Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1892)
- Date
- 1892-02-12
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
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75 Ich glaube, dieser Artikel ist charakteristisch, charakteristisch namentlich Die Unverfrorenheit, mit der die allerhöchste Person in die Sache hineinuezogen wird. Diese Unverfrorenheit sucht ihresgleichen. Die Herren sind von Tag zu Tag kühner, um nicht einen anderen Ausdruck zu gebrauchen. Die „Westfälische Reform" sagt in ihrer letzten Nummer: „Wir bezichtigen reu Schächter Buschoff hiermit öffentlich des Mordes, und zwar des rituellen Mordes, und fordern ihn auf, gegen uns die Verleumdungsklage enzustrengen, damit wir in die Lage versetzt werden, öffentlich die Beweise für seine Schuld beizubringen." Ich komme zu der Hauptsache, 51t der Frage des rituellen Mordes. dieser Beziehung erklärt die „Kreuzztg.", die ja immer noch als Dauptorgau der konservativen Partei gilt, und die so wacker unter der Hahne des Herrn Stöcker marschirt, „wir richten an die Justizverwaltung das dringende Gesuch, das Ergebnis; der gerichtlichen Unteriuchung betreffend den Mord in kanten möglichst bald in ihren; ganzen Umfange zu veröffentlichen." Was sagt der Justizminister dazu, das; er ron dem Organe der konservativen Partei aufgefordert wird, in jedem beliebigen Stadium den Stand einer Untersuchung 511 veröffentlichend?ie „Krcuzztg." fährt dann fort: „Unser deutsches Volk hat ein Recht darauf, zu verlangen, das; sofort Klarheit geschaffen werde. Mehr als ,1 einwandsfreie Zeugen haben den Schächter Buschoff aufs Schwerste belastet. Nach dem ganzen Stand der Untersuchung besteht heute der bringende Verdacht, das; ein Mitglied desjenigen Volkes, von welchem 700,000 Angehörige das Gastrecht in; deutschen Reich geniesten, zu! idisch-rituelleu Zwecken den Mord veranlass hat. Die nachsichtige Be-! andlnng des Judenthums fatttt nicht so weit gehen, das; man das allenteilte Verlangen des deutschen Volkes ttach schtteller 'Aufklärung der Fache ungehürt lästt." Was sagen Sie dazu? Das steht 'Alles im Hauptvrgan der konser- . atmen Partei. <Hört, hört: links.) Das alberne Märchen vom Ritual- 1 ivrd, das alt die finstersten Zeiten des Mittelalters erinnert. (Lachen rechts.) Dal denn dieses Organ nicht die Etnpfindung, das; dieses Märchen in unsere Feit nicht hineinpaßt? Wenn nicht im Hintergrund solcher Albernheiten der religiöse Fattatismus des Voltes steckte, nuntu er eine I lterarische Produktion wäre, die man nicht ernst zu nehtnen brattcht, so würden wir sie in aller Gemüthlichkeit lächelnd leset; wie ein Märchen uns alten Zeiten. Die Sache hat aber eine sehr ernste Seite. Werfen Fie diese Behauptungen in die Masse hinein, so erregen sie dett religiösen Fanatismus, und was das heißen will, davon hat die Geschichte blutige Feiten aufzuweisen Aber jene Herrett scheinen dafür keine Etnpsinduttg haben. Auch von katholischer Seite wird in einer Broschüre behauptet, liege ein Ritualmord vor. Dem gegettüber tttöchte ich darauf hin- 1 -eisen, das; tticht nur der Bischofs Kopp, sondern auch hervorragende Däpste schon in früheren Jahrhunderten in Wort und Schrift dagegen aftraten. So war es namentlich der Kardinal und spätere Papst « Amganelli, der int Jahre 1750 darauf hittwies, das; die Juden in den Anfängen