Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227943--48673-3269321- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
126 111. Wie groß die Unsicherherheit, lim nicht zu sogen die Verwirrung in Bezug auf die „Tröstungen und Segnungen" der Trouernden wnr, beweist, daß selbst ein Lippmann Heller (S. Tosefoth Joni Tob. Megilloh Per. 4. Mischnah 4) nicht weiß, was B’^EX '21N271 die „Tröstungen" bedeuten. Wenn diese Tröstungen nur einfache Trostivvrte ohne Benediktion mit dem Namen Gottes sein solle», tvaruin darf dieser Trost nur bei Anwesenheit von zehn Personen gesprochen werde»? Ist das Trösten nicht jedem Einzelnen gestattet, ja geboten? Also fragt Lippman Heller, und er kommt dort auf eine seltsame Idee, die kaum der Widerlegung bedarf.... Alle Schwierigkeiten fallen aber weg, wenn wir sagen — und das ist unsere Ansicht - das; die „Segnungen und Tröstungen" einen einzigen znsa mm eiihä n g en den Aktgebildet, an dem zwei Parteien partizipirten, die Trauernden und die Tröstenden, die „Segnungen" rührten nämlich von den Trauernden oder Leidtragenden, die Tröstungen wieder von -Freunden und Bekannten her. E’^EX n2“lE bedeutet den Segensspruch, den der Leidtragende selber ob des ihn getroffenen Unglücks sprach, denn nach dem Talmud (Berachoth 48 a) „muß man Gott für das Schlechte ebenso loben und Preisen wie für das Gute", und deshalb mußte der Leidtragende Gott loben und Preisen trotz des Unglücks, das ihn betroffen, mußte er bekennen lHpg D’EJI “Ilsen daß Gott gerecht und nur der Mensch selber schuld ist an dem Unglück, das ihn trifft. Diese Selbsterkenntnis;, diese Anerkennung der Gerechtigkeit Gottes heißt mit Rücksicht auf das damit verbundene Lobpreisen Gottes d,!?EX ’/Einjfi „Segnung der Leidtragenden ... Nachdem der „Trauernde" die Gerechtigkeit Gottes gepriesen und sich selber als den Schuldigen hingestellt, durch dessen Sündhaftigkeit über ihn das schwere Unglück wohlvergient hereingsbrochen, begannen die Freunde mit „B^EX mit Trost und Beschwichtigung. Nachdem der Trauernde sich selber gcdemüthigt und erniedrigt, suchten die Freunde ihn z» erheben, aufzurichtcn, ihm sein Selbstbewusstsein wieder zurückzngeben. Dieser bedeutungsvolle religiöse Akt in seiner Gänze, die Lobpreisung Gottes von Seiten der Trauernden, und die darauf folgende Tröstung von Seiteir der Tröstenden, erheischte nach der Mischnah die Anwesenheit von zehn Personen. Wie heute der Leidtragende bei seiner Rückkehr vom Grabe 1^!>"2 E’ttn "llStn „Gottes Walten ist tadellos", EHplT* Snsn1 «Groß und heilig sei sein Name" ruft, und die Umstehenden dem Trauernden „Gott tröste dich" zurufcu, sv war es auch damals üblich, das; sie die Leidtragenden zuerst durch E'Sex rü"C Gott gepriesen und die Umstehenden durch E'*?EK ■’E’inin die Trauernden getröstet Hagen. Eine stehende Formel für diese Segnungen gab es damals nicht, sic tvnrden den Bcrhälinissen entsprechend gestaltet: der Unkundige aber wurde durch andere „Kundige" vertreten. Die „Segnungen" der Trauernden währten volle sieben Tage (Kethuboth 8 b), während dieser Zeit mußte bei jeder Gelegenheit die Gerechtigkeit Gottes gepriesen werden. Aus einigen Erzählungen im Talmud tverden wir die Art unb Weise dieser „Segnungen" kennen lernen und uns zugleich iiberzeugen, wie wahr und richtig unsere Auffassung, daß den „Tröstungen" immer die Segnungen vorangeqangen, das; „ Birclioth Abeliin" und „Tanchume Abeliin" einen einzigen Akt gebildet und beides innig mit einander verbunden gewesen. - Auch beim „Tischgebet", lehrt R. Akiba, muß der Trauernde die Gerechtigkeit Gottes beurkunden, und zwar durch das Wort „MöNn j^n “J1TT" „Gelobt sei der bewährte Richter!" Ein anderer Lehrer fügte in seiner „Trauer" dem Tischgebete folgende Worte hinzu: Gepriesen sei der bewährte Gott, der bewährte Richter, er richtet mit Gerechtigkeit, er nimmt in Gerechtigkeit, den» alle seine Wege sind