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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-04 · Heft 10 (4.3.1892) · p. Seite 113

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 10 (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
Seite 113 (sequence 5)
Language
German
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na die Andacht fördernd, durch die Reinheit und Gediegenheit des Ausdrucks den höchsten Ansprüchen der Sprache und des Sprachkenners genügend, mit einem Wort, seien sie noch so schön und herrlich geschrieben, noch so warm und innig gehalten, sie werden trotz alledem vernachlässigt, übersehen, überschlagen, und man geht an ihnen kalt, gleichgiltig vorüber. Sie beivegen, ergreifen, erschüttern nie das Herz in seinen geheimsten Falten, dnrchzittern nie die Seele in ihren verborgensten Tiefen, und füllen nie das Auge mit heißen, aber Trost und Linderung gewährenden Thrünen. Es ist eben ihr Geschick, ungekannt und verkannt zu bleiben und frucht- und N'irknngslvs Zeit und Menschen an sich vorüberziehen zu sehen. Manche Gebete hingegen, die eigentlich aller äußeren Vorzüge bar, weder durch Klarheit und Gediegenheit des Ausdruckes, noch durch Fülle und Kraft des Inhaltes sich auszeichnen, im Gegentheil, durch Schwerfälligkeit, Unverständlichkeit, scheinbare Maßlosigkeit und jedweden Mangel an Gefälligkeit uns abstoßen und kalt bis ans Herz hinan lassen sollten; und doch sind s i e es gerade, die Millionen von Generation zu Generation hinznreißen, Menschen, mächtig zu crschiittern und die edelsten und heiligsten Empfindungen, deren >vir fähig, in der Brust des Menschen zu wecken im Stande sind. Zu dieser letzteren Klasse von Gebeten gehört offenbar das Kaddisch-Gebet, das jeder Sohn beim Hintritt des geliebten Vaters, beim Scheiden der geliebten Mutter ein ganzes Jahr, das „Trauerjahr" hindurch, an geheiligter Stätte im Gotteshause täglich zu wiederholten Malen spricht. Wem braucht es erst gesagt zu werden, wie hehr und heilig, wie ivichtig und bedeutungsvoll das „Kaddisch" jedem Israeliten ist. Jedem Israeliten, sagen wir, ohne Unterschied der Richtung und Gesinnung, der Bildung und Ueberzeugung. "Nicht nur der Fromme und Altgläubige, dem Alles, was das „Gesetz" vorschreibt, heilig, sondern auch der Freisinnige und Aufgeklärte, der sonst von Religion und Gesetz wenig oder gar nichts hält, der für Cerenwnien, und seien sie noch so wichtig und heilig, weder Sinn noch Zeit hat, Eines hält er hoch und heilig. Eines vermag ihn zu erwärmen und zu begeistern, Eines ist mit unauslöschlichen Zügen in die Tafeln seines Herzens gegraben, ja, Eines vermag sein Auge in eine unversiegbare Quelle von heißen Thränen zu verwandeln, und das ist das Kaddisch-Gebet. Früh und Abend ermüdet der Sohn, auch wenn er sonst nie das Gotteshaus besuchte, nicht, die heilige Stätte aufzusuchen, um zur Erinnerung an den Verstorbenen, ans Pietät für die verklärte Mutter das Kaddisch-Gebet zu verrichten. Da ist kein Weg zu weit, keine Jahreszeit zu rauh, kein Opfer zu groß, das Kaddisch-Gebet muß unter allen Verhältnissen, ob zu Hause oder auf Reisen, des Morgens und des Abends gesprochen werden. Fragen tvir aber die Betreffenden: Versteht ihr auch das, was ihr im Kaddisch-Gebet saget? Ist euch die Sprache, in der das Gebet versaßt — die chaldäische — bekannt und geläufig? Wisset ihr, in welchem Zusammenhänge dieses Gebet, der Inhalt dieses Gebetes, mit eurer Trauer steht? Wisset ihr, warum dieses Gebet eine solche Gewalt über euch hat, warum ihr gerade dieses Gebet mit solcher Wärme, Gluth und Innigkeit verrichtet?! Die Meisten werden alle diese Fragen mit „Nein" beantworten. Sie verstehen die Sprache nicht, sie