des Christettthutns die gleichen Beschtildiguttgen gegen die «Christen erhoben hätten, und das; es von den Ehristen eine Thorheit 1 uire, solche Behauptungen aufzustellenoder zu glauben. Denken Sie doch l itch an die neuesten Beweguttgen in China, die sich gegen das Christenl iititt richten. Da werdet; die gleichet; Tinge behauptet det; katholischen ohristet; gegenüber, wie sie die Antisemiten hier geget; die Juden vorlringen. Die Christen werdet; in China beschuldigt, das; sie aus den -lugen und detn Herz von chinesischett Kindern Säfte bereitet;. Zahllose Anklagen werden verbreitet. In einer Broschüre wurde behauptet, es n erden von den christlichen Missionären fortwährend kleine Kinder fvrt- A lockt, um ihnet; Herz und 'Augen auszuschneidett. Man hätte in; Hause l u; Christen gat;ze Haufen von Leichett « hört! hört! , gefunden. Ist das "cht dasselbe, was die „Kreuzzeitung" gegen die Juden vorbringt? -ehr gut! links.) Sind das die christlichet; Waffen der Liebe und Tol ranz, die Waffen der Verfassung und des Gesetzes? «Sehr gut! links.» Dicht Gäste, sondert; gleichberechtigte Mitbürger des Staates sind die ,\ubett, und wehe dem, der an diese;; Rechtet; rüttelt. (Lachen rechts., Ich verlange von; Minister keine Antwort; giebt er mir eine, so "erde ich ihtn dankbar sein. Ich maße mir heute kein Urtheil über das -chuldig oder Nichtschuldig an. Ich habe das Vertrauen in den Gang intserer Justiz, daß sie, wenn es irgettdtvie möglich ist, det; Schtlldiget; var Rechenschaft zieht. Wozu ich tttich aber verpflichtet fiihle, ist das, Verwahrung dagegen eiuzulegen, daß Volksversatt;mlut;get; sich bentühet;, i'uter Verdäch igtu;g unserer Justizbeamten unb selbst des Justizmiuisters ' in dieser oberflächlicheu;;nd frivolen Weise den Versuch zu machen, in det; Gang der Justiz einzugreifet;. Dagegen tnüssen wir ein für alle Mal protestiret;. « Lebhafter Beifall links.) Abg. Stöcker «konf. >: Ich gehöre nicht zu denen, welche durch den; Fall Buschoff die öffentliche Meinung aufgeregt haben. Ich habe noch! nie in einer Volksversammluttg über diese Sache gesprochet;; trotzdem! must ich sagen, das; mir die Aufreguttg des 'Abg. Rickerk sehr unj gerechtfertigt scheint. Tie liberale Presse hat alle Ursache, in Bezug auf! Verdächtigungen vor der eigenen Thür zu kehren. (Zustimmung rechts.»! Wen;; es aber wahr ist, das; Bttschoff wieder verhaftet ist, so zeigt mir j das am deutlichsten, das; die öffetckliche Bewegung ttöthig war. < Wider-! spruch links.) Datu; stittnnt also die Justizverwaltung zu, daß bei der erster; Haft etwas versäumt mordet; ist. Ich gehöre nicht zu denen,; welche in; öffentlichen Lebet; von Ritualtttorden sprechet;. Ich lehne iht; - ab und warne auch meine Freunde davor, über solche Dittge zu sprechen, i Für tttich ist es einfach undenkbar, das; der jüdische Ritus eit; Ab; schlachtet; von Menschen, einen Gebrauch von Blut zu ritualen Zwecken i fordert. 'Aber es hattdelt sich uach meiner Meittung nur tun den Ausdruck, daß vielfach in; Laufe der Geschichte aus 'Aberglauben unb I Fanatismus Christeu, besonders Christenkinder, von Juden umgebrachl - mordet; sind. Daran zweifelt Niemand. 