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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-11 · Heft 11 (11.3.1892) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 11 (11.3.1892)
Date
1892-03-11
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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„Gazeta K olomyjska", die Polen seien schuld daran, indem sie die deutsche» Juden so lange im Lande duldeten. Daß solche Reden geführt werden können, ist traurig genug, Roch trauriger aber erscheint die Sachlage, wenn man sicht, wie ungenügend sich die jüdischen Blätter gegen derlei Insulte oertheidigen. Ria» erwartet männlichen Widerstand, würdiges, selbstbewußtes Eintreten für die eigenen Interessen, und man findet hier weibische Verzagtheit, ser- > vile Kriecherei. So versichert der „Israelit", das Organ des j Das Vereinsleben war im Laufe der Wintersaison sehr rege. Außer dem jüdisch-nationalen Verein „Zion", der allwöchentlich öffentliche Vorlesungen veranstaltet, wurden auch in den Vereine» ..Schomer Israel" und „Jad Charuziin" regelmäßig Vorlesungen abgehalten. Ich erwähne nur die vom bekannten Novellisten N. Sani ne lt) im Lokale des „Schomer Israel" gehaltene Vorlesung über die „Signatur der Zeit", ferner die im Handwerkerverein „Jad Charuziin" gehaltenen Vorlesungen der Herren Landesadvokat Dr. Wilhelm Holzer, „lieber die historischen Kämpfe der Makkabäer", Religionslehrer K lein über „Jndenthnm »ndHumanität", und Rabbiner Dr. Caro über „Arbeit und Lnrus". Herr Tr. Caro, der neuerdings vom LandeSschnlrath zum Inspektor des jüdischen Religionsunterrichtes an sünuntlichen Volks-, Bürger- und Mittelschule» Lembergs ernannt wurde, projektirt die türüudnng einer jüdisch-theologischen Präperandie, die ans die Unterstnbnng säniintlichcr Kreise rechnen kan». Doch darüber nächstens. 9 Das Kaddisch-Gebet. Von Nabbiner Tr. I. k o h n in Jnowrazlaw. II. Zunz in seinen „Gottesdienstlichen Vorträgen" S. -'>72 sagt: „Merkwürdig genug Hut man schon seit 700 Jahren sich mit der Erklärung des (Trost) umsonst gequält. Was soll es denn bedeuten, wenn wir im Kaddisch-Gebet sagen „Gott soll gepriesen sein über jeden Trost"?! Und doch ist dieses in scheinar undurchdringliches Dunkel gehüllte Wort der einzige Lichtpunkt, der uns nicht nur Sinn und Inhalt des Kaddisch-Gebetes sondern auch Zeit und Verhältnisse, unter denen das Kaddisch-Gebet entstanden, historisch erhellt und beleuchtet. Das Kaddisch-Gebet ist nämlich ein nationales Trostwort, ursprünglich gerichtet an das trauernde, jammernde, in Sack und Asche gehüllte Israel, das da beweint den Untergang des jüdischen Staates, die Zerstörung Jerusalems, die Einäscherung seines Heiligthmus, die Erniedrigung und Demüthigung des jüdischen Volkes, und was das unglückliche Volk am tiefsten schmerzt, die Mißachtung der am Sinai geoffenbarten Lehre, die Entweihung des hochheiligen göttlichen Namens. Diesen! verzweifelten, sich im Staube krümmenden, bis in die Tiefen seiner Seele verletzten und verwundeten Volke ruft das Kaddisch-Gebet tröstend und ermuthigend zu: Sorget nicht! verzaget nicht! h'ViN w^pJTl Der Name Gottes wird wieder groß und heilig dastehen wie zuvor, sprechet ihr nur immer getrost voll Vertrauen und Zuversicht HEtT K.T „Sein großer Name sei gepriesen in alle Ewigkeit"! Im Traktat Soserim Absch. l0 luirb uns ausdrücklich gesagt, daß das Kaddisch-Gebet dem Boden Jerusalems, des zerstörten, trauernden Jerusalems entsprossen, und deshalb ein jeder Satz, ein jedes Wort dieses Gebetes ein Meer von Thränen in sich birgt. — Das Kaddisch-Gebet ist nicht originell, es ist nur eine Nachbildung eines schon seit undenklichen Zeiten bestehenden Gebetes der Leidtragenden und Verwaisten, das die Mischnah unter dem Namen