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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-04 · Heft 10 (4.3.1892) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 10 (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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Ter berühmte Kritiker findet, daß der jüdische Schriftsteller bei diesem Verfahren eine Probe seltenen Scharfsinns abgelegt habe, und er aratulirt ihm zu seiner glücklichen Inspiration. Er behauptet, daß ie jüdischen Frauen sich leichter den Forderungen des Zeitgeists i-engen, dieselben besser verstehen und sich eher der Kultur des Landes, ii dem sie wohnen, einfügen. Er beweist das sehr gut in einem Aufsatz der „'Revue des tleux Mondes“ von 185(3; dort spricht er von den Versuchen, die in Deutschland gemacht wurden, um eine Versöhnung zwischen dem alten leist des Judenthums und dem modernen europäischen Geiste herbeinführen, und und er bemerkt, daß in Wien, in Prag, in München die jungen jüdischen Mädchen die Gedichte von Schiller zu einer teil auswendig kannten, wo der Jude nur den Talmud kannte.?iese geistige Ueberlegenheit der jüdischen Frau ist ferner bewiesen -i dem glänzenden Bilde, das Karl Hillebrand uns in seinem Csay: „Die jüdische Gesellschaft in Berlin zur Zeit der Revolution ind des Kaiserreichs" gezeichnet hat. Die ersten litterarischen Salons in Berlin wurden von Jüdinnen rössnet und die größten Geister der Zeit fanden ein Vergnügen aran, mit diesen Frauen von seltener Intelligenz, die nicht nur die Gedichte von Schiller kannten, sondern auch französische Tragödien vielten, Italienisch sprachen, das Griechische, ja sogar Sanskrit Veranden, zu plaudern. Und wenn manche von ihnen den Glauben er Väter verlassen haben, wenn es großes Aufsehen erregende Bekehrungen gab, so kann mau doch den jüdischen Ursprung dieser userlesenen Frauen nicht vergessen, wie z. B. Henriette Herz, die tan die deutsche Recamier nennt, Rahe! Varnhagen v. Ense, die ilf die Schriftsteller einen so großen Einfluß ausübte, wie Nadam de Staat in Frankreich! Es giebt noch viele sehr interessante ieminiscenzen, werth, daß man sie wachrufe, und ich würde mir wrwürfe machen, wenn ich jene berühmte Mutter des Komponisten Neyerbeer, des Dichters Michael Beer, des Astronomen Wilhelm Rer, nicht erwähnte, Amalie Beer, deren Familie die Tradition e*3 WohlthunS und der Großherzigkeit erhalten hat. Man iveiß davon u unserer Pariser Gemeinde zn erzählen. Aber ich sehe, daß ich von dem Roman um der Geschichte vitlen abgekommen bin. Und zwar darum, weil sich diese beiden o innig berühren, wenn es sich um die jüdische Frau handelt. Es '! hier nicht der Ort, um in einem Essay nach Art der interessanten ud gelehrten Arbeit von Isidor Loeb die Jüdin der Legende zu bekämpfen durch die Jüdin der Geschichte. Wenn es Sie, meine amen, betrifft, wird der Roman nicht selten ein Kommentar der -eschichte und die Geschichte wiederum rechtfertigt die Erfindungen es Romanschriftstellers zu Ihren Gunsten. Sie rechtfertigt alle mhnheiten ihrer Phantasie, ja sie übertrifft sogar dieselben. Rebekka, die bereit ist, sich von einem hohen Thurm heruntermstürzen, um der Schande zu entgehen, ist ein sehr schöner Charaktere V tc Szene bei Walter Scott ist wohl der folgenden historischen dmimcenz werth: „Die Wuth des Volkes gegen die Juden erreichte! ren Höhepunkt im Jahre 1348; in Straßburg verbrannte man ans mnal 2000 auf einem großen Scheiterhaufen; und die schönen mdischen Mädchen, die von jungen Bürgern den Flammen entrissen laurden, stürzten sich selbst wieder hinein."') 