Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
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nrilmigüchkeil bei den nngeklngten Juden, und zwar in weitester Ausdehnung, keine erheuchelte, sondern eine thatfächliche gewesen. Wird doch noch 1845 — in dem amtlichen Bericht bezüglich der verhältnismäßig geringeren Rekrutenzahl der Juden überhaupt — für Westpreußen speziell hingewiesen auf die dortige sehr dürftige Lebensart der Juden, wodurch ihre Leibeskonstitution von Jugend an unentwickelt bleibe, sowie auf ihre Armnth und ihre Erwerbsarten. Unter den preußischen Juden von 1813 — die in ihrer Gesammtheit Jahrhunderte lang als unfähig und unwürdig vom Militärdienst ausgeschlossen waren, und die noch ein Jahr früher Rekrutengelder gezahlt hatten, — unter ihnen waren die westpreußischon Juden in der That die ärmsten, clenbeften und auch an ihrem Leibe am schwersten Geschädigten. Ist es ein Wunder, wenn bei diesen Juden, neben der militärischen Unfähigkeit auch noch Unlust oder Widerwillen gegen den Kriegsdienst vorhanden war? Und nun bezeugt die zweite Aussage des Laudwehrausschusses, daß selbst unter diesen Juden sowohl die patriotische Gesinnung, wie auch der militärische Sinn noch nicht gänzlich erloschen war, denn sie stellten Freiwillige. Es ist einleuchtend, daß das Edikt vom Jahre 1812 die Jahrhunderte lang bedrückten Juden nicht Plötzlich in Makkabäer umwandeln konnte, und es ist gar billig, wenn die „Kreuz - Zeitung" aus den Hunderten von Kriegs- und Schlachtanekdoten gerade jene über Waterloo herausgreift, die von 55 gefallenen jüdischen Offizieren berichtet, und mm dann das Blatt gegen solche Anekdoten Entrüstung ,;um Besten flieht. Nicht Anekdoten sind entscheidend für das Verhalten der Juden im Allgemeinen während der Freiheitskriege, sondern die folgenden amtlichen Zahlen. Tie jüdische Bevölkerung — d. h. Inländer mit Staatsbürgerrecht — in Preußen hat im Jahre 1813 überhaupt betragen rund 30,000 Seelen, oder nach der statistischen Tabelle von 1811 genau 20,5-38 Seelen. Bon dieser Zahl wurden in das Heer eingereiht wenigstens 500 Inden, und von diesen waren wiederum mindestens 200 freiwillige Jäger — eine sehr hohe Zahl Freiwilliger. lieber diese 500 jüdischen Soldaten aber ist in den Berichten des Generalkommandos auch noch zu leien, daß ihre Führung durchlveg gelobt, daß sie zum Theil mit besonderer Auszeichnung gedient, und daß sie sich dein Feinde gegenüber brav benommen haben. Und um nun mit einer wahren „Thatsache" aus der Cuelle der „Kreuz-Zeitung" selbst zu schließen! Wie beginnt die lange Reibe der Geber für die freiwilligen Jäger, denen amtlicher Tank für ihre Opferwilligkeit abgestattet wird? Vaterlandsliebe. Erste Gabe. „TerAeltesie der hiesigen Judenschaft und Rentier Herr Gumperz hat der Unterzeichneten Kommission die Offerte von N<>0 Thaleru Eonrant zur Equipirnng unvermögender Freiwilliger gemacht. Tie Kommission macht diesen thätigen Beweis patriotischer Gesinnung hiermit öffentlich bekannt, und wird dieser Betrag zu dem bestimmten Zweck verwendet werden. Berlin, den 10. Februar 1813. .König!. Allerhöchst verordnete Ober-Regierungs-Kommission." Taß die Juden in den Freiheitskriegen keine Opferwilligleit gezeigt haben, ist also gänzlich unwahr. Nichts beweist, daß die Juden sich anders benommen hätten, wie die Bevölkerung im Allgemeinen, und so könnte man denn die „Kreuz-Zeitung" fragen, ob zur echten Baterlandsliebe nicht auch Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeitssinn gehören sollten? U Gallische Briefe. i. Lemberg, im März 181*2 E. Es dürfte nicht »»interessant sein, die vorliegende Brief-Seri mit einigen jüngst veröffentlichte» statistischen Daten cinzuleitcn. An, -11. Dezember 1890 betrug die Gesammtzahl der jüdischen Bevölkerung Galiziens mich dem amtlichen Ergebnisse der letzten Volkszählung I 772,213, während sie im Jahre 1880 686,591) betrug. Der Zuwachs | der jüdischen Bevölkerung Galiziens beträgt also im letzten Iahrzehm! 