Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Und da sind wir wieder beim Kaddisch-Gebet, das nichts Anderes als „D’Ssk riD-Q" als Lob und Preis des „trauernden Israel" ist, angelangt, beim Kaddisch, das wir uns nun dom geschichtlichen und sprachliche» Gesichtspunkte aus näher besehen wollen. FEUILLETON Mendel Aanziger?) Von Maria Konopnicka. Seit gestern herrscht Unruhe im Güßchen. Der alte Mendel wundert sich mit) stopft öfter als gewöhnlich seine kurze Pfeife, zum Fenster hinausschauend. Er hat diese Leute hier nie gesehen. Wohin gehen sie? Wozu schließen sie sich den Arbeitern an, welche für das neue Haus des Zwirnfabrikanten Greulich Fundamente graben? Woher komme solch zerlumpte, halbwüchsige Burschen? Warum schauen ne so in die Hauser hinein? Woher haben sie Geld, daß sie zu Fünfen i u die Schanke gehen? Ter alte Mendel schüttelt sein Haupt, seine kleine, stark ausgebogene, kirschbraune Pfeifenröhre schmauchend. Er kennt dieses äille Güßchen, seine Physiognomie und seinen Berkehr so gut. Er weiß, um welche Stunde und von welchem Winkel die Sonne an einem heitern Tage hervorlugt; wie viel Kinder frühmorgens vorüberlaufen ins Kinderasyl oder in die Schule trippeln, wie viel verwelkte Mädchen in dunklen Tüchern, in der Hand ein kleines Kochgeschirr. 311 Dreien, zu Vieren vorübergehen, sich nach der vigarrenfabrik begeben; wieviel Frauen aufdem alten, ausgetretenen Trottoir mit ihren Körben stehen bleiben, sich das eingekaufte Gemüse zeigend und sich darüber beklagend, daß Eier, Fleisch und Butter so theuer seien; wie viel Tagelöhner in ihren Holzschuhen 'schweren, schleppenden Trittes über den Fahrweg dahinschreiten, in der Hand ein Schaff, eine Kelle, ein Seil, eine Hacke oder eine Säge iragend. Ja, er weiß sogar vielleicht auch, wie viel Sperlinge im Gesimse des alten Brauhauses, dessen hoher, schwarzer Schlot das ganze Güßchen beherrscht, nisten — und wie viel in den Zweigen des tränklichen, nebenan wachsenden Pappelbanmes hausen, welcher weder üraft zum Leben, noch Lust zum Sterben hat, und so halb verlrocknel, mit verwittertem Stamm, dem im Friihling etwas blasse Vegetation cutsprießt, dasteht. Er, der alte Mendel, vermöchte vielleicht, ohne gun Fenster hinauszublicken, zu hören, ob der Hausmeister Paul die Gasse mit seinem alten oder dem neuen Besen ausfegt. Und warum sollte Mendel Danziger all dies nicht wissen, da er 'chon siebenundzwanzig Jahre in derselben Stube, an demselben Fenster seine Buchbinder-Werkstütte hat, vor derselben über ein Bierteljahrhundert in feiner Lederschürze steht, und fortwährend seine dürre, muskulöse, jetzt bereits etwas zitternde Hand die Holzschraube der Presse zudrückt und sein Blick unter seinen dichten, herunterliängenden, grauen Augenbrauen ins Güßchen schweift, welches ') Autorisirte Uebersehung aus dem Polnischen von S. Horowitz. inmitten der großen Stadt eine isolirte, in sich abgeschlossene Welt bildet. Die kleinen Geheimnisse dieser Welt kennt Mendel durch und durch. Er weiß, wann der Husten des alten Archivars, der ihm dicke, staubbedeckte Folianten, dumpfige Papiere zum Einbinden bringt, stärker oder schwächer wird; er weiß, wie die Pomade des Herrn Schreibers, für welchen er die Akten seines Advokaten zusammennäht, riecht: er weiß, wann das Stubenmädchen der Frau