0 Emek Habacha, franz. v. I. See. Ich hatte die Jüdin von Casimir Delavigue mehr bewundert, die bereit war, sich für ihren Liebhaber zu opfern. Ich bewundere sie weniger als die junge Rachel See, welche sich 1793 verhaften ließ, um ihren Vater zu retten. Fortgeschleppt, gefesselt vor das Straßburger Revolutionstribuual gebracht, beschämte dieses junge achtzehnjährige Mädchen ihre Ankläger und wurde wegen ihres Muthes und ihrer kindlichen Pietät freigesprochen. Roch ein letztes Zusammentreffen von Roman und Geschichte. Es giebt eine Anzahl von Romanen, die uns die Jüdin als Pflegerin von Christen darstellt. Ich finde keine Scene, die sich mit dem rührendsten Bilde vergleichen ließe, das nns Maxime de Camp vorführt, indem er uns eine Jüdin zeigt, die Christen pflegt! Das war 1870, in der Zeit, wo französische Soldaten gefangen, vor Hunger und Kälte sterbend, alle ihre Leiden vergaßen und Thränen der Freude vergossen beim Anblick einer französischen Jüdin, die gekommen, um sie in ihrem Unglück zu trösten. Und ist es nicht dieselbe jüdische Frau, die ich die Ehre habe, in meinem Auditorium zu sehen, an welche Maxime de Camp die wunderbare Apostrophe richtet: „Man hat gesagt, und ich sagte es selbst, daß der Jude nur einen unvollkommenen Begriff von der Heimath habe .... o Jüdin, ich bitte dich um Verzeihung!"') Meine Damen und Herren. Ich komme zum Schlüsse. Herr Dreyfuß schloß seine Rede mit dem Wunsche, daß ein Umschwung der Geister sich vollziehe. Ich glaube, dieser hat schon begonnen, dank Ihrer Thätigkeit, meine Damen. Die Schriftsteller können Ihr Lob nicht singen, ohne genöthigt zu sein, auch uns manches Verdienst znznfchreiben. Es ist unmöglich daß sie uns der Zärtlichkeit dieser Heldinnen, die sie mit so vielen Tugenden und Vorzügen geschmückt haben, als unwürdig darstellen! Besonders ist es nicht möglich, daß die jüdische Frau, höher stehend durch ihr Herz, durch ihre Intelligenz, nicht im Stande sein sollte, die Liebe zum Guten ihren Söhnen, ihrem Gatten einzuflößen und das Andenken ihres Vaters durch ihr Verdienst mit Ruhm zu bedecken. Wenn der Baron de Monach lächerlich ist in seiner Eitelkeit, so erzwingt er sich doch die Achtung Aller durch die Rücksicht, die er seiner Mutter erweist. Wenn der Jude bei Walter Scott ein Geldmensch ist, so wird er doch im Staude sein, im Augenblick der Roth sein ganzes Vermögen zu opfern, um die Ehre der Tochter zu retten Und der größte Feind der Juden muß es doch anerkennen, daß er noch etwas Anderes hat als das Geld. Ich wünsche nicht nur allen jüdischen, sondern auch allen christlichen jungen Mädchen, einen Vater zu finden, dessen Liebe so groß ist wie die des Juden Nathan in dem Drama: „La. juive de Konstantine" von Th. Gautier. Das ist Ihr Verdienst, meine Damen, daß Sie nicht blos die Huldigungen der Schriftsteller entgegen genommen haben, sondern daß sie dieselben auch für die so lange verachteten Juden günstig gestimmt haben. Das wird Ihr Verdienst bleiben, daß Sie uns Ihrem Ruhme zugesellt haben und daß Sie zu Gunsten der ganzen jüdischen Rasse die ehrenvollste Anerkennung herausgefordert haben. Michelet, der ein ergreifendes Bild von dem Elend der Juden im Mittelalter entworfen hat, stellt der Wuth und dem Haß der Verfolger die Tugenden des jüdischen Hauses gegenüber, indem er sagt"): „Diese geheimnißvollen Häuser, wenn man sie nur hätte sehen können, so hätten sie in dem Herzen des Volkes den blinden Haß gegen die Inden sicher verwischt. Tie Familie war ernst, fleißig, solidarisch verbunden. Nichts konnte der Vortresflichkeit der jüdischen Frau, der Reinheit des jüdischen Mädchens gleichkommen." In einer solchen Umgebung erscheint derJude selbst „bewunderungswerth, ehrwürdig" nach der Aussage des Historikers. Um so besser. Der Jude bewunderungswerth, ehrwürdig! Aber ') Paris bienfaisanl. “) Michelet, Tom. VII1. dletorme). i m

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