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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-02-19 · Heft 8 (19.2.1892) · p. Seite 96

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 8 (19.2.1892)
Date
1892-02-19
Page
Seite 96 (sequence 12)
Language
German
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96 Bei diesen Worten erhebt sich ein allgemeiner Tumult. Der Präsident entzieht dem kühnen Redner das Wort. Der Polizei- Lieutenant schließt die fröhliche Wühlerversammlung. U Fitterarische Mittheilungen. * D. Leimdörfer: Das heilige Schriftwerk „Kohelet" im Lichte der Geschichte. Neue Forschung über Eeelesiastes nebst Text, Uebersetzung und Kommentar. Hamburg 1892, G. Fritzsehe^s Buchhandlung. Wir begrüßen diese neue Forschung auf dem Gebiete der biblischen Eregefe mit einer Freude, die nur der mitzuempfinden vermag, der die Arbeit geistigen Schaffens kennt und selbst die Tpfer für dieselbe nie gescheut. In gilt durchdachter, snstematischer Weise enthüllt uns diese Schrift neue -Aufschlüsse über das biblische Bllch „Kohelet," wahrend in einer hierzu vorgenommenen Gruppirung der Verse dieses Buches manche treffliche Erklärung einzelner Stellen gegeben wird. Die Widersprüche in diesem Buche, wo bald Mahnungen zmn Genuß der Freuden des Augenblickes ganz in epikuräischem Sinne, bald Lehreil eines die Welt mit ihren Freuden fliehenden Weisen mit deru Rufe: „Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist nichtig!" Vorkommen, haben von jeher den Exegeten viel zil schaffen gemacht. Ter Verfasser obiger Schrift, Herr David Leimdörfer, hat mit einem richtigen Blick den gordischen Knoten glücklich gelöst; er sagt: das Buch „Kohelet" steht auf dem Boden der Geschichte und kann nur im Lichte seiner Zeitgeschichte verstanden und richtig erklärt werden. Tie Zeit seiner Entstehung ist die des Königs Alexander Jannai (1< >5 -7^) und der Verfasser desselben ist kein Anderer als der dem Hofe nahe stehende Simon b. Schetach. Dasselbe wird iiüt einer Evidenz nachgewiesen, die wahrhaft überrascht. Er gruppirt die Stellen in „Kohelet", die Ausschluß geben über: 1. den Verfasser <S. 5»; 2. die Erlebnisse im Staate fS. 5); 8. den Köllig und seine Umgebung < S. <)>; 4. die kriegerischen Zustande (S. 8); 5. den Materialismus und sein Gefolge <S. 9»; 6. die Tboren ilnd Weise »S. 10»; 7. die Schriststellerei «S. 11>; 8. die mündliche Lehre iS. Io,; 9. den Mangel am Nationalen iS. 18»: lo. die Sprache im Allgemeinen (S. 191. Der König in Kohelet, fahrt er S. 6 und 20 fort, ist der hasmonäisehe jüdische König -Alexander Jannai, der aus den: Gefängnisse zur Königswürde emporgestiegen war, ganz wie es Kohelet 4, 14. angiebt: „denn aus dem Gefängnisse kam er heraus, um zu regieren, auch in seiner Negierung war er arm." Ter zweite Theil dieses Verses bezieht sich aus das traurige Geschick seiner Regierung. Ter zweite Jüngling iu Vers 15 daselbst ist der zweite Sohn des Königs Jannai,Hnrkan II., der Nachfolger dieses Königs Jannai. Wichtig erscheint uns, was der Verfasser S. 24 und 25 über die religiöse Parteien damaliger Zeit, welche in Kohelet ihre Erwähnung erhalten, sagt. Ten Glauben der Pharisäer an eine göttliche Vorsehung und an eine freie Selbstbestinnnung des Menschen — findet er <S. 20) in Kohelet 2, 14—16: 9, 1-11; 1, 18; 2, 1; besonders 11, 9. Ihnen gegenüber wird die Lehre der Saddueäer von dem freien Willen des Menschen ohne den Glauben an eine göttliche Vorsehung als Thorheit gebrandmarkt. Die dritte Partei, die Essäer, die übertriebenen Frommen, findet der Verfasser S. 88—84 in den Thoren daselbst. Gründlich ist das, was in dieser Schrift über Simon b. Schetach <S. 45—47» als dem Verfasser von Kohelet gesagt wird Als Vorsitzender des Synhedrion führte derselbe den Titel „Fürst", Nassi, was der -Angabe in Kohelet „König in Jerusalem" entspricht. Der Name Salomo, den er führt, geschieht in: Sinne eines Kollektivum und Abstraktum für „Weisheit", eine Benennung, die dem Simon ben Schetach zukommen kann. Die ganze Anlage und die Tendenz des Buches Kohelet liegt in der geschickten Wahl der räthselhaft klingenden, doch tief eingreifenden Spruchsprache, N/22N von der auch im Talmud so Vieles vorkommt. In derselben versteht er dem Könige derbe Wahrheiten zu sagen, die er sonst nicht gesagt Hütte. Der letzte Theil dieser Schrift bringt das ganze Buch Kohelet in seinem hebräischen Text mit deutscher Uebersetzung und