Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1892)
- Date
- 1892-02-19
- Page
- Seite 95 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Bevölkerungszuwachs Deutschlands beträgt ein Prozent jährlich, hieran nehmen die 20 Millionen Arier mit 0,ft Prozent, die 75 Millionen Aethiopier aber mit 1,2 Prozent Theil. (Ruf: Hört, hört!) Wie lange wird es dauern und die weißen Gesichter — diese Flecken auf der Karte Deutschlands, in unseren Versammlungen und Gesellschaften, roerden ganz verschwunden sein! Ja, wenn der Arier sich noch als Deutscher fühlen wollte — er kann sich aber nicht von seiner Rasse, bent Germanenthum, lossagen. Er ist international. Sollen wir nun den! natürlichen Verfall dieses Geschlechtes Einhalt thnn in übertriebener Humanität? Lassen Sie uns nicht vergessen, meine Herren (jetzt sprach der Redner mit erhobener Stinnne iin Ton einer Posaune), daß die Väter dieser Germanen unsere Väter und Mütter aus ihren idyllischen Heinistätten vertrieben haben (Pfui!) Ich sage nur: Mpuapua! Ich erinnere nur an den Doktor Peters, jenem unheilvollen Pizarro, der, nachdem er die Kultur Afrikas zerstört, sich als Kupaudo Scharo zum Kaiser dieses Welttheiles aufgeschwungen und blutig herrschte, bis er und seine Satrapen der gewaltigen Faust des Marschalls Liebeskind von Sonnenthal erlagen, welchen Baruch, der Staminvater der jüdischen Afrikakaiser, gegen ihn entsandt hatte! In meiner Mittwochsvorlesung meine Herren, werde ich — Der Vorsitzende: Ich muß den Herrn Redner darauf aufmerksam machen, daß er sich nicht im Hörsaal der Universität, sondern in einer politischen Versanunlung befindet. — Dr. Buschiri: Pardon. Herr Präsident, der Gegenstand riß mich hin. Nun also, meine Herren, lassen Sie alle anderen Interessen bei Seite, seien Sie einig nur in dem einen, dem Kampf gegen die Arier, und machen Sie den Schornsteinfegermeister Ketschewajo zu ihrem Kandidaten. Herr Ketschewajo bedauert, heute nicht in unserer Versanunlung anwesend sein zu können, weshalb ich an seiner Statt redete. — Er ist mit Allem, was ich und meine Parteifreunde im Präsens, Persektunl und Futurum reden, mit ganzer Seele einverstanden. Vor vielen Jahren wurden die räuberischen Agr-Arier, welche die Straßen sperrten und Kornzölle erhoben — stehe Interregnum, Wintersenrester (Glocke des Präsidenten) niedergeworfen, führen wir nun auch die Arier ihrem unausbleiblichen Schicksal entgegen, und werden im eminentesten Sinne des Wortes staatserhaltend handeln (Beifall und Zischen). Zum Schlüsse besteigt ein ganz unbekannter Kandidat die Tribüne, um folgende Rede zu halten: Da ich erst seit Kurzem in diesem Wahlkreis verweile, werde ich den Herren vielleicht nicht bekannt sein. Ich muß mich daher vorstellen. Ich bin Nemo Oudeis. Welcher Partei und welchen! Wahldistrikt ich angehöre, dies vorläufig zu verschweigen gestattet mir das Reglement. Ihr lieben Brüder (Zuruf: Nanu!), ach, was waren das fürschöne Zeiten, als die Germanen auf Bärenhäuten in ihren undurchdringlichen Wäldern zechten, als Jakob Labans Schafe hütete, als der nackte Gallamann im Schatten seines hohen Bananenzannes schlummerte! Damals regierte die herzhafte Keule, der eindringliche Spieß oder sonst ein überzeugungskräftiges Instrument. Aber diese Waffen galten nur den Feinden. Heute aber, Ihr Hochgepriesenen, drescht Ihr einander mit den Zungen tobt, der Freund den Freund, der Bruder den Bruder! l Unruhe.) Oder seid Ihr vielleicht uicht Freunde und Brüder, Ihr wackeren Deutschen? Habt Ihr zusammen nicht die Schulbank