'Roch heute sind im Orient > solche Fälle sehr häufig. Ich erinnere den 'Abg. Rickert auch an de;; j Fall Bernstein in Breslau, bei dem es sich herausgestellt hat, daß Bernj ft eit; tvirklich aus religiösen Motiven Christettkittdern Bltlt abzapfte. Cr wurde datu; für uuzurechnuttgssähig erklärt; das ist ittntiei' das beste Mittel, tut; solche Dittge aus der Welt zu schaffet;. «Widerspruch, Zischen und Pfui lit;ks.> Bei all diesen Prozessen weget; jüdischen Mordes zeigt sich beständig, daß, nachdem die Unschuld des betreffenben Augeschuldigten festgestellt ist, sich niemals der Schuldige finbet; fonft findet man iht; doch it; der überwiegenden Fahl der Fälle, bei diese;; Prozessen merkwürdiger Weise tue. (Widerspruch linkst. Das sittd Dittge, die ich den; 'Nachdenken des Herrn Rickert empfehle. Ich beabsichtige nicht, det; Justizminisler durch Beantragtutg einer Interpellation zu einer Aeusteruug über det; Fall Buschoff zu zwinget;, aber ich tnöchte iht;, ausgehet;d von einiget; Ereignissen der letztet; Zeit, bitten, gewisse Dittge seiner freuttdlichet; Erwägtutg zu unterbreitet; und uns, wenn er; es für nöthig bält, darüber feine Meinung zn sagen. Herr Rickert spricht itntner nur von.; Fall Buschoff, das ist nicht der einzige, der die 'Aufregtutg hervorgerufet; hat, die viel natürlicher! und begründeter ist als die, welche die Herren da drübet; geget; das : Schulgesetz it; Scene setzen. >Beifall rechts.. Die anderen Fälle, die; einen ebenso großen 'Antheil an der Aufregung der öffetttlichen Meitnmg! haben, das sind die Fälle Bleichröder, Liebmatm, Morris de Jonge! Den letztere;; Fall werde ich tnir erlauben, beim Etat des Kultus-! tninisteritnns zur Sprache zu bringet;, um uachzuweifen, wie leicht heut).! Jemand it;s Irrenhaus gesteckt wird: auch it; Bezug auf die änderet; j Fälle beschränke ich mich, attgesichls der zutn Theil noch schwebettden! Untersnchunget;, für diese Lesung darauf, zu bettterket;, das; die Justizvertvaltuug ungemein gezögert hat, sich auf die Sache einzulassen, unb ’ erst dttrch die öffentliche Meittung, dttrch Volksversammlungen, Petitionen! u. s. w. zun; Einschreiten veranlaßt worden ist. Das mag Herr Rickert! erkläret;, weshalb int Volke die Meinung aufkonnttt, daß, wenn es sich i um eine jüdische 'Angelegenheit handelt, matt bei uns in Preußen die | Sache nachsichtiger behandelt, Nehmen Sie z. B. den Fall Bleichröder.; Ich will auf die schmutzige Ehebruchsgeschichre nicht eittgehen, ich glaube! auch ohne Weiteres de;;; Oberstaatsanwalt, das; er keinen Beweis für! Meitteid gesundet; hat. Ich weist es also nicht, ob der Eid echt oder! falsch war. Das; aber die Schrift des Rektors 'Ahlwardt nicht sofort! naet) de;;; Erscheinet; zur gerichtlichen Verfolgung 'Anlast gegebet; hat, das l giebt doch zt; denken. Cs sittd ja allerdings hochgestellte Persönlichkeitet;! darit; bloßgestellt, die Bleichröder in dieser Chebruchsgeschichte kleit;e? Gefälligkeiten erwiesen haben. Für tuich als Preußen unb Christen ist es aber ein peinliches Gefühl, daß nicht sofort au; folgenden Tage der Richter zur Hand war, um die Sache weiter zu verfolgen. (Zustitutnnng rechts.» Ich kam; der Justizverwaltung deshalb den Vorwurf tncht ersparet;, daß es erst der öffentlichet; Meinung geluttgen ist, die Sache vor Gericht zu bringen. Beim Fall Liebtuann habet; wir die gleiche Erscheinung. Hier hattdelt es sich darntn, daß eit; Richter, trotz tttehrfacher Warttung, um zu deuunziretl, etwas beschwört, was sich nachher als falsch, ja geradezt;