Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1892)
- Date
- 1892-03-04
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
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112 stehe", drängte sich ihm im fremden Lande mit um so stärkerer Ueberzeugung auf. Ta keine „Töchter des Landes" seines Glaubens vorhanden waren, unter denen er sich limsehen und eine Gefährtin fürs Leben wühlen konnte, richteten sich feine heirathslustigen Blicke nach jenseits des Ozeans. Bon dort „verschrieb" er sich ein Mädchen, deren Bild seinen Jugeuderinneruugen vielleicht noch in alter Zuneigung vorschwebte, und sandte ihr gewöhnlich die Mittel zur Ueberfahrt. Oder er ging auch wohl selbst hinüber, um sich aus den ihm bekannten Familien seiner alten Heimath eine ihm zusagende Jungfrau als Frau auszuwählen. Die folgte willig dem amerikanischen „Krösus". Als solcher galt damals den; an solche große kostspielige Reisen ungewohnten, schlichten jüdischen Landbewohner jeder herübergekonnuene Amerikaner. Genügende Zeugnisse seiner Wohlhabenheit bildeten auch sein eleganter Anzug, der goldene oder diamantene Hemdenknopf, die doppelhäusige golrene Uhr mit der dicken, echt goldenen Kette. Ueberhanpt gab sein ganzes liberales Auftreten seinen ob solcher Freigebigkeit fast erschreckten Jugeudgenossen sichere Gewähr für die Annahme, daß das Mädchen, das er sich erkoren, sein (der Erkorenen) Glück gemacht habe. Mitunter gelangte ein Eingewanderter hierlaudes durch eheliche Verbindung mit einer als Dienstmädchen in einer hiesigen Familie figurirenden Jüdin auf kürzerem Wege zum ehelichen Ziel. Es war wenig Romantik in diesen Eheschließungen. Es waren Verbindungen für praktische Lebenszwecke, an denen zunächst mehr der Kopf als das Herz Theil hatte. Auch das hat sich im Laufe der Zeit geändert, ob zum Bortheil, möchten wir nicht gerade behaupten; daß mehr Neigungs- Partien heute zu Stande kommen, läßt sich schwer eruiren. Daß aber die geschäftliche, soziale und besonders die pekuniäre Stellung des Schwiegervaters in spe häufig bestimmend und liebeerzeugend . wirkt, ist nicht zu läugnen, wenn man and) den äußeren Anstand zu sehr wahren muß. als das; man nach der Höhe der „Nidunjah" fragen oder durch einen, hierzulande glücklicherweise noch unbekannten professionellen Schadchen um die Höhe derselben feilschen dürfte. In der von uns oben geschilderten Periode war man, obwohl praktisch, wie es die Verhältnisse geboten, aber weniger heikel, wühlerisch. i. a. berechnend. Das arme, aber tüchtige und haushälterische Mädchen war die passende Hilfsgenossin für den emporgekommenen und weiterstrebenden jtmgen Einwanderer, der durchaus nicht so liberal in seiner ersten häuslichen Einrichtung war, als sein Auftreten im deutschen Geburtsorte vielleicht voraussetzen ließ. Bon der heutigen lururiösen Einrichtung war damals keine Rede, gesellschaftliche Verbindungen beschränkten sich auf den llmgaug mit einigen! Gleichgesinnten, Gleichstrebenden. Gemeinden, wohthätige Institute, Klubs und Vereine. die jetzt einen nicht unbedeutenden Prozentsatz der Jahreseinnahmen absorbircn. bestanden damals noch nicht. Ter Mann arbeitete von sri'lh Morgens bis spät Abends in seinen! Geschäft, fast kann! mit einer kurzen Unterbrechung während der Mittagszeit. Dies ist auch heute noch so. Die bekannte amerikanische Ueberanstrengung mit ihren geistig und körperlich nachtheiligen Folgen. Die Frau stand ihm in dieser Thätigkeit zur Seite und erfüllte nebenbei die geringen Anforderungen ihres Hauswesens, was ihr urn so leichter wurde, da die bescheidene Wohnung sich hinter oder über dem Geschäftslokal befand. Das gemeinschaftliche Streben, verstärkt durch den Erfolg, galt der steten Vergrößerung des Besitzes, nur durch denfelben den inzwischen eingetroffenen Kindern eine erwünschte leichtere und