Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1892)
- Date
- 1892-02-05
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
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mich in Dein Bett, ich will unter Deiner Decke mich erwärmen". Gönne mir wenigstens, daß ich öfter in Dein Hans kommen darf, und daß meine alten Augen an seinem Anblick sich erfreuen dürfen." Andern Tags kam Rabbi Nochein in die Zelle Ehaita's, und den furchtsamen und weinenden Knaben an die Hand nehmend, führte er ihn zu sich nach Hause. Wer und von inelcher Art ist Rabbi Nochem? Ihr wundert Euch wohl, wenn ich Euch sage, daß dies ein Mann von nicht ungewöhnlicher Berühmtheit sei. Ihr hörtet niemals von ihm; ein Beweis mehr, daß man bei vielen Kenntnissen noch sehr viel Dinge nicht weiß. Rabbi Nochem erfreut sich wegen seiner Gelehrtheit, seiner Frömmigkeit und wohlthätigen Handlungen beim israelitischen Volke eines bedeutenden Rufes. Er ist ei» sehr gediegener Talinndist, und die Lehre der „Kabala" studirt er mit unermüdlichem Eifer. Einige behaupten, daß im Himmel und auf Erden seinen Augen nichts verborgen sei. Doch kann ich mich nicht solcher Ansicht mit Gewißheit anschließeu. Dagegen habe ich unwiderlegbare Beweise für seine Thaten und die Folgen derselben, die ich mit eigenen Angen kennen lernte. Ich sah häufig, >vie er arme, abgerissene, hungrige Judenknaben schaarenweise uni sich sammelte; ich sah hilfsbedürftige, gekrümmte Greise, denen er seinen Arm zur Stütze reichte. Doch davon ist nicht jetzt Zeit, zu sprechen. Ich möchte nur Einiges von beit Anlagen und Ansichten des Rabbi Nochem erwähnen, insofern sie ans die künftige moralische Bildung Chaimchens einen mächtigen Einfluß üben können. Außer der hebräischen Sprache und dem profanen jüdischen Jargon versteht Rabbi Nochem nicht einen anderen einzigen Ansdruck und hat noch nie ein anderes Wort ausgesprochen. Hingenomnien von den religiösen Studien, hauptsächlich in den tiefen Geheimnissen der „Kabala" forschend, eine Arbeit, die, glauben Sie es mir, wenig Spaß macht, hatte er wohl niemals weder Zeit noch Gelegenheit, die Sprache des Landes 311 erlernen, das schon für seine Ur-Urgroßväter eine heimathliche Stätte ivar. Ich nehme jedoch an, daß außer Mangel an Zeit noch andere Gründe für diese tlnkenntniß vorliegen, so viel ich wenigstens Gelegenheit hatte, inich mi eigenen Augen zu überzeugen. Unlängst durch die Straßen der Stadt gehend, begegnete ich einem in Ongrod anlangenden Tabor von Abgebrannten. In einem der nahegelegenen Städtchen waren den armen Leuten die Häuser sammt Hab und Gut abgebrannt. Sie kamen jetzt auf Wagen, halbnackt und ausgehungert, viele zu Fuß, und aus jedem Gesicht war Elend und Verzweiflung, jammerndes Flehen um Rettung zu lesen. Dieser Tabor zog langsam durch die Mitte der Stadt und am Seiteupflaster standen zahlreiche Israeliten von den vermögenderen Klasse und blickten schmerzvoll auf das Unglück ihrer Mitbrüder. Parallel mit dein Tabor schritt am Seiteupflaster Rabb Nochem. Die traurige Lage der Unglücklichen hatte ihn so sehr ergriffen, daß große Thränen, eine hinter der andern, über die dunklen betvachsenen Wangen rollten. Er hielt in den Händen eine Blechbüchse, die er vor jedem der Zuschauer schiittelte, lim ein Almosen für die Abgebrannten bittend. Er bat nicht mit dem Munde, denn er sprach nichts, aber desto sprechender ivaren seine tiefen Blicke. So oft eine Kupfermünze oder ein Silberstück von den Zuschauern in die Blechbüchse fiel, so oft dankte er dem Geber mit einem Nicken des Kopfes voller Danksagung und einem weichen, segnenden Lächeln. Eine vorübergehende Frau, die