oder Eure Hosen durchgerutscht mit dem kleinen Einmaleius und, wenns hoch ging, mit dem großen? Habt Ihr nicht zusannnen auf den Gassen gespielt? Ist Euch nicht zusammen von der ersten Cigarre schlecht geworden? Habt Ihr Euch nicht gegenseitig in tausend süßen Jugendeseleien beigestanden? Habt Ihr nicht zusammen Blutsbrüderschaft getrunken in des Königs Rock? Habt Ihr nicht Frauen, mit welchen in Eintracht zu leben Euer höchster Wunsch ist? Buben und Mädels, die Ihr strafet, wenn sie streiten'? Habt Ihr nicht einen König, den! Ihr Friedere — einen Gott, den! Ihr Menschenliebe schuldet'? Ruhet Ihr dereinst nicht im gleichen Bett, im Schooß der Mutter Erde? (Stürmische Unterbrechung. Ruf: Wir sind in keiner ARethodistenversaunnlung.) Gegen Euer Gezänk, in welchem Jeder nur von sich selber spricht, Jeder nur sich selber hört, isi der Tanz heulender Derwische Aeolsharfenklang! (Rufe: Zur Ordnung.) Der Vorsitzende: Ich nehme an, daß sich der Vergleich des Herrn Redners nicht auf diese Wahlversammlung bezieht — Der Redner: Allerdings thut er das. Der Vorsitzende: Nach dieser Erklärung kann ich mich nicht veranlaßt sehen, durch einen Ordnungsruf die Redezeit des Herrn um fünf Minuten zu verlängern. (Sehr richtig.) Der Redner: Warum bleibt der Professor nicht ans seinem Katheder, der Landmann bei seinem Pfluge, der Kaufmann in seinen! Magazin, der Tischler an seiner Hobelbank, der Schuster bei seinen! Leisten? Wollt Ihr denn Alle Weltgeschichte!nachen, Ihr Thoren? Weltgeschichte! Ein großes Wort für eine kleine Sache! Was ist die Weltgeschichte? Tie Geschichte der Bezähmung des Menschen, Rassen und Völker trennenden Egoismus! Und was ist der Fortschritt des Menschengeschlechtes? Die Befreiung der Völker aus abschließendem Volksthum zu einer Kultureinheit! Ihr aber säugt den Egoismus groß, ruft die schlununernde Bestie in der Menschenbrust wach und stellet die Nächstenliebe an die Schandsäule! (Lärm.) Wie jämmerlich klein ist die Erde, wenn Ihr sie vergleicht mit der Sonne, lim welche sie als williger Trabant kreist! Und wie klein ist diese Sonne der Centralsonne gegenüber, die mit ihren! ganzen Systen! wieder nur der Trabant eines unendlichen Mittelpunktes ist, Milliarden und Milliarden von Gestirnen bilden die Welt, und Ihr Ameisen kribbelt hier durcheinander auf einer Nadelspitze und macht Weltgeschichte! Jeder kramt hier seine billige Weisheit aus; Jeder meint, ohne ihn könne es nicht gehen; Jeder thut, als ob er ewig zu leben hätte — und doch ist das Leben nur kurz, ein Hauch, und doch steht hinter Jedem von uns der Tod! Wißt Ihr denn nichts Gescheiteres zu thun, als die geringe Spanne Zeit, die Euch gelassen mit hoher Politik zu verkürzen? Euer Verdienst ruhmhaft in die Sonne, die Verdienste Anderer aber in den Schatten zu stellen? Ihr äet Wind und Ihr werdet Sturm ernten, meine werthen Freunde! Dieser Sturm wird Euch wegblasen wie Spreu und keine Spur wird mehr bleiben von Euren Crdentagen, Ihr Wichtigmacher! Wenn es heute einen! nichtsnutzigen Butcher (worthless buteher) von Kometen einfällt, mit seinen! Schweife unsere Erde unsanft zu bewedeln, geht die ganze Herrlichkeit in Stücke. Ich hoffe, daß dann jede Fraktion und jedes Fraktiönchen ein ins Weltall hinausfliegendes Fragment oder Fragmentchen für sich bekommen wird! Was ist dann die Erde gewesen? Ein Knallbonbon mit einem ungereimten Vers, den Niemand lesen wird! Und was wird aus Euch? Nichts Anderes, als was Ihr jetzt seid — Staub! Narrenstaub, denn Ihr seid Narren im eminentesten Sinne des Wortes!