Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1892)
- Date
- 1892-02-26
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der junge Mann hieß Rachmiel Leiser, sein Vater war einer jener Israeliten, die sich, von der Bewegung der Neuzeit fortgerissen, dem Ackerbau gewidmet hatten, und besaß ein hübsches Gütchen in der Nähe. Er war bald vertraut mit Jentel, und als diese dem Hause zuschritt, ging er an ihrer Seite. Wie sie noch zehn Schritte vom Thore entfernt waren, blieb sie stehen. „Weiter dürfen Sie nicht gehen," sprach sie, den Blick zur Erde gesenkt. „Mein Vater ist ein Verbannter, man hat ihn verdammt in Mogilna, die Erde soll sich aufthun und ihn verschlingen." „Aber deshalb hat sie ihn doch nicht verschlungen," rief Rachmiel Leiser, „und sie wird es auch in Zukunft bleiben lassen. Nein, Jentel. vor solchen Dingen fürchten nur uns nicht. Wir sind fromme Juden, frömmer als jene Fanatiker, welche Ihren Vater in den Bann gethan haben, aber über derlei Aberglaube und Vorurtheile sind wir längst hinaus." „Sie fürchten sich also nicht, über unsere Schwelle zu gehen?" fragte Jentel lächelnd. „Nein, nicht im Geringsten!" erwiederte Rachmiel. „Und schließlich wäre es nicht einmal so unangenehm, in Ihrer Gesellschaft von der Erde verschlungen zu werden." Wirklich trat Rachmiel mit Jentel in das Hans, stellte sich ihren Eltern vor und bot ihnen seine Dienste an. Da er bereits in der Landwirthschaft manche Erfahrung besaß, und überdies seine körperlichen Kräfte sich während seiner Militärdienstzeit entwickelt hatten, so schien ihm Alles Kinderspiel, was ihnen vorläufig so unübersteigliche Schwierigkeiten bereitete. Er nahm sich der Verbannten und Verlassenen an und half ihnen redlich überall, wo es Noth that. Mehr und mehr lernten sie Hand anlegen, und es währte nicht lange, so arbeiteten sie Alle den Bauern gleich auf dem Felde und lernten ihr Vieh versorgen und ihr Geflügel. Nachdem sie die Ernte glücklich eingebracht, konnten sie zufrieden auf das Werk ihrer Hände zurückblicken. Der Herbst brachte andere Beschäftigungen in der Wirthschaft, die drei Männer droschen zusammen das Getreide, und die Frauen hatten noch genug zu thun, das Obst einznbringen und zu dörren, die Gartenfrüchte zu lesen die Kartoffeln auszugraben und heimzuführen. Dann, anfangs November, trat der strenge galizische Winter ein und hüllte das Land weithin in sein weißes, flimmerndes Schneetuch, der Verkehr war nach allen Seiten hin, wenn nicht abgeschnitten, so doch erschwert. Ein Jeder blieb zu Hause, da gab es wohl auch manches zu thun aber auch manche freie Stunde. Nun kam Rachmiel gern an den Abenden, um mit Jentel zu plaudern, und., brachte ihr Bücher, einzelne Werke deutscher Dichter, Romane und hier und da ein volksthümlich gehaltenes wissenschaftliches Buch. Eines Abends, als er eintrat, war Alles im Hause beschäftigt und Niemand in der großen Stube anwesend als die große Katze, ivelche auf dem Vorsprung des Kachelofens lag und behaglich schnurrte. Rachmiel setzte sich ruhig auf die Bank zmn Ofen und wartete. Plötzlich ging die Thür auf und Jentel kam herein, behaglich und reizend zugleich, in ihrer pelzbesetzten Kazabaika, Seidenbänder in die langen schwarzen Zöpfe geflochten, eine Schüssel voll Erbsen im Arme. „Sie sind da?" rief sie lustig, „das trifft sich gut, Sie können mir helfen, die Erbsen lesen." „Warum nicht," erwiederte Rachmiel, und so setzten sich denn Beide zusammen an den Tisch und gingen fröhlich an die Arbeit. Mitten drin ließ Jentel die eine Hand in den Schooß sinken und den Kopf in die andere gestützt, blickte sie Rachmiel an und lächelte. „Was haben Sie, Jentel?" fragte dieser. „Ich möchte wissen," gab sie zur Antwort, „ob es wirtlich im Leben vorkommt, was in den Büchern steht, die Sie mir bringen. Ist das Alles nur erfunden oder ist es wirklich da gewesen, daß zwei Menschen sich so über Alles lieben und kämpfen um ihrer Liebe willen und ihr Leben hingeben, eheste sich von einander trennen lassen. Bei uns werden doch die Mädchen und die jungen Leute verlobt meist ohne daß sie sich gesehen haben, ja nicht selten in der Wiege schon und weil es die Eltern so beschlossen haben, nun so heirathen sie dann und suchen eben mit einander auszukonnnen." „Das ist richtig," sprach Rachmiel, „es ist jedoch nicht bei uns Juden allein der Fall, Sie finden es ebenso aut bei unfern Bauern und auch in den großen adeligen Familien. Einzelne Liebespaare die Alles ihrer Liebe opferten, hat es zu allen Zeiten gegeben. Aber die Bildung ist es erst, welche die Geister frei macht und die Herzen." „Sie haben Recht," erwiederte Jentel, „auch ich war verlobt, mw die Verlobung ist nun zurückgegangen, weil sie meinen Vater verbannt haben, jetzt aber, wo ich mehr und mehr die Welt kennen lerne, wo ich ans der Dunkelheit in das Licht hinausgetreten bin, jetzt möchte ich um nichts in der Welt einen Mann nehmen, dem ich nicht gut bin, den ich nicht schätze, und der nicht mir sein Herz geschenkt hat." „Wie Sie denken, Jentel," sprach Rachmiel, „so denke ich auch. Ich brauche kein Schadchen, ich kann mir selbst eine Frau suchen, die mir paßt." „Nun," fragte Jentel lächelnd, „und haben Sie diese bereis gefunden?" „Ja und Nein. Ja, wenn sie mich will, nein, sobald ich ihr mißfalle." Er hatte die Hand Jentels ergriffen und streichelte sie leise mit der seinen. „Und haben Sie ihr schon davon gesprochen?" fragte Jentel, während sie die Augen zu Boden schlug und ein schalkhaftes Lächeln um ihre vollen rothen Lippen spielte. „Mir hat bis jetzt der Muth dazu gefehlt," sagte Rachmiel. „Soll ich Ihnen Muth machen?" fragte Jentel, indem sie plötzlich die leuchtenden Augen zu ihm aufschlug und ein liebes, gutes Lächeln ihr ganzes Gesicht verklärte. „Wissen Sie, was Sie jetzt gethan haben Jentel?" rief Rachmiel. „Sie haben mir die Zunge gelöst, wie man es den Elstern oder Raben thut, wenn man sie sprechen lehren will. Ja, Jentel, da Sie es ohnehin errathen haben, Sic sind es die ich erwählt habe. Sie haben es mir angethan mit Ihren dunklen Augen, und wenn Sie mich wollen, dann bin ich glücklich, daun brauche ich nichts mehr in dieser Welt." „Ja, ich will Sie," sprach Jentel und drückte herzhaft seine Hand. Rachmiel aber stand leise auf und trat hinter ihren Stuhl, Sie regte sich nicht, aber es schauerte sie in diesem Augenblick in ihrer warmen Pelzjacke und obwohl der große Ofen seine Schuldigkeit hat. Es ging wie Frühlingsahnen durch ihren jungen keuschen Leib,