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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-11 · Heft 11 (11.3.1892) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 11 (11.3.1892)
Date
1892-03-11
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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128 Wirbelwinde getriebene Blätter in der Welt zerstreut hatten, um Brod zu suchen, die Kinder dieser Söhne, verschiedenen Kummer, Sorgen und Freude; und am längsten sieht er darin seine jüngste Tochter Lilie, die so früh verheirathet und so früh weggerafft wurde, welche ihm nur einen Enkel hinterließ. — Wenn der alte Mendel sein Pfeifchen anzündet, konnnt aus seinem Munde ein leises Brummen. In dem Maße, wie er raucht und wie ihm der blaugraue Rauch ferne Bilder und solche, die nie mehr wiederkehren werden, nahe bringt, wächst dieses Brummen, wird stärker iinb geht beinahe in ein Gestöhn über. Auch diese menschliche Seele hat ihren Kummer und Sehnsucht, welche er durch Arbeit betäubt. Unterdessen bringt die Nachbarin in einer Hand ein Töpfchen mit Snppe, in welcher Stückchen aufgeweichter Semmel schwimmen und in der zweiten einen großen Teller mit Fleisch und Genüise. Ter alte Mendel nimmt ihr das frugale Mittagsmahl ab; er ißt es aber nicht gleich, sondern stellt es auf den kleinen, eisernen Ofen mit) wartet. Dieses Warten dauert lange. Punkt zwei Uhr wird die Stubenthür lärmend, geräuschvoll geöffnet und in derselben erscheint ein kleiner Gymnasiast, in einem langen, zum Auswachsen bestimmten Oberrocke, auf dem Kopfe eine große, nach rückwärts geschobene Mütze und auf dem Rücken einen Tornister. Es ist dies ein ungefähr zehnjähriger Knabe, der von seiner Mutter, der jüngsten Tochter des alten Mendel, dunkelblonde, goldschimmernde Augen, lange und dichte Wimpern, und von seinem Großvater eine Adlernase und eine schmale, hohe Stirn geerbt hat. Von Natur zart und klein, erscheint er noch zarter und kleiner, wie er den Oberrock ablegt und in der bloßen, mit einem breiten Gurt umgürteten Schnlblouse stehen bleibt. Der alte Mendel ist wegen des Jungen in fortwährender Angst. Seine durchsichtige Gesichtsfarbe, sein öfteres Husten, die zarte Brust und die gebeugten Schultern erwecken des Großvaters unaufhörliche Sorgen. Er sucht deshalb für ihn die besten Stückchen Fleisch aus, legt ihm fortwährend auf seinem Teller vor, und wie der Junge schon gegessen hat, klopft er ihm auf die Schulter und muntert ihn auf, draußen im Hofraum mit den Kindern zu spielen. Der Kleine läßt sich äußerst selten dazu bereden. Er ist von den Lektionen, vom schweren Oberrocke, vom Sitzen in der Schule, vom Wege und vom Tragen des Tornisters ermüdet; er hat auch für morgen viele Arbeiten zu machen. Beim liehen schleppt er die Füße nach, und selbst dann, wenn er lächelt, schauen seine Augen melancholisch drein. Einige Minuten nach dem Mittagessen läßt sich der Kleine vor einem einfachen Tische aus Kiefernholz nieder, die Bücher und Hefte aus dem Tornister hervorholend, und der alte Mendel macht sich in seiner Wertstätte zu schaffen. Obwohl der Knabe sich still verhält und seine Lektionen mit halbleisem Flüstern wiederholend, nur hie und da mit seinem Stuhle schaukelt, so ist doch zu erkennen, daß den! alten Buchbinder etwas in der Arbeit stört. j Er wendet in einem fort den Kopf um, um auf den Burschen zu! schauen, und obwohl er den Kleister in seinen! Handbereiche hat, j geht er die Werkstelle von der Seite um, wenn er den Kleister benöthigt, um unterwegs des Enkels blasse, durchsichtige Wange zu kneifen oder sein knrzgejchnittenes, reiches und dunkles Haar zu streicheln. Der Junge muß an diese Liebkosungen gewöhnt sein, denn er unterbricht weder sein eifriges Lispeln, noch sein Schaukeln mit dem Stuhle. Ter alte Buchbinder ist aber auch damit ganz