kennen den Inhalt des Gebetes nicht, und der Zusammenhang ist ihnen nichts weniger als klar und deutlich; aber das Gebet hat einmal das wunderbare Geschick, daß es seit fast zwei Jahrtausenden in den Lehr- und Bethäusern Israels mit Liebe und Begeisterung gesprochen wird, daß es seit vielen Jahrhunderten, nachdem es seine uusprüngliche Bedeutung zum großen Theile verloren, als „Gebet für die Todten", als DUT „Kaddisch der Waisen" verivendet wird. Verdient aber ein solch merkwürdiges, mit Rücksicht auf seine Popularität geradezu unvergleichliches Gebet nicht, des Näheren beleuchtet zu werden? Wann ist das Gebet entstanden? Was bedeutete cs in der Vergangenheit und was bedeutet es in der Gegenwart? Warum ist es in chaldüischer Sprache verfaßt, und welcher Zusammenhang herrscht zwischen Gebet und Trauer? Bevor wir diese Frage beantworten, wollen wir das Gebet seinem Wortlaut »ach hierher setzen. Es kantet: „Verherrlicht und geheiligt sei der große Name Gottes in der Welt, die er nach seinem Wohlgefallen geschaffen. Möge Er begründen das Gottesreich n. s. w. darauf sprechet: Amen! Sein großer Name sei gepriesen in alle Ewigkeit! Gelobt und gepriesen, angebetet und verehrt sei der Name des Heiligsten, hoch über jedes Lied, jede Huldigung, jeden Lob- »nd Trostsprnch, die je ans Erden ausgesprochen werden u. s. w." Das ist die Zauberformel, deren Macht und Gewalt kein Israelit sich zu entziehen vermag, die Formel, die gar oft schon das :i—4jährige verwaiste Knäblein vor versannnelter, andächtig lauschender Gemeinde lallet, aber auch der müde Greis am „Sterbetag" seines Vaters, seiner Mutter mit tiefem Ernst, mit wehmüthiger, schmerzlicher Empfindung spricht, als ob die im Grabe Ruhenden ihm gestern erst durch die grausige Hand des Todes entrissen worden wären! Ein merkwürdiges Gebet, dem nur nun einige Augenblicke ernster Arbeit widmen wollen. (Fortsetzung folgt., 9 i\ n tobiographische Blätter von Leopold Ankes. Herausgegeben und mit 'Anmerkungen begleitet von Prof. Tr. David Kaufmann. Wien, H>. Dezember lötst). Geehrter Herr! Ihrem Wunsche gemäß will ich in meiner Erinnerung zurückwandern, um Ihnen einige Notizen über mein Leben mitzntheilen. Da mein Leben eine Wüste war, wo weder vom JUHH py, noch vom p? eine Spur zu finden war, so ist die Erinnerung daran auch eine Wüste. Doch werde ich Ihnen einige Blatter senden, welche Erp-12 T&O meines Lebens enthalten sollen. Im Allgemeinen will ich nur sagen, das; ich «den Preßbnrger Ausdruck zu gebrauchen, eine verschüttete Büchse in meinen jungen Jahren war. Leider hat sich dieselbe im Laufe der Feit in eine Büchse der Pandora verwandelt. Mit ausgezeichneter Achtung der Ihrige L. Dukes. Herrn Prof. Dr. Kaufmann, Wohlg. Wien, 2\. Januar lsno. Geehrter Herr! Bon dem Kopfe zur Feder gehr sehr viel verloren. Ich habe immer im Kopfe gehabt, mein Versprechen zu erfüllen. 'Aber auf das Papier ist noch nichts gekommen. Acht Jahrzehnte liegen auf mir und jedes Jahr brachte mehr Fatalitäten als Tage in demselben. Warum kommen Sie nicht öfter zu mir, da Sie doch nichts zu thnn haben? fragte mich einst ein alter Bekannter ans Frankfurt, der aber hier wohnte. Ich habe viel zu thun — antwortete ich — zu vergessen, daß ich nichts zu thuu habe. Ich schreibe dieses 'Alles, daß Sie sehen, daß ich nicht mehr so rasch sein kann. Ich gehe um * Uhr zu Bette, iveil ich nicht lese und nicht schreibe bei 'Nacht. Da ich aus Ihrer zweiten Karte ersehe, daß die Sache für Sie dringlich ist, so will ich Ihnen jeden Tag einige Blätter senden. H^TD *6:^ ^122- Ein 'Auszug aus nrp“l2 TP*n- Sie grüßend zeichnet mit ansgezeichneter Achtung Ihr ergebenster L. Dukes.

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