die Benediktion, der Segensspruch der Trauernden, kennt Israel als Volk fühlte sich verwaist, stand am Grabe seiner Selbständigkeit, sah Alles, was ihm theuer war, in die Tiefen der Erde gesenkt, sein Lebenshinnnel Israel ist ein (Leidtragender), ein Din"' (Waise) geworden, und das Kaddisch-Gebet bildet das das Segens- und Trostwort des nach Millionen i zählenden und doch durch die Bande des gemeinsamen Unglücks sich Eins fühlenden trauernden verwaisten Volkes! Israel, das unglückliche, steht als Leidtragender, orr Waise, am Grabe seiner Mutterstadt Jerusalem und verrichtet daselbst das Kaddisch-Gebet.! vergießt heiße Thränen und erhebt doch sein feuchtes Auge voll Ver-! trauen und Hoffnung zu Gott. Welch'großartiges Bild! Welch er-! schlitternder, weltbewegender Gedanke! Wir nlüssen die alten Sitten, j die bei „Leidtragenden und Verwaisten" nach dem Bericht der Mischnah in Israel üblich waren, näher ins Auge fassen, um die historische Bedeutung des Kaddisch-Gebetes in Vergangenheit und Gegenwart genau und gründlich verstehen zu lernen. Die Mischnah spricht zu wiederholten Malen von E'Sek 'ttinjni mzns. von „Segnungen und Tröstungen der Trauernden". Megillah S. 22 b heißt es: Die Segnungen und Tröstungen der Trauernden dürfen nur bei Anwesenheit von zehn Personen gesprochen werden. Moed Katan S. 27.;i heißt es wieder in der Mischnah: „In den Halbfeiertagen darf man die Segnungen der Trauernden nicht sprechen; die Tröstungen aber wohl." i Mischnah und Talmud nennen diese zwei Trauer- und Trostj formell!(Bh-choth wetandmmin) immer zusammen, als wären sie unzertrennlich, als wäre das Eine ohne das Andere nicht denkbar. Was ist und bedeutet aber die „Segnung" und was die „Tröstung" der Leidtragenden? In welchen! Verhältnis stehen die „Pmvholh Abelim" zu den „Tandnmie Abeba," und umgekehrt? Tie größten Kommentatoren der Mischnah und des Talmud sind geradezu in Verlegenheit, was sie mit dieser scheinbaren Tautologie anfangen sollen. Die Einen (S. Tosafoth. Moed Katan. 24 b) glauben, beides, die i Segnungen wie die Tröstungen, sind eigentlich eines und dasselbe, es j sind Trostworte, die die Freunde an die Leidtragenden richten. - Dann aber wozu in der That die Tautologie? Und warum sind denn an Halbfeiertagen die „Segnungen" verboten und die „Tröstungen" gestattet, lvenn beides eines und dasselbe ist und bedeutet? Wenn beides nichts anderes als Trost bedeutet? Tie Anderen (S. Tosafoth Megillah 22 b) denken einen Augenblick daran, rc"n mit „Tischgebet der Leidtragenden" zu übersetzen resp. zu erklären, sehen aber bald die Unthunlichkeit dieser Erklärung ein, da doch zum Tischgebet drei Personen genügen und die „Segnungen der Abelim" nur bei Anwesenheit von zehn Personen gesprochen werden dürfen. Auch die Erklärung des sonst stets den Nagel auf den Kopf treffenden Raschi (S. Kethubot S. 2 b) zeigt von wenig Klarheit, denn sein Hinweis auf das Gebet O'bzX DHjö pre „Gelobt fei der, der die Trauernden tröstet", ist zweifelsohne sehr fraglich, da dieser Segensspruch offenbar zu den Tröstungen und nicht zu den Segnungen der Leidtragenden zu zählen ist. Die Frage ist also immer eine offene, was bedeuten die „Segnungen" und was die „Tröstungen"? Wodurch unterscheiden sich die Bircliolh Abelim Don bm Timdmme Ab,‘lim? „Schomer Israel", der „Gazeta Lwowska", wir seien Nationalpolen vom reinsten Wasser, woran sich die Bitte (sie!)'schließt, „die polnische Presse sollte aufhören, das Steckenpferd des Judenhasses zu reiten." Mit Bitten kommt man aber nicht weit; das ist die Politik der Mnthlosen. Doch genug davon. Suchen wir nach Lichtstrahlen. und nennt, seines Glückes, eingesargt und hatte sich für immer verfinstert, ein EirP (333c

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