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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-04 · Heft 10 (4.3.1892) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 10 (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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Die internationale Verbindung zwischen hüben und drüben, unterholten und gepflegt durch die Presse, durch briefliche Mittheilungen von Eingewonderten an ihre zurückgebliebenen Berwondten, sowie durch die in den letzteren Jahren stetig zunehmenden Reisen von hier noch draußen, Hot wesentlich dazu beigetrogen, früher nebelhafte Ansichten über dieses „Wunderland" zu klären und zu berichtigen. Man tveiß jetzt, daß Amerika nicht dos geträumte Eldorado ist, in dem dos Geld „auf der Straße liegt" und nur ein „ausgezeichneter Schlemihl" verfehlen kann, seinen Theil oufzulesen und „sein Glück zu machen". Die Pioniere der jüdischen Einwanderung von Deutschland, die vor circa einem halben Jahrhundert hier anlangten — wenn auch nicht Vertrieben aus dem alten Vaterlande durch äußere Gewalt, doch oft nicht minder stark getrieben durch den lästigen Druck widerivürtiger, beengender politischer und sozialer Zustände, -- fanden bei ihrer Hierankunft in ihren hochfliegenden Erwartungen, wenn sie solche mitgebracht, sich bald getäuscht. Kein bekannter heimathlicher Laut begrüßte sie im fremden Lande; keine Hand streckte sich ihnen hilfreich und stützend entgegen; kein gastfreundlicher Herd lud den müden Wanderer zur Ruhe ein. Die wenigen deutschen Thaler, die der Ankömmling vielleicht noch von seinen Reisekosten erübrigt hatte, waren im Warten und Suchen bald ausgegeben. Es war besser so, wenn diese geringe, nur kurze Zeit ausreichende Stiitze ganz gebrochen war. „Das deutsche Geld muß erst fort!" wurde mit der Zeit zur stehenden Redensart. Da galt es, den Kampf mit dem Leben ums Leben, um die nackte Existenz ohne Zagen und Zögern zu beginnen und — entweder durchzuführen oder, wenn zu schwach odernngefügigzum Erfolg, unterzugehen, unbeweint, ja oft ungekannt. Hier, wenn irgendwo, bewährte sich das Naturgesetz von dem ,,'I'urvivriI of the Fittest", dem Ueberleben des Tüchtigsten, Gefügigsten, der es verstand, sich den gegebenen Verhältnissen geschickt und rührig anzupasseu und sich dieselben günstig zu machen. Körperliche Rüstigkeit, scharfer Umblick, schnelle und rücksichtslose Entschlossenheit, Fähigkeit, zu entbehren und das Erworbene durch Sparsamkeit zu erhalte» und zu mehren, waren die unerläßlichen Bedingungen des Erfolgs. Sie bildeten sicherere Bürgschaften für die Zukunft als Schulweisheit, die im Pionierleben ineistens wenig gilt und wirkt. Der deutsche Hausirer ist der amerikanische Peddler, ohne wesentlichen Unterschied. Beider Ziel war der Erwerb. Daß es dem Erstem bei seiner genauen Kenntniß der lokalen Verhältnisse, seiner Vertrautheit mit der Sprache, der geringeren Entfernung von Ort zu Ort, der belferen Kommunal-Wege verhültnißmäßig leichter wurde, dies Ziel zu verfolgen, ist ersichtlich. Auch war es ihm, dem glücklichen Besitzer eines Hausstandes, zumeist vergönnt, am Freitag zu seiner Jamilie zurück zu kehren und sich mit ihr an der Feier des Sabbaths zu erfreuen und für die nüchstwöchige Thütigkeit aufs Neue zu stärken. Dem amerikanischen Bruder wurde so wohl nicht. Verließ er die Ttadt, wo er seine Einkäufe gemacht, so nahm er einen Theidcrselben in einem Packen auf dem Rücken mit; für den Rest be stimmte er diejenigen Orte an seiner Tour, wohin ihm derselbe nach einer bestimmten Zeit nachgesandt werden sollte. Eisenbahn-Verbindungen waren damals noch wenige; wohl angelegte und erhaltene Kommunal-Wege gab es nicht (sie lassen auch heute im Vergleich mit den deutschen noch Vieles zu wünschen übrig!), die Entfernungen von einem Landgute (Farm) zu dem