mühelosere Lebensstellung zu versichern. Man wollte gleichsam die Existenzfrage im Voraus für sie erledigen — ein frommer Wunsch, dem häufig die Verwirklichung versagt war. Wir glauben hinzufügen zu müssen, daß obige Schilderung der materiellen Entwicklung Einwanderer-Lebens und Strebens nicht alle derartigen Fälle deckt. Individuelle Voraussetzungen, verschiedene Oertlichkeit und Verbindungen erzeugten verschiedene, oft heterogene Resultate. Manche der im fernen Westen oder Süden des Landes domizilirten jüdischen Einwanderer der dcnnaligen Periode, besonders das jüngere Element, amcritanifirten sich bald und so gründlich, daß sie keine religiösen Skrupel empfanden, sich mit christlichen Mädchen zu verheirathen und so mit der Zeit in die Gesammtheit aufzugeheu. Es wurde ihnen dies um so leichter, als von Seiten der ländlichen christlichen Bevölkerung einer solchen Verbindung weniger oder keine religiösen Bedenken entgegenstanden. Jener Bevölkerung war und ist der Jude noch heute meist nicht der Bekenner einer, von der seinigeu, verschiedenen Religion, sondern eine Nationalität. Dieser Mangel an religiösen! Unterscheidungs-Vermögen bei dem Landbewohner enthielt zu viel des Vortheilhaften und Wünschenswertsten für den jüdischen Gewerbetreibenden, als daß er hätte geneigt sein sollen, denselben durch seine religiös auszeichnende Haltung zu beseitigen. Noch kürzlich wurde uns die Bestätigung jener ländlichen Kurzsichtigkeit durch einen befreundeten jüdischen Reisenden, dem ein christlicher Bewohner des Westens mit der Frage begegnete: „are you a German or a jew?" „Sind Sie ein Deutscher oder ein Jude", und der höchlichst verwundert war, zu hören, daß der Name „Jude" nicht die Nationalität, sondern das religiöse Bekenntnis; des Betreffenden bezeichnet. Dieser Unkenntnis; ist es zu verdanken, daß der Landbewohner wenig von religiösen; Borurtheil befangen ist. Man findet dasselbe mit all seinen widerwärtigen Konsequenzen nur in den städtischen, sogenannten gebildeten Kreisen; ein Ergebnis; der mit dein dort stark vertretenen Einwanderer-Element eingeschllchenen „religiösen" Unduldsamkeit mit all ihrer Bornirtheit und Unlauterkeit. Wir werden gelegentlich auf diesen Gegenstand zurückkommeu. Uebrigens würden wir dem oben geschilderten jüdischen Peddler und jetzigen Großhändler und Fabrikanten und Kaufmann Unrecht thun, wollten wir ihm nur materielles Streben zuschreiben. Wohl war der amerikanisirte Harry, Joe, Arnold, Willy nicht mehr der frühere Heimann, Jossef, Aaron, Wolf--der oft zur Unkenntnis; metamorphosirteu, wenn auch nicht gerade dadurch immer verschönerten Familiennamen nicht zu gedenken — der mit Gewissenhaftigkeit jeden Morgen seine Tefillin legte, der die Speisegesetze!Uit ängstlicher Gewissenhaftigkeit in und außer dem Hause beobachtete. Wohl hatte er im Suchen nach den; Glück seinen koscheren jüdischen Magen eingebüßt, denn die Koscher-Pfanne und das Koscher-Töpfchen des deutschen Hansirers waren den! durch die Verhältnisse „refornn-angehauchten" amerikanischen Peddler unbekannt gebliebene Ernährungs-Requisite. Aber trotz aller Wandlu ngen war ihn! das gute, jüdische Herz nicht verloren gegangen, das ihn jetzt — im erwünschten Besitz eines erfolgreichen Geschäftes, eines glücklichen Hausstandes und hoffnungsvoller Kinder — antrieb, mit Gleichgesinnten und Gleichfühleudeu sich zu verbinden zur Begründung von Religio ns-Ge nieiudeu, wohlthätigen Vereinen und verwandten höheren gemeinschaftlichen Bestrebungen. G. R ♦ Das Kaddijch-Gelret. Von Rabbiner Tr. I. Kohn in Jnowrazlnw. I. Nicht mir Bücher, sondern mich einzelne Theile eines Buche», und sei das Buch auch nur em Gebetbuch, haben oft ihr cigenthninliches wunderbares Geschick. Manche Gebete, und seien sic durch ihr Alter noch so chrivürdig, durch ihre» Inhalt noch so anregend und