Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1892)
- Date
- 1892-02-26
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
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106 „Tu hiebst nicht nach, 'Älter," fuhr Jentel fort, als jetzt Herz Gikel eintrat und der Schames sich scheu tvie vor einem Pestkranken bis in die offene Thür znrückzog. „Ans keinen Falt wirst Du nachsteben, und Du," rief sie dem Schames zu, „thue doch den Mund auf und verschlinge ihn, wenn Du kannst. Siehst Du, Du kannst es nicht. Es ist Alles Unsinn, Ihr habt nichts stethan mit Eurem Bannfluch. als Gott damit stelästert." Ter Schames zog sich beschämt zuriick, und auch Mendel Bergmann räumte kleinlaut das Feld. Trotzdem tonnte Gikel nicht zur Ruhe kommen. Wenn auch seine Aufklärung so weit ging, daß er es nicht für Unrecht hielt, am Schabbes das Taschentuch zu tragen, so erwartete er doch, — tveim er es auch nieht vor seiner aufgeklärten Frau und seiner noch aufgeklärteren Tochter Jentel auszusprechen wagte — täglich, ja stündlich, das; die Erde ihn in der That verschlingen werde. Schließlich wurde er krank oder wenigstens bildete er sich's ein, krank z» sei». Zum Glück gehörte der Arzt des Städtchens Doktor Scharawan nicht zu den Frommen. Obwohl ein guter Jude, war er seiner Zeit i ein flotter Student gewesen und galt jetzt in Mvgilna als Freigeist ' und Lebemann. „Wo thut es Ihne» wehe?" fragte er Herz Gikel, während er ihm den Puls fühlte. „Ueberall, Herr Doktor, überall," erwiederte Herz tief seufzend. Ter Doktor gab keine Antwort, sondern begann ihn z» untersuchen, klud als er zu Ende war, lachte er laut. „Sie meinen, es fehlt Ihnen überall'?" rief er, „ich sage Ihnen, es fehlt Ihnen nirgends, Sie sind kerngesund, aber wisse» Sie, was Ihnen und den Ihren, ja Euch Allen hier im Städtchen fehlt? Luft, j Luft und wieder Luft! Gehen Sie hinaus in die schöne Natur, das! ist die beste Medizin, die ich Ihnen verschreiben kann." „Lieber Herr Doktor," erwiederte Gikel, „Sie würden uns ja todtschlagen, wenn nur nur die Rase hinausstecken wollen ans unserem Hause." „Daun kann ich Ihnen nur einen Rath geben," sprach der Arzt, j „gehen Sie fort, müssen Sie denn hier in Mogilua bleiben? Tie Welt ist groß und es giebt anderswo Menschen, in deren Köpfen es lichter ist, als in denen der hiesigen Juden. Folgen Sie mir, gehen Sie fort, womöglich in ein Torf, Sie brauchen Luft, Herz Gikel, Luft, Luft!" Damit ging der Doktor fort, und Jentel benutzte die Stimmung ihres Paters, um denselben zu einem entscheidenden Schritt zu bestimmen. i „Pater," sprach sie, „hier haben wir nichts zu suchen. Verkaufen! wir Haus und bieschäft inid ziehe» wir fort."! „Ich habe schon daran gedacht, auf das Land zu gehen," sprach Gikel, „an einen Ort, wo keine Inden wohnen und dort eine Schänke pachten."! „Eine Schänke," rief Jentel, „das wäre genau dasselbe wie hier. . Ein Oiütchen sollst Du pachten, Vater, oder noch besser kaufen, wenn i es auch »och so klein ist, da wirst Du gesund werden, und wir Alle i werde» aufleben." I Rach langem Sträuben entschloß sich Gikel zu einem entscheidenden! Schritt und beauftragte seine» Schwiegervater, .Mendel Bergmann, j ihm einen Käufer für Haus und Geschäft zu suchen. Am besten j einen Ehristen, denn ein Jude würde mit ihm, so lange der Bann ans ihm ruhe, doch kein Oieschäft abschließen. i Kaum hatte sich das Gerücht verbreitet, daß Herz Gikel verkaufen j wollte und noch dazu einem Ehristen, fand sich sofort ein reicher Jude j als Käufer, damit nicht ein Fremder sich hineinsetze, in die Gasse i mitten unter die fromme