gerecht. Alles gehört ihm, wir sind sein Volk und seine Knechte, und für Alles müssen wir ihm danken und ihn preisen. (Berachoth 4«> Iis.Das gehört zweifelsohne in Bereich der „e^EK ms"n" «Segnungen der Leidtragenden" wie die Tosafisten (Kethuboth 8 b) richtig bemerken.... Daß aber den „Tröstungen" der Freunde stets die „Segnungen" resp. die Selbstanklage der „Trauernden" vorangegangen, beweisen mehrere Stellen im Talmud . . . Moed Katan 28 1> wird erzählt: R. Jsmael hatte das Unglück, seine beiden Söhne zu verlieren. Die Aeltesten, die Weisen Israels, R. Tarfon, R. Jose haglili, R. Eliezer ben Azarja, R. Akiba kommen, um ihn zu trösten. Wer spricht aber das erste Wort? der Leidtragende, R. Jsmael selber!! „Meine Sünden sind zahlreich, und deshalb meine Trauer so vielfach, und die Be-! lästigung meiner Lehrer durch mich so häufig", ruft der gottergebene! R. Jsmael, und darauf folgt erst die Tröstung von Seiten der vier großen Lehrer. Auch für die Tröstrmgen gab es keine stehende Formel, Jeder hielt seine Trostrede, so gut er es konnte. Geradezu klassisch ist ein uns erhaltenes Trostwort des Jehuda bar Nachmeni: „Ihr Tiefgebeugten, bedenket doch, das ist der unwandelbare Lauf der Welt, der Lauf seit den Schöpfungstagen, Viele haben bereits diesen Wermuthskelch geleert, und Viele werden ihn noch leeren. Wie das Mahl der Ersten, ist das Mahl der Letzten. O! Brüder! der Herr des Trostes wird euch trösten! Gepriesen sei der, der die Trauernden tröstet!" (Kethuboth 8 b). Hingegen wird die Art und Weise, wie die Babylonier zu trösten pflegten, arg getadelt. Die Tröstungen der Babylonier, sagt ein palästinensischer Lehrer, sind Gotteslästerungen. Der babylonische! Trost lautete in der Regel: „Was läßt sich da machen, ändern?" Aber; wenn sich etwas machen ließe, dann würdet ihr es anders inachen, anders, als Gott es will und macht, das ist Lästerung, ruft jener Lehrer voll Entrüstung. Jedenfalls gingen in der Regel den „Tröstungen" der Freunde die „Segnungen" der Leidtragenden voran, unb das war schon dadurch begründet, weil die Tröstenden, nach jüdischem Gesetze, überhaupt kein Wort sprechen durften, bevor der Trauernde gesprochen. (Moed Katan 28 b, Maimonid H. Abel. P. 18. 11. 8). Der Trauernde erössnete daher das Gespräch, indem er Gott pries und sich als den Schuldigen hinstellte, und darauf j folgte die Tröstung der Anderen .... Nur auf diesen; Wege verstehen wir eine Stelle im Talmud, die uns sonst absolut unbegreiflich wäre .... Kethuboth 8 1, wird erzählt: Einem Lehrer in Israel wurde ein Söhnchen durch die Hand des Todes entrissen. Ein Freund bringt dein trauernden Lehrer einen gewandten Redner in? Haus, damit er ihn tröste. Jehuda bar Nachineni — so hieß der Redner — leitet seine Trostrcde mit folgenden Worten ein: „Und der Ewige sah und verwarf gekränkt von seinen Söhnen und Töchtern" (ö. B. M. 82, 1!»), Eltern, die den Ewigen kränken, zürnt Gott, und Er j tödtet sie und rafft sie hinweg in der Blüthe der Jugend!" Ist das nicht unerhört? Man geht einen ungliicklichen Vater trösten und sagt ihm: Ja! du bist der Mörder deines Kindes, du hast Gott gekränkt und deshalb hat dir Gott entrissen, was dir lieb und theuer ist?! Soll das Trost sein? In Wahrheit aber war jener Redner von „Profession" (Metui-geinan) nur der Vertreter des trauernden Vaters. Der Vater hatte die Pflicht, die Gerechtigkeit Gottes zu preisen, und sich und seine Sünden als Ursache des Unglücks hinzustellen, der Vater hatte die Pflicht zu sagen: „Ich habe gewiß Gott gekränkt, und deshalb hat er mir mein Kind genommen", das ist ja Ziel und Zweck, Sinn und Bedeutung von „Lirelwtli Abelim", von den „Segnungen" der Trauernden; der Redner von Fach hat also den Vater nur vertreten und dessen Gefühle und Gedanken beredten Ausdruck verliehen. Nachdem inan so der Pflicht der „Segnungen" genügt, ging der Redner über zu den Tröstungen und schloß seine