühe gegeben hatten, das Material, das sie in dem Prozeß Morris de Aonge selbst zur Begründung ihres 'Antrags gefunden haben wollen, dem Reichstage zu unterbreiten, hatte betreffs der ersten Petition der Referent, der konservative Abg. v. Iagow-Potsdam, die Sache für würdig gehalten, die -Zuziehung eines Vertreters des Reichsjustizamts zur Berathung der 'Angelegenheit zu fordern. Als solcher war der Geh. Dber-Reg.-Rath v. Lenthe erschienen, der freilich meinte, er habe von der Petition den Gilidruck empfangen, als habe der petitionirende Verein sich mit dem Reichstage einen schlechten Witz machen wollen. Der Regierungs- Kommissar bestritt, das; irgend ein Grund, im Sinne der Petition etwas zu veranlassen, vorliege, da im Gebiete des göttlichen oder weltlichen Rechts in Deutschland von irgend einer rechtlichen Geltung des Talniud gar keine Rede sei. Derselbe sei übrigens scholl übersetzt und enthalte neben vielem 'Andern eine Sammlung von Sittlichkeitsregeln, von welchen nur in Bezug auf das Recht jüdischer Ehegatten gegen einander die Gesetzgebung des Königreichs Württemberg eine gewisse Berücksichtigung zutasse. Rur Unkenntnis; könne einen Vergleich zwischen der Geltung des <-ori>!is juris canonici und derjenigen des Talmuds ziehen. Da überdies die Elberfelder Bittsteller sich jeder Begründung ihres Begehrens enthalten hatten, fand ihre Petition die gleiche Behandltlug wie diejenige des Bielefelder Vereins. j Berlin, J. März. Eine nette Probe j u d e n h e 1; e r i f ch e r! Kampfes weise tonnen wir unseren Lesern wieder einlnal vorsetzen. > Das im Sinne des Herrn Stöcker sehr fromme und diesem entlassenen! Hofprediger auch sehr nahestehende Blatt „Volk" in Berlin brachte ' folgende Roliz: „In Bahn starb am 0. d. Rä der All de Hirschberg, lvetcher, beiläufig gesagt, ein Vermögen von 100,000 THalern hinterlassen hat. Die Audenschaft der Stadt Bahn war in Verlegenheit gerathen lim einen anständigen Leichenwagen. Der Hirschverg sollte nobel beerdigt werden: der weise Rath der Stadt Bahll hals ans. Es wurde vom Bürgermeister bestimmt, den Leichenwagen der evangelischen Gemeinde Herzugebell: dieser hatte aber vorn ein Kreuz mit der Anschrift „Die letzte Ehre", meiner 'Ansicht nach Worte, woran sich Niemand zu stoßen brauchte. Trotzdem aber mußte dieses Kreuz nbgenommen werden , nicht ohne Schlvierigkeilen>, kleinere Krenzchen am Wagen wurden mit schwarzen; Stoff bewickelt, damit dieselben nicht gesehen werden tonnten. Aetzt erst war der Wagen würdig, Hirschbergs Leichnam aufzunehmen. Bahil hat einen Superintendenten nnb einen Prediger." All dieser Notiz erhält der „Bahner Anzeiger", das amtliche Drgan der Polizeiverwaltung llnd der gesaulmten städtischen Behörden, folgende Zuschrift des Bürgeruleisters Spies, die so bezeichnend für jenes antisenlitische Gebühren des Blattes „Volk" ist, daß wir sie hier, wie folgt, abdrucken: „Ter bei der Beerdigung des Herrn Hirschberg benutzte Leichenwagen ist nicht Eigenthum der evangelischen Kirchengemeinde, sondern Eigenthum der politischen Stadtgemeinde, und haben demnach auf ihn auch Anspruch diejenigell Einwohner hiesiger Stadt, die jüdischen Glaubetts sind, iv. diese, was eigentlich einer besonderen Hervorhebung llicht mehr bedürfte, ebenso zum.Kreise der politischen Gemeinde gehören wie die allders j gläubigen Einwohner der Stadt. Am bezeichnendsten für den Bericht! ist dessen letzter Satz. Es erscheint überflüssig, auf die Unrichtigkeiten des Berichts, soweit dieser das Vermögen des Hirschberg mrd die an geblichen Schwierigkeiten bei der Abnahme des Kreuzes betrifft, eingehen. jedoch bedarf der letzte Satz des Berichts der Erlällterllug. Die zm Aeit ulld seit vielen Jahren arntirenden beiden Geistlichen, Herr Super intelldent Müller ulld Herr Prediger Steinbruck, haben den Z-riedei zwischen