Erklärung, die viel Treffliches enthält. Nicht unerwähnt lassen wir die in dieser Schrift gegebenen Darstellungen S. 84—87 vor: den Essäern; S. 17—80 von den Sadducäern und Pharisäern; S. 26—27 von der Vergeltung; S. 25 von der Vorsehung; S. 27—80 von der Unsterblichkeit; S. 16—20 von Alexander Jannäus; S. 41—50 von Simon ben Schetach; S. 89—40 vom Tetragrammaton. Ausführlicheres üb.r dieses Thema enthalten die betreffenden Artikel in Hamburgers Realeneyelopädie für Bibel und Talmud. So möge diese i vorzügliche Arbeit ihre verdiente Verbreitung im In- und Auslande finden, j ' Dr. I. H. | ' Lion Wolfs, Universal-A g ende für j üdische Kultusi beamte. Handbuch für den Gebrauch in Synagoge, Schule und Haus. Zweite vollständig umgearbeitete und vermehrte Ausl. Mit Kompendium. 2 Bd. Berlin 1891. E. Boas Nachf. Das vorliegende Werk ist nicht nur eine neue Auslage der int Jahre 1880 erschienenen — übrigens längst vergriffenen — Agende; es ist ein ganz neues Werk, welches den dreifachen Umfang des früheren hat. Die Nützlichkeit eines solchen Buches, das alle vorkommenden Fälle in der Synagoge und im Hause ent- | hält, ist jedem Eillgeweihten klar, naluentlich in Rücksicht auf kleinere Gemeinden, wo der Vorbeter zugleich Religionslehrer, Prediger Schochet und Mosel ist. Das Werk enthält alle Gebete bei einzelnen Kasualien (Beschneidung, Verlobung, Hochzeit, Beerdigung, Konfirmation u. s. w.); für welche Fälle auch Vorträge und Reden gegeben werden. Dem modernen Zuge entspricht es, daß der Thätigkeit des R e ligi onslehrers ein ganzer Abschnitt gewidmet ist. In demselben werden Normalschulpläne und ausführliche Probelektionen gegeben; sogar die Mischna (von der eut -Abschnitt hebräisch und deutsch nebst Erklärungen gegeben wird» ist in den Kreis der Betrachtung gezogen. Hier scheint uns nun allerdings des Guten etwas zu viel gethan. Sehr werthvoll für den Kulj tusbeamten ist der XIV. -Abschnitt, der sämmtliche Minhagim für das i ganze Jahr enthält. — Ein glücklicher Gedanke war die Hinzuj fügung eines Kompendiums in kleinem Format, das alle hebräischen! Gebete enthält und bei den einzelnen Kasualien in der Tasche mit- > geführt werden kann. Leiber ist die Korrektur namentlich des he- I bräischen Texes nicht sorgfältig genug gewesen; es kommen unanz genehme Druckfehler vor. Dagegen ist sehr zu loben die vornehme und gediegene Ausstattung, welche die Verlagshandlung dem Werk hat angedeihen lassen, das wir als ein für den .Kultusbeamten unentbehrliches bezeichnen müssen.! * Lina M orgenst ern: T ie Frau en des 19. Ja hrh u nder t s Verlag der deutschen Hausfrauen-Zeitung, Berlin. Die Verfasserin giebt in diesem höchst interessanten Werke, das in drei Prachtbänden mit 21 Porträts erschienen ist, eine internationale Kulturgeschichte der Frauen; am Faden biographischer Darstellungen hervorragender weiblicher Personen schildert sie die Frauenbewegungen aller Kulturläuder und giebt durch die ebenso unterhaltend als anregend geschriebenen Biographien, nach sorgfältigem Quellenstudium davon Zeugniß, daß die Frau neben ihren: natürlichen Berufe als Gattin, Mutter und Erzieherin des Kindes sich als energische Arbeiterin auf allen Gebieten zeigt, die das Gesammtwohl fördern, und daß sie bestrebt ist, durch stille Gedankenarbeit, wie durch thalkräftiges Wirken in Vereinen zur Lösung der sozialen Probleme und Wirrsale auch ihrerseits beizutragen. „Diese : Tendenz," so sagt die „Gesellschaft", „tritt nirgeuds aufdringlich hervor, sondern erweist sich aus den mitgetheilten anmuthig erzählten Thatsachen." Lina Morgensterns Verständniß, die einzelnen unter sich verschiedenen Frauentypen so auszuwähten und zu zeichnen, daß die abstrahirten Eigenthümlichkeiten zusammen zu dem Endziel eines günstigen Urtheils über das Mitwirken der Frauenwelt an der Entwicklung unseres sozialfaruiliüren Lebens führen, ist der wesentliche Vorzug dieses Werkes- Durch reale Anschauung wird uns allmülig ein deutliches Bild von der rechten Würdigung der Frau, wie sie unser Jahrhundert verlangt, vermittelt; zugleich erreicht die Verfasserin ihren Zweck, die meisten der geschilderten Charaktere als leuchtende Vorbilder im Streben und Thun der weiblichen Nachwelt darzustellen. Das Buch ist ein werthvolles Geschenk für jede Bibliothek, namentlich für unsere Damenwelt. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwik in Berlin.

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