Rächin kommen wird, daß er einen Lorbeerkranz mit Gratulation, auf welcher ein vergoldeter Engel sich entblößt und einen Kavalier mit einem Rosenbouquet in der Hand zeigt, „schön hiuter's Glas" setze; er weiß, von welcher Seite die Pensionärin ganz außer Athem hereingerannt kommen wird, daß er ihre auf Briefpapier abgeschriebeneu Gedichte „Man und mit goldenen Schniiren" einbinden möge. Er weiß Alles. Alles, was man rechts lirtb links mit einem grauen, scharfen Auge sehen und rechts und links mit dem Ohr hören kann, und schließlich, worüber man in den langen Stunden, während man mit dem Buchbinderhammer klopft, große Bogen Papier glättet und beschneidet, Leim siedet und Farben mischt, Nachdenken kann. Und auch ihn kennen Alle. Ein fremder Mensch läßt sich selten Mieten; jeder ist wie ein Hausgenosse. Ter alte kahlköpfige Uhrmacher von gegenüber ruft im Sommer durch's offene Fenster „guten Morgen" hinüber und erkundigt sich nach Bismarck; der schwindsüchtige Seiler befestigt an feiner Thürtlinke seine langen Hanfschnüre, die er keuchend im schmalen, halbdunklen Hausflur dreht; der hagere Student mit Säbelbeinen von der Frontseite steckt in der Abenddämmerung den auf einem hohen, dünnen Halse ruhenden Kopf in seine Thür und leiht sich von ihm ein Talglicht, welches er gleich zurückgeben, „nachdem er nur noch ein Stiindchen geschrieben haben wird". Durch's offene Fenster reicht ihm die Krambudenbesitzeriu manchmal einen schwarzen Rettig, zum Austausche dafür, daß er ihren Knaben kolorirte Papierschnitzel giebt, aits welchen sie sich Luftballons verfertigen, die in der ganzen Gasse eine Berühmtheit erlangt haben. Das Söhnchen des Hauswirthes sitzt bei ihm stundenlang, auf einen freien Moment wartend, lvanu ihm Mendel Pappendeckel geben wird, damit er seine aus einem Bogen Papier herausgeschnitteneu Soldaten ausklebe, und bewundert unterdessen die großen Ohren der Scheere, wiegt mit der Hand den Hammer und steckt die Nase in ben Topf mit Kleister, ihn beinahe probirend. All dies bildet eine warme, vertraute Atmosphäre, eine Atmosphäre des gegenseitigen Wohlwollens. Ter alte Mendel muß sich darin wohl befinden. Und trotz seiner siebenundsechzig Jahre ist er noch riistig. Auf seinem typischen, unter Anstrengungen verblühten Gesicht prägen sich Ruhe und Ernst aus. Seine Haare sind stark und sein langer Bart ganz grau. Die eingefallene Brust unter der Pique-Jockeuzer keucht zwar oft und der gekrümmte Rücken will nie gerade werden, aber deshalb hat er sich gar nicht zu kränken, so lange nur die Füße und Allgen ihre Dienste nicht versagen, so lauge die Hüllde Kraft besitzell. Weml die Engbrüstigkeit ihn des Athems beraubt und im gekrümmten Rücken sich Kreuzschmerzen einftellen, stopft sich der alte Mendel seine kleine Pfeife mit Tabak aus der schwärzlichen, mit einem Schnürchen zugebulldenen Balgblase, unb rauchend ruht er ein Weilchen aus. Der Tabak ist nicht gerade fein; er giebt aber so einen schönen, blaugrauen Rauch, unb das schmeckt ihm. Dieser blaugraue Rauch besitzt noch die Eigenthümlichkeit, daß man in ihm verschiedene entfernte Dinge und solche, die längst nicht mehr vorhanden sind, sieht. Er sieht darin seine Frau Resel, mit welcher er dreißig Jahre lang so glücklich gelebt hatte, feine Söhne, welche sich lvie von einem