den verschiedengläubigen Einwohnern tlnserer Stadt (nnb doc! lmr zu deren Vortheil!) allfrecht erhalten, was beiden Herren nicht hock genug angerechnet werden fmm und ihnen allseitige Verehrnllg in hohen Grade erworben hat. Um so ungehöriger ist des Berichts letzter Sah. der, was keinem Zweifel unterliegen kann, einen Vorwurf involviren soll inrd allein den Bericht zu dem stempelt, was dieser sein soll mrd ist, zu einem — Hetzberichte." * Berlin, 5. März. Das Ende, welches die Aührer der 'Ant i sem i ten zu nehmen pflegen, ist geeignet, die Erbitterung gegen dieselben in ein tiefes Mitleid umzuwandeln. So ist jetzt der Schriftsteller Stic G lag au gestorben. Rach dem großen Krach im Jahre 1873 machte a sich durch eine Reihe von 'Artikeln bekannt, die namentlich in dei „Gartenlaube" erschienen, in welchen er Wahres und falsches über bei Berliner Grüudungsschwindel zusammemnischte. Als sich Glagau dam auch noch in den Antisemitismus verrannte und eine Reihe namhafte; Männer fälschlich unsauberer Gründungen und Schwindelgeschäft beschuldigte, brach die „Gartenlaube" die 'Artikel ab und Glagau ließ du Artikel als besonderes Buch erscheinen, das ihn mehrfach mit bei Gerichten in unliebsame Konflikte brachte. Zrüher war Glagau nur aulitterarischem Gebiete thätig gewesen. Durch unglückliche Börsen spekulationen büßte er daun aber seine mühsam erworbenen Ersparnissein. Daher schrieb sich sein Haß gegen die Börse, zn dem sich dann ancl noch der Antisemitismus gesellte, und es ist ihm niemals gelungen, bitrcl ruhige, stetige Arbeit den inneren Arieden wieder zu gewinnen Mit sich und der Welt verfallen, führte er seitdem ein freudloses i Dasein. Breslau, 20. Aebruar. Heute wurden die sterblichen Reste des Sberkantors der hiesigen jüdischen Gemeinde, Rio ritz Deutsch, zur I letzten Ruhestätte gebracht. Am L<>. Dezember 1318 zu Mkolsburg in! Mähren geboren, widmete sich der Verstorbene anfänglich dem Studium der jüdischen Theologie, gab dieses jedoch aus, um sich in musikalischei Richtung am Wiener Konservatorium auszubilden. Mit 23 Jahren wurde er 1842 als zweiter .Kantor der Wiener Gemeinde angestelll Seiner vier Jahre später erfolgten Berufung nach Breslau wollte die Regierung nicht die Genehmigung ertheilen, weil D. Ausländer war Doch gelang es der Verwendung des . damaligen Oberpräsidentei v. Wed eil, ihm wenigstens die widerrufliche Erlaubnis zum einst weiligen Aufenthalte zu erwirken. Erst nach dem Aahre 1848 erreichter seine 'Aufnahme in den preußischen Uuterthanenverband. Aus bei Schule des berühmten Sulzer hervorgegaugen, hatte der Verstorben', dort die 'Anforderungen der neueren -Zeit kennen zu lernen Gelegenheit und war daher sehr gut dazu geeignet, der s. Z. vom Rabbine- Dr. 'Abraham Geiger begonnenen Reform des jüdischen Gottesdienste', die nöthige musikalische Förderung zu gewähren. Rur wer ihn selbst gehört, kann den unwiderstehlichen Aanber schildern und empfinden, bei sein, von Ueberladuttg freier, innigst empfundener Gesang auf die Herzen der Hörer ausübte. Dabei war es ihm, dem treuen Schüler seines Meisters, den er selbst nahezu erreicht hat, ganz besonders darum zr thun, die alten traditionellen Snnagogenmelodien zu erhalten, aber zu gleich auch von den Schlacken zu befreien, die sich ihnen im Laufe de Aeit angeheftet hatten. D. sollte, wie er selbst erzählte, s. Z. eü Engagement an die Pariser Oper erhalten haben — soweit war dev Ruf seiner Kunst und seiner herrlichen Stimme gedrungen, aber sein, überaus kleine Statur eignete sich durchaus nicht für das Auftreten hip der Bühne. — Seine musikalischen Schöpfungen „Borbeterschule" „Synagogen- und Schullieder", „Orgelprüludien" und „Breslauer Synagogen-Gesänge" sind weit über die hiesige Gemeinde hinaus ver breitet, und gar viele Schüler, welche ihre Ausbildung in dem seiner