85,617 und ist relativ größer als der anderer Konfessionen. Im Po! titischen Bezirke der Landeshauptstadt Lemberg ist die jüdische Bevöl I kernng am dichtesten (28,24 Proz.j, den zweite i Rang nimmt der j Bezirk Krakau ein (28,07 Proz.), den dritten Drohobhe; (20,06Proz.): | in den westlichen Bezirken kommt die jüdische Bevölkerung am dünnsten vor. — Angenehm berührt dagegen der soeben verössent lichte Bericht der österreichische» Milärverwaltmig, der eine bedentendc Zunahme der Betheiligung der Inden am Militärdienste verzeichnet. Während nämlich im Jahre 1872 die Zahl der in Militärdiensten stehenden Inden sich auf 12,471 belief, vermehrte sich dieselbe im Jahre 1887 auf 31,382. Nicht minder belehrende Dolen cnlneln», ich dem Berichte der galizischen Schulverwaltung für das abgelanfe», Jahr 181*1: unter 12,591 Besuchern von Mittelschulen (Gymnasium und Realschule) sind 2326 Juden, also 18,5 Pro,;. Weniger bcsnchi sind die Lehrerbildungsanstalten; unter 1434 Schülern befinden sich nur 73 Juden. Jedoch dürfte iinninehr die Anzahl der jüdischen Lehramtskandidaten zunehmen, mit Rücksicht ans die vom Baron Hirsch-Kuratorium in nicht atlznferner Zukunft zu begründenden Schulen. Im Vordergründe des öffentlichen Interesses steht augenblicklich , die Besetzung des Rabbinerpostens in Lemberg. Nachdem die ftam j didoten ihre Probereden gehalten, kam es endlich am 7. v. M. zur j Wahl. Wie gewöhnlich wurde auch hier die Agitation mit aller Hcs-! tigkeit und Rücksichtslosigkeit betrieb,». Allein zu einem cndgiltigcn! Resultate kam es doch nicht. Rabbiner Szmelkes (Przcnihsl) erhielt 34 Stimmen, Rabbinatsassessor Brande (Lemberg) 25, die übrigen j 24 Stimmen entfielen ans die Kandidaten: Rabbiner Weis; (Czerno-! witz), Rabbiner Rohatyn lKlorzow) und Herr 6Hajes (Brodyi! Wie verlautet, sott für diesen Monat eine enge Wahl zwischen Szmelkes! und Brande anberaumt werden, über deren Ausfall ich seinerzeit be-! richten werde.; Große Angst erregt in hiesigen jüdischen Handelskreisen die von , der Leinberger Handels-Aktiengesellschaft beabsichtigte Blono! polisirung des Salzverschleißes, welche Tansende von jüdischen Familien \ mit dem Untergänge bedroht. Es ist bezeichnend, daß die „Rene freie Presse", die seit ihrem Bestehen durchaus freihändlerisch ist, diesmal — weil es sich nur um Galizien handelt — von ihrem l Grundsätze abgeht und mit allem Eifer für die projekiirte Monopo lisirung eintritt. Daß auch die polnische Presse das genannte Projekt freudig begrüßt, ist selbstverständlich. Ist doch das „Hep, Hep!" seil , geraumer Zeit wieder das Lieblingslied der gesammten polnische» Presse geworden, so daß selbst ein demokratisches Organ, wie der in , Lemberg erscheinende „Kuryer Lwowski", der vor Kurzem ein , treuer Bundesgenosse unserer jüdischen Assimilationstheoretiker zu sein schien, nunmehr mit allerdings anerkennensw e rther Offenherzigkeit * in den judenhetzerischen Chor einstim int. In einer der letzten Nummern des erwähnten Blattes wird den Juden der orig in eile Bor- : ivurf gemacht, daß sie sich im Privatuingange und im schriftlichen; Verkehr der jüdischen und der deutschen Sprache bedienen. Dazu! bemerkt die in Kolomea (dem Wahlbezirke des Dr. Bloch) erscheinende