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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-04 · Heft 10 (4.3.1892) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 10 (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
Seite 116 (sequence 8)
Language
German
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116 natur, die Milde einer milden Welt- und Lebensanschanuug. Der Oieist und der Charakter Moses Mendelssohns bezauberten die Frauen, und deren Beziehungen zu ihm bilden eines der interessantesten Kapitel an der Lebensgeschichte des ausgezeichneten Denkers Dieselben hier, auf Grundlage der besten und zuverlässigsten Duellen zu schildern, dürfte gewiß vielen unserer Leser erwünscht jein. Wir wissen, welch maßgebenden Einfluß die Mütter auf ihre j großen Löhne oft ausübten: wir erinnern nur an Lutetia Bonaparte, j die Alwin der Napoleoniden, au „Frau Rath", die Mutter Goethes; i leider ist uns von der Mutter Mendelssohns fast gar nichts berichtet j worden; der Philosoph selber thut ihrer in seinen Schriften und! Briefen nirgends Erwähnung, aber die Tradition will wißen, daß; das Weiche, Sanfte und Milde im Wesen Moses von Dessau ein! Erbtheil derMutter gewesen, welche in der armseligen Askanischenstraße j in Dessau ein Kind geboren, dessen Raine aus goldenen Lettern - nicht allein im Buche seines Volkes, sondern der Menschheit über- Haupt prangen sollte. Die Glückliche hieß Suschen, und einer der - Biographen ihres Sohnes bezeichnet sie als eine jener tief und edel j empfindenden, still thütigen und still duldenden jüdischen Frauen, denen! man nicht selten in den jüdischen Fcnnilieu jener Zeit begegnet. Sie! starb schon frühzeitig, ohne daß es ihr vergönnt gewesen wäre, ihren! Moses zum Manne heranreifen 31t sehen und au der ihm gezollten 1 Verehrung der gebildeten Welt ihr Genrüth erheben zu können. j Es ist ihm die Gnade des Hinrmels zu Theil geworden, in der! Vollkraft seines Lebens ein weibliches Wesen kennen zu lernen, welches; ihn Zeit seines Erdenwirkens beseligte, ihn: stets zärtlich ergeben! war, j ihn hegte und pflegte und Alles aufbot, um das Jannnerthal zu einem Paradiese zu gestalten. Er heirathete nicht aus Geld-, sondern nur alls Herzens-Jnteresse. Er hätte leicht es erreichen! können, eine vornehine, pntzsüchtige und prätentiöse Berliner Tarne heirathen zu können, lvelche gern denn berührnten Manne die Hand zuin ewigen Bunde gereicht hätte, aber er verschinähte eine derartige Spekulations-! ehe, sondern folgte denn Triebe seines Herzens, obschon er damals 1 keineswegs mit Glücksgütern gesegnet war und als Buchhalter in! der Bernhard'schen Seidenwaarenfabrik sich sehr zusannnennehmen mußte, nru anständig auszukonunen. Diese seine Herzenskönigin, eine der edelsten Frauen der jüdischen Geschichte, war eine Hamburgerin, Namens Fromet Gugenheim. Im lvunderschönen! Monat Mai des Jahres 1701 hatte er eine Reise nach Harnburg j unternommen und dort „ein blauäugiges Mädchen", die Tochter j des Abraham Gugenheim, kennen gelernt, und seit jenen! Augenblick! schlug sein Herz nur ftir sie. Frornet Gugenheirn war nicht schön! im landläufigen Sinne, auch besaß sie kein Vermögen, aber sie bej zauberte ihn durch ihre holde Weiblichkeit, ihr anrnuthiges Wesen! und ihre Herzensgute. Wie sehr er für seine Anserwählte schwärmte,! zeigt schon der nachstehende Brief vorn 29. Juli 1701, den er an; sie, etwa f> Wochen nach seiner Verlobung, richtete: \ „Allerliebste Fromet! Ich habe in Ihres Vaters Schreiben eine Entdeckung gemacht,! die niich nicht wenig vergnügt. Der gütige Mann versichert noch,! seine Tochter Fromet sei ebenso schön als tugendhaft. Was j meinen Sie? Wer kann das einem ehrlichen Manne auf sein Wort! glauben? Ter gute Herr Abraham Gugenheim nulß doch wissen, j daß die Philosophen auch gern was Schönes haben. Doch das rnag > er mir verzeihen. Ich kenne seine Fromet