zufrieden, und das Schlürfen seiner Pantoffeln dämpfend, kehrt er au den Fußspitzen zur Werkstelle zurück. Freitag gegen Abend ändert sich die Szene; der Kleine lernt beim Fenster, sich nur mühselig auf dem Stuhle schaukelnd, ohne weit ausholen zu können, und auf den mit einer Serviette bedeckten Tisch stellt die Nachbarin Fische, Makkaroni und eine soeben vom Bäcker gebrachte, schön geröstete Ente. Ein wunderlich geformter Leuchter ans Zinn erhellt festlich und feierlich die Stube. Der alte Mendel hat eine etwas bereits abgenutzte, aber noch schöne, schwarze ,/Schubiza" angezogen, die in der Taille von einem breiten Gürtel umschlungen ist, und er steckt mit Vorliebe seine abgearbeiteten Hände in dieselbe. Seine grauen Haare werden von einer Pelzmütze, „Streimerl" genannt, bedeckt, und das Knistern seiner neuen Stiefel mit hohen Schäften erfüllt das Gemach wie mit einem freudigen Säuseln. Nachdem am Tisch Alles angerichtet ist, wäscht sich der Junge, kämmt das feine, dünne Haar; mit frischem Kragen und Manschetten und seine Hände nach rückwärts faltend, steht er ernst und gerade, während der Großvater dem Schranke ein Gebetbuch entnimmt. Nach einer Weile ertönt ein summender, betender Gesang des alten Juden; seine Stimme macht alle Tonfälle durch und geht dann in ein Stöhnen und Lamentiren über, in leidenschaftliche, flehende, schluchzende Laute. Unter dem Einflüsse dieses Gesanges verspürt der kleine Gymnasiast einen Nervenschauer, sein blasses Gesicht wird noch blässer, seine großen Augen erweitern sich bald übermäßig, bald schließen sie sich und füllen sich mit Thränen; wie bezaubert starrt er den Großvater an und ein krampfhaftes Gähnen öffnet ihm den Mund. Zum Glück schließt der Großvater das alte Gebetbuch bald wieder und beginnt die Sabbathmahlzeit mit einer Benediktion. Einst hatte es sich im Sommer ereignet, daß die Jungen vom Schlosser Kolsdziejski und vom Schuhmacher Pocieszki sich vor dem offenen Fenster des alten Buchbinders versammelten und in die sabbathlich beleuchtete Stube hineingnckend das Gebet bespöttelten und dumme Witze machten. In diesem Moment aber ging ein alter Pfarrer vorüber und flüchtig ins Fenster blickend und den alten Juden gewahr werdend, der mit solch einer Inbrunst auf seine Weise zu Gott betete, lüftete er den Hut. Diese Szene war stumm und doch überaus beredt. Die Burschen verschwanden wie von einem Wirbelwind weggefegt, und es kam nicht mehr vor, daß die Ruhe dieser armen Stube gestört werden sollte. Erst vorgestern . . . Streng genommen war auch vorgestern nichts passirt. Nur der Kleine war aus der Schule heimgekehrt, keuchend wie ein gehetzter Hase. Im ersten Moment konnte er nicht sprechen; erst nach langen Nachforschungen gestand er, daß irgend ein abgerissener Kerl ihm „Jud', Jud'" nachgeschrieen habe, er lies also davon, verlor die Mütze und wagte es nicht, um dieselbe zurück zukehren. (Fortsetzung folgt.) O Moses Mendelssohn und die Frauen. Von Dr. Adolph Kohnt. (Fortsetzung/» Das; Froniet Gnggenheil» eine gebildete Dame war und für die philosophische» Ideen ihres Bräutigams ei» kongeniales Ber. ständniß besaß, beweisen schon die Zuschriften ihres Verlobten. Sie begeisterte ihn sogar zu Gedichten! In das Exemplar seiner philosophischen Schriften — Berlin, 2 Bände, 1761 — welches er ihr sandte, schrieb er Gedichte auf sie ein, „schlechte Poesie", wie er sich ansdrückte — aber für sie die herrlichsten Lieder, welche je ein Mensch gesungen! Vor einigen Jahren hat Dr. Adolf Jellinek einen weder in der Kahserlingschen Mendelssohn-Biographie noch in den gesammelten Schriften des „modernen Sokrates" enthaltenen Brief des Letztere» an Fromet Gnggenheim veröffentlicht. Auch in diesem Schreiben, zeigt sich der neckische Humor und die Frohlanne des edlen Weisen

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