nicht zu den Kindern Israels zählte, warf ebenfalls ein Geldstück in die Büchse des Rabbi Nochem. Er hatte ihr die Büchse nicht dargereicht, denn er hatte sofort erkannt, daß sie nicht zu dem Volke gehöre, zu dem die unglücklichen Abgebrannten sich zählten, nild als die Ungebetene ihre Gabe dnrgebracht hatte, warf er auf sie einen Blick, worin eine harte, uninilde Flaiiime zuckte, und schüttelte so stark seine Büchse, als wollte er ihr Geldstück < heransschleudern, und nickte nicht mit dem Haupte und lächelte nicht, sondern ging rascher, immer rascher, um jene Frau zu meiden. Ich war gerade zugegen, und als ich diesen Moment mit meinen Blicken erfaßte, dachte ich gleich an das kleine Chaimchen. Doch möglich, daß jene iveißen Lilien, auf ivelchen er eine Nacht durchschlief, daß ein Vergißmeinnicht ihm mit ihren himmelblauen Augen zuriefen: „Gedenke!" Ehaimchen wohnt bei Rabbi Nochem, besucht die Talmud-Thoraschule, und häufig gicbt ihm Rabbi Nochem des Abends selbst Unterricht. Er führt häufig mit dem Knaben lange Gespräche, erzählt ihm viele, ans den heiligen Büchern Israels geschöpfte Geschichten, und das ist kein kleines Opfer, da ihm diese Gespräche die thcure Zeit rauben und in dem ihm beliebten Studium und Gebeten stören. Aber was würde Rabbi Nocheni nicht thun, wenn er sieht, daß ein Armer seiner Hilfe bedarf, oder daß er in irgend ein kleines Herzchen die große Liebe zum israelitischen Volke und seinem Glauben einpflanzen kann! So unterrichtete eben vorgestern Rabbi Nochem den Knaben. Beide saßen in der niederen grauen Wohnung, Einer dem Andern gegenüber. Der Mann mit dem dunklen Gesicht und vollen Barte stützte den Ellenbogen auf den Tisch, die Hand erhoben, gleichsam zum Himmel zeigend: das Kind mit dem runden, klugen Gesichtchen saß auf einem hohen Tabouret, die Füße in der Luft haltend, die kleinen Händchen gefaltet und blickte mit seinen schönen, großen Augen unbeweglich in das Gesicht des Meisters. Rabbi Nochem ist ein Mystiker. Er glaubt an alle überirdischen Wesen, von welchen die großen Bücher erzählen, und zu manchen Engeln fühlt sein Herz sich besonders voll inniger, heißer Liebe hingezogen. Diese Liebe will er mit seinem Schüler theilen und erzählt eben vom Engel Sandalfon, der, in den Hiunnelsthoren stehend, die Gebete auffaßt, welche von der Erde zum Himmel steigen, und solche in Blumen von außerordentlicher Schönheit verwandelt, woraus er Kränze windet, die er dann zu den Füßen Jehovas niederlegt/ Ehaimchen hörte mit Entzücken von dem Engel der Gebete und des Mitleids, und als wollte er ihn erblicken, wandte er seine Augen nach oben. Da plötzlich stand vor seiner Einbildungskraft und Erinnerung die weiße Dame, welcher er einst auf dem Boulevard begegnete; er sah das sich zu ihm neigende schöne, milde Gesicht mit den blauen glänzenden Augen, in das er einst so tief blickte, und mit entzückendem Lächeln, die Blicke gen Himmel gerichtet, rief er laut: „Gieb ein Blümchen!" Aer heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Geheimnisse des Winterpalais. Während in dem alten Schlosse der Isenburger hebräische und polnische Klagelieder ertönten, verbrachte Eva die nächsten Tage nach dem Tode Franks in der Zurückgezogenheit ihres Zimmers. Die Gläubigen wollten sich ihr nahen, um ihr zu huldigen; man betrachtete sie nun als die Oberin und Prophetin der Gemeinde, aber Alle wies sie zurück. Einen nur, den alten blinden Leibdiener Iwan, der mit seinen lauten Klage» alle Gemächer erfüllte und nach der Prophetin verlangte, ließ sie vor sich. „Heil Dir, Herrin, Heil Dir, Emuna," sprach Iwan bei seinem Eintritt und warf sich Eva zu Füßen.