besser als er. Sie ist - schön, aber so schön nicht, als sie tugendhaft ist, so schön nicht, als! sie zärtlich ist. Ich beneide Sie, liebste. Frornet! um die glückliche Art, wie Sie Ihre sanfte Liebe auszudrticken wissen. Ihre kleinsten Briefe sind voller Zärtlichkeit, voller Enlpfindungen. Die Sprache des Herzens ist Ihre natürliche Sprache und Ihre edlen Gesinnungen vertreten die Stelle des frostigen Witzes, dadurch Andere ihre Briese so häßlich entstellen. Fahren Sie fort, liebste und zärtlichste Frommet! mich mit Ihren liebenswürdigen Briefen zu vergnügen; ich inerte daß es mir fast unmöglich wird, einen Posttag nicht zu schreibe! oder einen Posttag ohne Ihre Briefe vergnügt zu sein — und unm ist der Mensch, wenn er nicht vergnügt ist? Nein, so lange wn uns getrennt sehen müssen, wollen wir uns so oft als mögliu, Gelegenheit geben, an einander zu denken. Es macht mir kein ge ringes Vergniigen, wenn ich denken kann: jetzt liest Fromei meine Briefe und jetzt schreibt Fromet an mich, jetzt ist siverdrießlich, daß sie gestört wird, und jetzt freut sie sich, daß ihr ein Ausdruck gelungen. Sie lachen! inein Herr Doktor! Nun ja, uv gestehe es. Habe ich denn nicht jederzeit gestrebt, Ihnen nach' zuahmen? . . . In inniger Liebe Ihr Moses Dessau." Ter Brautstand Mendelssohns dauerte ein volles Jahr, denn er hatte, bevor er sein Haus bestellte, noch gar Manches zu ordnen vor Alien! galt es, sich und seiner Herzenskönigin eine sichere Existenz zu gründen. Der Münzunteruehnier Ephraim Beitel machte ihn: zwar allerlei verlockende Angebote, welche ihm eine glänzende Stellung gesichert Hütten, aber seiner strengen Rechtlichkeit widerstrebten du betreffenden Vorschläge. Widerwärtigkeiten aller Art hatte er damale zu bestehen, und selbst dieser ruhige, resignirte Philosoph brach Zuweilen in bittere Klagen aus; so z. B. in einem Briefe au seinen Freund Abbt, wo es u. A. heißt: „Wer ein menschliches Her hat und die Seinigen mit ihrer Tugend darben sieht, zu einer Zeit da die verworfensten Buben in ihrem Ueberflusse fast ersticken; um dieses sieht und aus Mitleiden sich schmiegen und ein kleiner verächtlicher Schineichler werden muß: mit welchen Augen kann eil solcher den Musen oder der Freundschaft unter die Augen treten uni ihren freien und edlen Umgang genießen? ..." Doch waren solch, melancholischen Betrachtungen nur von kurzer Dauer -- ein liebe- Briefchen seiner Froniet verscheuchte sofort alle seine Grillen. Die wenigen Briefe, welche von den! glücklichen Bräutigam um erhalten geblieben, erinnern au diejenigen Lessings an seine Bram Eva König: keine Spur von falscher Gefühlsduselei, Mondschein Romantik und Geistreichelei ü tu Rahel. Levin -Varnhagen und Henriette Herz! Zwei kerngesunde, offene, sich innigstliebenM Menschen schütteten ihr Herz vor einander aus und verschmähter jene krankhaften Ingredienzien einer verlogenen Zeitrichtung! Di- Briefe plaudern von der —Perrücke Mendelssohns, von der Russen furcht re., und sie wirken noch jetzt durch den Reiz der Wahrheit und Unmittelbarkeit. (Fortsetzung folgt.) Die jüdische Frau im Ronmn und auf dein Theater. Ein Vortrag von M. B l 0 ch. Hl. Meine Damen und Herren! Ich habe nicht die Prätension, hie alle Schriftsteller, die von der jüdischen Frau sprechen, Revu passiren zu lassen. Wenn ich sie alle hätte nennen wollen, so müßt ich selbst von jenen reden, die in den Händen der Schüler sind um auch zu den Kinderzeitschriften heruntersteigen, von denen jüngst ein eine recht interessante Geschichte über den Charakter einer jüdischer Frau brachte. Um so besser, daß die Geister sich von ihren! zarteste-! Alter ab mit der Idee vertraut uiachen, daß die Jüdin höhere Vor züge besitze. Was die jüdischen Romanschriftsteller betrifft, so haben sie es ebenso wie die andern gernacht: Sie folgten der Tradition. Und 5t. 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