Oiemeinde. Er selbst wollte nichts mit Gikel zu thun haben, aber er bediente sich der Vermittlung eines Christen, und so kam das Geschäft in verhältnißmäßig kurzer Zeit zu Stande, und zwar unter ungleich vortheilhafteren Bedingungen, als Gikel es erwartet hatte. Bei Rächt und Nebel verließ der arme Verbannte Mogilua um in der Ferne ein neues Heim für sich und die Seinen zu suchen Das Glück war ihm günstig. In Welischoni, einem Orte, der fünf Stunde» von Mogilua entfernt war. hatte eben ein kleiner polnischer Edelmann abgewirthschaftet. Das Gütchen kam zur Versteigerung, und da sich kein anderer Käufer dafür fand, so erstand es Gikel bei der Liquidation zu einem wahren Spottpreis. Run war Alles in Ordnung, und der Auszug ans Aegypten konnte beginnen. In aller Stille wurde gepackt, und dann kam einmal Nachts ein großer Wagen mit einem Leinwanddach, eine wahre Arche Noah, in der Gikel mit den Seine» und seinem ganzen beweglichen Hab und Gut gemächlich Platz fand. Sogar die Katze wurde in einem Sacke mitgenommen, nur die Mäuse blieben in Mogilua zurück. Am nächsten Morgen war alle Welt überrascht, den Verbannte» und die Seinen nicht mehr zu sehen. Erst hieß es, die Erde habe sie Alle zusammen verschlungen. Als später bekannt wurde, das; Gikel ein kleines Landgut gekauft habe, in der Absicht, dasselbe »nt Hilfe der Seinen zu bearbeiten, da hieß es wieder, ihn hat die Strafe Gottes ereilt, indem er jetzt sein Feld bestellen muß und sein Brod verdienen muß im Schweiße seines Angesichts. Es war ein schöner Frühlingsmorgen, als die unglückliche» Verbannten in Welischoni ankamen. Mit erstauntem Auge blickten sie um sich, sie Alle, die zum ersten Male so recht die schöne Golteswelt, die Natur sahen. Es war ihnen zu Muthe, als wenn sie bisher in einem Kerker gelegen wären und jetzt mit einem Male die Freiheit erlangt Hütten. Sie konnten sich nicht satt sehen an dem blauen Himmel, a» dem goldenen Sonnenlicht, an den grünen Bäumen und den wogenden grünen Wintersaaten. Mit vollen Zügen athmeten sie die frische würzige Luft und lauschten vergnügt dem Sang der Vögel »ud dem Rauschen des Baches. Noch wußten sie nicht recht, was sie mit ihrem Eirund und Boden, mit ihren Bäumen und Wiesen anfange» sollten. Aber sie sahen die Bauern ringsum arbeiten, und alle sahen so gesund ans und fröhlich und sangen, während sie hinter dem Fluge einhergingen und säeten. Jentel sah mit stillem Vergnügen ihren Pater, wie er da saß auf der Bank vor dem hübschen mit Ziegeln gedeckten Hause, die Hände im Schooße gefaltet, und sich lächelnd umsah und sich nicht zu rege» wagte, als wenn er fürchten würde, ans dem schönen Traum zu erwachen. Endlich, als sie die Hand aus seine Schulter legte, sah er sie an, nickte ihr zu und sprach: „Wozu uns gräme», da Gott die Welt so schön erschaffen hat?" Die Verbannten hatten sich im kleinen Edelhofe in kurzer Zeit wohnlich eingerichtet. Ihre einzige große Sorge war jetzt, wie sie das Feld bestellten, wie sie ihr Gütchen bewirthschaften sollten. „Deshalb brauchst Du noch kein Kopsweh z» bekommen, Vater," sprach Jentel. „Zuerst wollen wir uns Bauern zur Arbeit nehme» und wollen recht aufpassen, wie sie es mache», von ihnen lernen, und dann werden wir nächstes Jahr im Stande sein, Alles allein zu bestellen." Und so geschah es. Sie nahmen Arbeiter ans und die beiden Söhne Joseph und Moses schlossen sich ihnen an und halfen nach besten Kräften und suchten ihnen die Kunstgriffe an den Fingern abznsehen »nd lernten rascher, als sie es für möglich gehalten. Nur Eines ließ sich so rasch nicht erlernen. Für den Anfang war ihr