nächsten groß; Leben und Eigenthum nicht so sicher und geschlitzt, als unter den geordneten Verhältnissen im alten Vaterlande. Dahingegen ivar der Erwerb bedeutender. Der Peddler war dem Landbesitzer (Farmer) mit seltenen Ausnahmen ein willkommener Gast, der mit an seinem Tische saß und bei ihm übernachtete, wofür er der Bäuerin vielleicht eine „ächt goldene" Breche oder sonst eine „werthvolle" Kleinigkeit verehrte. Genoß der Peddler nicht den Schutz der Obrigkeit in dem Maße, wie sein deutscher Bruder sich dessen „erfreute", so war er hingegen frei von deren belästigender Uebenvachung. Die staatswirthschaftliche Einsicht der hiesigen Behörden lag damals noch in den Kinderschuhen. Zu der Höhe der sozialen Weisheit, welche das Hausiren mit Waaren (die der Bauer zur Ersparung von Zeit und Mühe gern dem Peddler abkaufte, statt sie in der nächst- und oft ziemlich entfernt gelegenen Stadt zu holen) als ein soziales Nebel erkannte, hatte man sich damals noch nicht verstiegen. Ein Hausirschein (Peddler* Licensr) war nicht erforderlich; der allmächtige Gensdarm war eine unbekannte Größe. Das hat sich inzwischen auch hier geändert. Man ist auch hier von der europäischen Staats-Kultur beleckt worden und hat einsehen gelernt, welch' ein großes, soziales Nebel das Hausiren und welch ein gefährlicher Feind aller gesunden, volksivirthschaftlichen Entwicklung der Hausirer ist. Nicht der gefürchtete Gensdarm, wohl aber der nicht minder zu fürchtende uniformirte Polizist und der nicht . uniformirte Eonstabler bilden jetzt das wache Auge und die starke Hand des Gesetzes. — Beide „uniform" in dem diensteifrigen Bestreben, da ans der Bildfläche zu erscheinen, wo der Entwicklung ihres Diensteifers am wenigsten persönliche Gefahr droht und die öffentliche Wohlfahrt und Sicherheit hn am wenigsten erheischt. Es ist das aller Orten, hüben und drüben, die nämliche Erscheinung. Die Haltung vieler unserer heutigen jüdischen Großhändler in dieser Frage ist in der That bemerkenswerth und amüsant. Sie zeigt, daß die soziale Entwicklung der Bevölkerung verschiedener Länder unter verwandten Bedingungen stets ähnliche Phasen durchwacht. Die „Steinklopfer-Theorie", die der sel. A. Bernstein in seinem „Mendel Gibbor" so ergötzlich satirisirt, möchten Biele der im Laufe der Zeit großgewordene» früheren jüdischen Kleinhändler und Peddler Hierlandes auf ihre eiuwandernden, russischen Glaubensgenossen angetvandt wissen. Das klebet und die Schwierigkeiten des kleinen Erwerbs durch die Peddler sind ihnen zu bekannt, wenn sie dieselben auch fast in ihrer jetzigen Größe vergessen haben, als daß sie jenen Armen denselben ausgesetzt sehen möchten. Es ist reines „Gemillwtli Gliesed" von ihrer Seite, das jene Undankbaren in ihrem eigensinnigen Sträuben gegen jene „Steinklopfer-Theorie" nicht zu würdigen verstehen. Doch wir sind unserem Gegenstände voransgeeilt. Kehre» wir also zu unserem Peddler zurück. Aus dem lastbeladeuen jüdischen Peddler wurde mit der Zeit ein stabiler Kaufmann. Mit den mühsam erworbenen Mitteln etablirte er ein stehendes Geschäft in derjenigen bedeutenden Stadt des Landes, die häufig den Mittelpunkt seiner ambulanten Thätigkeit gebildet hatte. Hier traf er häufig schon Glaubensgenossen, die, früher eingewandert, durch anfänglichen Betrieb eines in der Heimath erlernten Handwerkes, als Schneider, Schuhmacher und dergl., zu einer kaufmännischen Stellung, in der ihnen ihre handwerkliche Sachkenntnis; sehr zu statten kam — schneller sich emporznarbeiten verstanden hatten. Der durch umsichtige Thätigkeit und Sparsamkeit schnell im Besitz genügender Büttel sich befindende junge Kaufmann sehnte sich nach Begründung eines eigenen Hauswesens. Die Wahrheit des biblischen Wortes, daß „es nicht gut sei, wenn der Mensch allein

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